"Wall Street – Geld schläft nicht": Gladiatorenkampf im Haifischbecken

19. Oktober 2010, 21:09
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Oliver Stone malt sich in seinem Update von "Wall Street" die jüngste Finanzkrise als hitziges Familiendrama aus - mit mehr Humor als im Original

Wien - Unter den Hollywood-Regisseuren markiert Oliver Stone gern den linken Moralisten, der mit vollmundigen Ansagen vom Ende des Empires auffällt oder sich kumpelhaft in die Nähe lateinamerikanischer Populisten wie Hugo Chávez stellt - im Dokumentarfilm South of the Border hat er diesem und vier anderen Staatsführern einen Besuch abgestattet und dabei auch erfolgreich Cocablätter gekaut.

Stones Spielfilmschaffen kreist dagegen um markante Einschnitte in der jüngeren US-Geschichte: Vietnam (Platoon), JFK, Nixon, World Trade Center und W. ist er schon durch - in Wall Street hat er sich 1987 außerdem bereits mit den Auswirkungen neoliberaler Wirtschaftspolitik beschäftigt. Wie der Teufel es will, ist letzterer Film nicht unbedingt als Anklage eines fehlerhaften Systems in Erinnerung geblieben, sondern aufgrund der Attraktion seiner Hauptfigur: Gordon Gekko, mit geligem Haar und aalglatter Wendigkeit von Michael Douglas verkörpert, war ein Bösewicht, dessen Verdorbenheit eher zu Identifikation einlud.

Wall Street: Geld schläft nicht, die Fortsetzung der Saga, ist mit der Finanzkrise von 2008 nicht nur vom Zeitpunkt her klug angesetzt - auch Stone hat an Humor dazugewonnen und weiß nunmehr um die Wirkung seiner Figur. Das sichert ihm eine ironische Perspektive, die mit dem Wandel der Zeit (und der Verhältnisse) eine ähnliche Freude hat wie Douglas mit der Auffrischung seines Oscar-prämierten Parts. Gekko, dem beim Verlassen des Gefängnisses ein lachhaftes Retro-Handy zurückgegeben wird, ist also nicht geläutert. Doch die Finanzwelt hat an Tempo zugelegt, sodass er mittlerweile als Experte auftreten kann, mit knackigen Sprüchen wie: "Gier ist legal!"

Die Rolle des schülerhaften Anfängers (vormals Charlie Sheen, der hier nur in einem witzigen Cameo zu sehen ist) hat Shia LaBeouf inne, der bei einer Investmentbank nach Vorbild der Lehman Brothers Inc. arbeitet. So es stimmt, dass Popkultur auch ein kollektives Empfinden abbildet, ist dabei eine weitere Verschiebung interessant: Denn nicht etwa Gekko, sondern ein anderer treibt das Unternehmen in den Ruin, eine vulgärere Ausgabe des Kapitalisten, den Josh Brolin als breitmauligen Angeber anlegt.

Das charismatische Zentrum bleibt dennoch Gekko, der mit dem jungen Helden nicht nur als heimlicher Zuflüsterer verbunden ist, sondern überdies als treuloser Vater von dessen Freundin (Carey Mulligan). Zusammen ergibt all das ein stets ein wenig über Normaltemperatur erhitztes Familiendrama, in dem Stone natürlich die Jugend gegenüber den alten Schlitzohren bevorzugt, für die keine Ethik bindend ist, wenn es um Gewinnmaximierung geht.

Doch von Wall Street darf man sich ohnehin keine größere Einsicht als jene erwarten, dass auch die Finanzwelt gutes Parkett für Unterhaltungskino bietet. Man muss dafür die Figuren etwas ins Exzessive steigern, auf treffsichere Oneliner (Drehbuch: Allan Loeb und Stephen Schiff) vertrauen und die Glasbauten Manhattans in einem barocken Stil einfangen, der ihnen eine fast imperiale Aura verleiht - und damit etwas seltsam Anachronistisches: Wall Street ist eine Art Monumentalfilm für die Gegenwart. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10. 2010) 


Ab Freitag im Kino.

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  • Der fiese Broker und sein jüngster Zögling: Auch Jake (Shia LaBeouf) 
lässt sich in "Wall Street" vom Charme Gordon Gekkos (Michael Douglas) 
verführen.
    foto: centfox

    Der fiese Broker und sein jüngster Zögling: Auch Jake (Shia LaBeouf) lässt sich in "Wall Street" vom Charme Gordon Gekkos (Michael Douglas) verführen.

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