"Ich wünsche mir einen First Drama Flagship Store"

19. Oktober 2010, 18:18
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Das Autorenprojekt von Hans Escher und Bernhard Studlar fördert nichtösterreichische Dramatiker, die Deutsch schreiben

Standard: Als Sie 2005 die "wiener wortstätten" gegründet haben, erlebte die Autorenförderung eine Hochblüte. Was steckte dahinter?

Studlar: Der deutschsprachige Raum hatte Nachholbedarf. Im Angelsächsischen gibt es die Institution des Creative Writing schon lange. Es ist eine ewige Streitfrage von der Lehr- und Lernbarkeit von Schreiben, aber es gibt Methoden und handwerkliches Wissen, das vermittelbar ist.

Escher: Im deutschen Sprachraum gab es lange Zeit das Modell der Hausautoren. Aber das hat immer so geendet, dass die Autoren mit dem Tagesgeschäft der Dramaturgie so eingedeckt waren, dass das Schreiben zu kurz kam.

Standard: Die Gier nach Uraufführungen, über die sich Theater profilieren, hat das Förderbestreben wohl auch gepusht?

Studlar: Ja, wobei diese Entwicklung auch ein Dilemma ist. Die Förderung geht über die Uraufführung in der Regel ja nicht hinaus. Dass Stücke nachgespielt werden, kommt so gut wie nicht vor.

Standard: Wodurch unterscheiden sich die "wortstätten" von anderen Lehrgängen?

Studlar: Wir begreifen uns nicht als Ausbildungsinstitution; wir haben keine Altersbeschränkung. Die Autoren sollen davon profitieren, in einer Expertenrunde zu sitzen, ohne gleich in einer Wettbewerbs- oder Verkaufssituation zu sein.

Escher: Wir arbeiten weniger ergebnis- als prozessorientiert, was nicht immer geht; ein gewisser Druck ist wichtig. Manchmal funktionieren wir auch wie eine Agentur und vermitteln.

Standard: Wie haben Sie Ihre Werkstatt-Struktur entwickelt?

Escher: Vor allem aus der Differenz unserer beider Zugänge: Bernhard Studlar kommt von der Autorenseite, ich von der Regie.

Standard: Sie haben Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin (UDK) studiert. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Studlar: Zum Beispiel, dass man dort erfahrene Autorenpersönlichkeiten wie Oliver Bukowski als Gegenüber hat. Auch was Infos zur Branche, zum Verlagswesen betrifft. Man kennt sich ja am Anfang überhaupt nicht aus. Es ist eine gute Schule, es härtet ab.

Standard: Die "wortstätten" konzentrieren sich auf Autoren nichtdeutscher Muttersprache, die auf Deutsch schreiben. Wie kam das?

Escher: Das war verbunden mit einer damals von uns verändert wahrgenommenen Stadt Wien. Wir kamen beide nach Jahren von Deutschland nach Österreich zurück und fanden eine ungeheuer bunte Stadt vor, in der es viele Menschen unterschiedlicher Ethnien und Sprachen gab. Und davon viele, die auf Deutsch geschrieben haben.

Standard: Ist die fremde Muttersprache ein Aufnahmekriterium?

Escher: Nicht mehr ganz. Wir haben das gelockert; der Austausch mit österreichischen Autoren ist ja wichtig.

Standard: Inwiefern prägt die Muttersprache das Schreiben auf Deutsch?

Studlar: Eine bosnische Floskel, ins Deutsche übertragen, kann irritieren. Solche Übertragungen haben eine eigene Poesie und können tolle Sprachrhythmen ergeben.

Standard: Kritiker sagen, dass Fördermodelle eine Nivellierung von Stücken hervorrufen. Was halten Sie dem entgegen?

Escher: Unsere Stücke. Von Julya Rabinowich, Rhea Krcmárová oder Ewald Palmetshofer - da sind Welten dazwischen.

Standard: Ihre Vierjahresförderung wurde bis 2013 verlängert. Wo stoßen Sie an finanzielle Grenzen?

Studlar: Es wäre interessant, eine Brücke zu den Wurzeln der Autoren zu schlagen, zum Beispiel in die Türkei Übersetzungstransfers zu initiieren und Gastspiele, das ist bei 250.000 Euro jährlich aber nicht möglich. Und wenn ich mir noch etwas wünschen darf, dann einen First Drama Flagship Store, eine Mischung aus Turmbau zu Babel und Einkaufszentrum, in dem man als temporäres Projekt Theaterstücke in vielen Sprachen erleben kann. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 20.10. 2010)


Hans Escher (54), Regisseur, Bernhard Studlar (38), Dramatiker ("Transdanubia Dreaming", Uraufführung am Akademietheater 2003), sind Gründer der "wiener wortstätten". Das Stück "Weißbrotmusik" der aus Russland stammenden Marianna Salzmann wird derzeit im Nestroyhof-Theater erstaufgeführt; Termine bis 30. 10. um 20 Uhr.

  • Regisseur Hans Escher(links) und Dramatiker Bernhard Studlar
    foto: wiener wortstätten

    Regisseur Hans Escher(links) und Dramatiker Bernhard Studlar

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