Qualifizierte Auswanderung

19. Oktober 2010, 18:52
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Die Aushungerung der österreichischen Hochschulen schadet dem Land immens - Seit Jahren flüchten vielversprechende Nachwuchsforscher über die Grenzen - Die verantwortlichen Politiker könnten am österreichischen Fußball Maß nehmen

Was bedeutet es eigentlich, wenn der ÖFB und die österreichischen Bundesligavereine der Bildungspolitik in diesem Land geistig einen Schritt voraus sind? Denn anstatt vornehmlich in teure Legionäre zu investieren, hat man für diesen Sport erfolgreich ein System aus Nachwuchsakademien aufgebaut, und alles deutet darauf hin, dass Österreich in naher Zukunft eine Rolle im europäischen Fußball einnehmen wird, die zumindest dem Einsatz der zur Verfügung stehenden Mittel entspricht. Doch weiß man: Ganz ohne Legionäre, sogar deutsche, geht es auch nicht.

In der ÖVP wünscht man sich also möglichst junge, hochqualifizierte Einwanderer. Diese mögen doch bitte den österreichischen Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort stärken, und in das Sozialsystem einzahlen, anstatt es in Anspruch zu nehmen. So weit, so simpel. Doch fragt man sich, welche Veranlassung indische IT-Gurus oder israelische Hirnforscher verspüren könnten, ihr Heimatland zu verlassen, um in Österreich zu arbeiten oder zu forschen.

Es ist erstaunlich, dass sich ausgerechnet die ÖVP der Erkenntnis verweigert, dass sich der erhoffte Effekt der hochqualifizierten Einwanderung angesichts des bildungspolitischen Stillstands und des selbst mitverantworteten gesellschaftspolitischen Regresses nicht einstellen wird. Um es in einer der Partei vertrauten Sprache zu formulieren: Es handelt sich um einen Markt weltweit umworbener Spezialisten, in dem längst nicht nur mehr ein gutes Gehalt oder die vielzitierte Lebensqualität für Manager zählen, sondern Faktoren wie das gesellschaftspolitische Klima gegenüber sogenannten Ausländern, unbürokratische Einwanderungsregelungen, Wahlrechte, oder - man staune - ein hervorragendes Bildungssystem für den eingeschleppten Nachwuchs eine Rolle spielen.

Seit knapp einem Jahrzehnt flüchten vielversprechende Nachwuchsforscher in Scharen über die Grenzen und werden neuerdings über teure Rückholaktionen als junge Professoren wieder nach Österreich gelockt, wo sie dann feststellen müssen, dass ihre chinesische Partneruniversität mit besseren Geräten und unbegrenzten Mitteln für Personal die Grundlagenforschung schneller vorantreiben kann.

Ein mittlerweile gut dokumentiertes Phänomen verdeutlicht einen weiteren Aspekt der Problematik: Hochschulabsolventen mit türkischem Migrationshintergrund kehren in die Heimat ihrer Eltern zurück, weil sie dort dank ihrer vergleichsweise hohen Qualifikation und Mehrsprachigkeit mit offenen Armen empfangen werden, gut verdienen und rascher in verantwortungsvolle Positionen gelangen können. Gerüchteweise hält man sie dort nicht für notorische Frauenunterdrücker, potenzielle Selbstmordattentäter oder kopftuchtragende Gebärmaschinen, die das Land durch eine höhere Geburtenrate zu übernehmen versuchen.

Noch zehren die österreichischen Hochschulen von ihrem guten Ruf, sind ein Magnet für junge Menschen vor allem aus Deutschland, Ost- und Südosteuropa, aber auch anderen Teilen Europas und der restlichen Welt. Der freie und kostenlose Hochschulzugang muss in diesem Zusammenhang nicht als Belastung, sondern als Standortvorteil begriffen werden, der die Möglichkeit eröffnet, mehrsprachige Nachwuchsforscher, hochqualifizierte Arbeitskräfte, zukünftige Steuerzahler und mündige Bürger an das Land zu binden.

Die Voraussetzungen dafür sind bekannt: volle Ausfinanzierung der Hochschulen, Ausbau des englischsprachigen Lehrangebots, Ausweitung des Stipendiensystems, Erhöhung der Forschungsquote. Bei dieser Gelegenheit könnte man auch andenken, sich aus der Umklammerung des rechten Diskurses zu befreien. Denn Wahlen, so weiß man jetzt, sind damit nicht zu gewinnen. (Thomas Pantoi, DER STANDARD; Printausgabe, 20.10.2010)

Thomas Pantoi ist Doktorand am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Er protestiert auf der Straße und beschäftigt sich in seiner Forschung mit der ägyptischen Muslimbruderschaft.

  • Thomas Pantoi ist Doktorand am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der 
Universität Wien. Er protestiert auf der Straße und beschäftigt sich in 
seiner Forschung mit der ägyptischen Muslimbruderschaft.
    foto: privat

    Thomas Pantoi ist Doktorand am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Er protestiert auf der Straße und beschäftigt sich in seiner Forschung mit der ägyptischen Muslimbruderschaft.

  • Protesttag an den österreichischen Universitäten - Motto: Wenn Bildung teuer ist, dann probier aus, was Dummheit kostet.
    foto: standard/matthias cremer

    Protesttag an den österreichischen Universitäten - Motto: Wenn Bildung teuer ist, dann probier aus, was Dummheit kostet.

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