Rundschau: Der Lichtschein am Ende des Wurmlochs

Josefson, 5. Februar 2011, 10:07
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coverfoto: septime

James Tiptree Jr.: "Quintana Roo"

Gebundene Ausgabe, 160 Seiten, € 18,90, Septime 2011.

Das neben der großen Strugatzki-Werkausgabe schönste Reissue-Projekt dieser Tage ist die Wiederveröffentlichung der Werke von James Tiptree Jr., der wohl besten Kurzgeschichten-Autorin, die die Science Fiction jemals vorzuweisen hatte. Richtig, -in. Dass Frauen unter männlichem Pseudonym schrieben, war vor dem großen Triumphzug diverser SF-Autorinnen in den 70ern nicht so ungewöhnlich - aber nie davor und nie danach sollte die Geschlechterverwirrung derartige Ausmaße annehmen wie im Fall der US-Amerikanerin Alice Bradley Sheldon. Korrespondenz nur über ein Postfach abzuwickeln und sich von den für Vernetzung und Popularität so wichtigen SF-Cons fernzuhalten, bescherte der Science Fiction ihren eigenen Thomas-Pynchon-Mythos. Und der hätte sich niemals derart auswachsen können, wären Sheldons Erzählungen nicht so spektakulär gut und neuartig gewesen: Da traf genaue Psychologisierung der Figuren auf einen kraftvollen Stil, da wurden Geschichten aus ungeahnten Blickwinkeln erzählt, sei es aus der Warte fremdartiger - wirklich fremdartiger - Wesen, durch eine Umkehrung der zeitlichen Kausalität oder durch Perspektivenwechsel, die das Gelesene im letzten Moment in ein völlig neues Licht rückten. Da wurde unbeschwert mit sexuellen Tabus gebrochen, da trafen knallige Ideen aus dem Genre-Fundus auf Metaphysik und eine unverkennbare Faszination für den Tod.

Als das Pseudonym "James Tiptree Jr." 1977, ein Jahrzehnt nach den ersten Veröffentlichungen, endlich offiziell gelüftet wurde, war es eine doppelte Überraschung: Selbst diejenigen, die im Zuge des jahrelangen Rätselratens die These, Tiptree könnte auch eine Frau sein, zumindest für möglich gehalten hatten, hätten nicht damit gerechnet, dass sie es nicht mit einer Jungen Wilden, sondern mit einer honorigen Dame in ihren 60ern zu tun hatten; von Beruf Psychologin. Wer die Bücher aus dieser Zeit zuhause hat, kann sich dem diebischen Vergnügen hingeben, den Ablauf der Tiptree-Debatte zeitversetzt nachzuerleben. Bei den ersten ins Deutsche übersetzten Werken ist noch ganz selbstverständlich von einem Mann die Rede. Richtig unterhaltsam wird es aber mit der Geschichtensammlung "Warme Welten und andere", die 1981 auf Deutsch herauskam, als Tiptrees wahre Identität bereits bekannt war - während das englischsprachige Original noch kurz vor der Enthüllung erschienen war, als immerhin schon diverse Gerüchte kursierten. Im Vorwort nahm der große Robert Silverberg dazu Stellung - und Wolfgang Jeschke, Herausgeber der deutschen Ausgabe, druckte dieses "aus historischen Gründen" (erkenne ich da einen Anflug von Schadenfreude?) mit ab. Silverberg darin: "Auch wurde gemutmaßt, Tiptree sei eine Frau. Diese Theorie finde ich absurd; denn Tiptrees Geschichten haben für mich etwas unverkennbar Maskulines." - Tja, manchmal hast du kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu.

Der Sammelband "Tales of the Quintana Roo" ist im Original 1986 erschienen und umfasste neben einer Vorbemerkung der Autorin drei Kurzgeschichten, die im gleichnamigen Bundesstaat Mexikos angesiedelt sind ... aufmerksamen LeserInnen des Wissenschaftsressorts wird er als die Region in Erinnerung sein, in der in jüngster Zeit mehrfach Skelette von Menschen des Eiszeitalters aus Unterwasserhöhlen geborgen wurden. Für Tiptree spielte allerdings eine sehr viel spätere Kultur die Hauptrolle: Nämlich die der Maya, deren Spuren auch in unserer Zeit noch nicht restlos verschwunden sind. Zwei winzige - und für die Handlung völlig bedeutungslose - Details der ersten Erzählung, "Was die See bei Lirios anspülte" ("What Came Ashore at Lirios"), verorten sie in der nahen Zukunft; ein mögliches Zugeständnis der Autorin an ihre SF-LeserInnengemeinde, das nur von denen gefunden wird, die danach suchen. Genre-Grenzen sind in "Quintana Roo" aber nicht das Thema. Nicht von ungefähr beginnt der österreichische Septime-Verlag seine Tiptree-Reihe mit diesem, im Inneren als "Band 5" gekennzeichneten, Werk. LeserInnen, die mit Phantastik nichts am Hut zu haben glauben, können so auf sanfte Weise an das Werk einer Frau herangeführt werden, die in erster Linie eine große Autorin war ... das Attribut große SF-Autorin ergibt sich gleichsam nebenher.

In den drei vorliegenden Geschichten verband Tiptree das, was heute als "Magic Realism" bezeichnet wird (im Nachwort verweist Tiptree-Kennerin Anne Koenen auf die lange Tradition des Magischen Realismus in der lateinamerikanischen Literatur), mit der Erzählweise, in der westliche Spukgeschichten vor 100 Jahren gerne erzählt wurden: Der Protagonist begegnet einem Fremden, der ihm etwas Unerhörtes berichtet. In "Hinter dem toten Riff" ("Beyond the Dead Reef") ist dies ein zugereister Bürger Belizes, der sich seine Erschütterung über eine beängstigende Begegnung unter Wasser aus dem Kopf zu spülen versucht, in "Der Junge, der auf Wasserskiern in die Ewigkeit fuhr" ("The Boy Who Waterskied to Forever";  Tiptree war nebenbei bemerkt auch stets meisterlich in der Titelgebung - siehe etwa "Your Faces, O My Sisters! Your Faces Filled of Light!", "Your Haploid Heart" oder "Her Smoke Rose Up Forever") schlüpft der Kapitän eines Fischerboots in diese Rolle. In "Was die See bei Lirios anspülte" schließlich ist es ein junger "Gringo", der halbverdurstet an der Küste auftaucht und ebenso in Quintana Roo gestrandet ist wie der ältliche Ich-Erzähler der Geschichte, der in seinem Kabäuschen lebt und das Meer als seinen Supermarkt betrachtet, oder der eigentümlich anziehende androgyne Schiffbrüchige, dem der junge Mann begegnet sein will. Alle drei sind also Erzählungen aus zweiter Hand, in denen sich mythologische Bezüge und Seemannsgarn frei entspinnen können. Einmal räumt der Ich-Erzähler, der in allen drei Episoden derselbe sein könnte, ein: Mein Informant stellt natürlich keine vertrauenswürdige Quelle dar.

Obwohl "Quintana Roo" eindeutig keine Science Fiction ist, finden Tiptree-Fans hier viele vertraute Elemente wieder: Das Aufeinandertreffen verschiedener Denkweisen (vor allem zwischen Maya-Nachfahren und US-AmerikanerInnen) oder auch die Gender-Thematik. Die Beobachtung einer Fischart, die das Geschlecht wechseln kann, verleitet den Ich-Erzähler zum Gedanken: Man stelle sich einmal unsere Welt vor, wenn alle erwachsenen Männer, all die O. J. Simpsons und Walter Cronkites und Leonid Breschnews, als kleine Mädchen und junge Mütter angefangen hätten. Ich verkniff mir gerade noch rechtzeitig das Lachen, sonst wäre ich ertrunken. Auch das Motiv der Vergänglichkeit ist hier so stark vertreten wie bei Tiptree seit eh und je - besonders in der ersten Erzählung ist die Todessehnsucht unverkennbar. Quintana Roo gibt dazu den stimmigen Hintergrund ab: Die lange Zeit weitgehend unberührte Region vermittelt einen Eindruck von Zeitlosigkeit, verstärkt durch das unerwartete Eindringen der Vergangenheit in die Gegenwart - etwa wenn der Wasserskifahrer auf eine längst versunkene Maya-Stadt zuhält, die sich plötzlich wieder in voller Pracht zeigt. Doch auch dieses zeitlose Land kann sich einer historischen Entwicklung nicht entziehen, denn die westliche Zivilisation ist in Form von Müll und Touristen auf dem Vormarsch. Die letzte Erzählung zeigt, dass diese Bedrohung nicht unbeantwortet bleiben könnte: Tiptree schildert hier die ersten Vorboten eines "Rache der Natur"-Motivs, zugleich ein kleiner Vorgeschmack auf die Untergangsszenarien, die sie in anderen Erzählungen entwarf.

Eine davon, das preisgekrönte "The Screwfly Solution", wird Teil der nächsten Tranche sein, die im Juni erscheinen soll; begleitet von der endlich ins Deutsche übersetzten Biografie "James Tiptree Jr. - Das Doppelleben der Alice B. Sheldon" von Julie Phillips, die dafür den "Hugo" erhielt. Ganz große Empfehlung!

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J. Josefson
01
23.3.2011, 19:00
Samstag

Auch wenn's bis dahin verdammt knapp wird.

wir halten Ihnen die Daumen!

An der "Feuer und Eis" Geschichte lese ich nun seit 2000 - die Wartezeiten auf neue Bücher wurde aber immer länger. Das neue Buch (auf deutsch wahrscheinlich wieder nur in zwei Teilen) soll nun vieleicht doch dieses Jahr erscheinen - so lautete es die letzten drei Jahre oder so.
Trotzdem: Diese Fantasy-Saga ist nicht nur ein großer inhaltlicher Wurf - etwas derart schlüssiges ist in diesem Genre rar - sondern auch literarisch ein Hochgenuß.

Die Rezession der Rezensionen ;-)

Wir warten.

...mehr oder weniger ungeduldig. :-)

mehr. aber so wie ich das sehe, wird wohl erst ine ein paar wochen was, oder?

J. Josefson
02
28.2.2011, 15:05

Dann fasse ich mal nach drei Wochen den Stand der angenehm unaufgeregt verlaufenen Diskussion und die geringe Zahl an vorgeschlagenen aktuellen(!) Fantasy-Titeln zusammen und komme zu dem Schluss: Es ist offenbar nicht erforderlich, hier jeden Monat fünf High-Fantasy-Epen vorzustellen - statt dessen werden entsprechende Erzählungen weiterhin einfach als ein Typ von vielen möglichen einfließen; mögen andere auch deutlich weniger dick auf dem Markt präsent sein.

Ich kann jetzt nur mal für mich sprechen, aber ich bin froh darüber das hier recht wenig "Mainstream" High Fantasy Bücher vertreten sind.
Man stelle sich vor sie würden mehr davon Rezessieren, und dann kommen die nächsten und fordern Vampierromane alla Twilight. Wo kämen wir denn da hin? ;)

Da sind mir Bücher wie "The Company" deutlich lieber.

Mal eine Frage aus Interesse, wie kommen sie immer auf diese Buchtitel, oft auch von Autoren die hier eigentlich gänzlich unbekannt sind?

J. Josefson
00

Da kann ich nur immer wieder raten: Möglichst viele verschiedene Medien lesen, die sich mit dem Thema befassen. Eine Linkliste befindet sich in der rechten Spalte dieser Seite - gewünschte Ergänzungen, wenn jemand einen guten Tipp parat hat, können jederzeit hinzugefügt werden.

Februar-Rundschau

nicht aus bösem willen, sondern aus purem eigennutz - und nein, die sind auch in diesem falle nicht notwendigerweise deckungsgleich, diese beiden saubären - schlage ich einen offenen brief an die chefredaktion vor: es geht nicht an, dass die februar-rundschau entfällt. daher: verbot für josefson sich so lange davonzumachen, dass gleich eine ganze rundschau entfällt. so geht es nicht, weil es das einfach nicht sein kann. genau. nieder mit urlaub, man binde josefson an seinen bevorzugten leseeort und verpflichte ihn auf 12 rundschauen im jahr!

In Wirklichkeit aber sitzt Herr Josefson

in irgendeiner Almhütte, wo es schön ist. Schlürft genießerisch Grünen Tee und ist von Buchstapeln umgeben. Er liest ein Buch nach dem anderen. Alle Vorhänge sind zugezogen. Wenn nicht seine liebe Begleitung andauern penzen tät', dass er endlich raus solle, wäre das lautete Geräusch das Ticken einer Kuckucksuhr im Hintergrund.
Ein Redaktör hat' s schwör!
;)

J. Josefson
01
28.2.2011, 13:13

Igitt. Auf Grünem (oder sonstwie farbigem) Tee würde ich nicht einmal meine Asche verstreuen lassen ...

also, dass hätten wir uns denken können. aber ist nomen omen wie der latinisierer sagt, oder solls doch mehr was in richtung c. seidl sein, der seinen familiennamen ja quasi zur berufung gemacht hat?

Die Josefson-Box

Am besten Herrn Josefson gleich in eine grosse Schwarze Box stecken - solange keine Rundschau erscheint wird er sowohl lesen als auch nicht-lesen.

Damit Herr Josefson auch etwas Abwechslung hat, muss er zudem die Rezensionen in die Origingalsprache des Buches übersetzen (z.B. ins Japanische, wegen dem Wortwitz und so). Dafür stellen wir ihm die entsprechenden Regeln und Symbole zur Verfügung. Die Übersetzungen kann er durch einen Schlitz wieder aus der Box geben. Jeder kann dann selbst entscheiden ob Herr Josefson intelligent ist, oder vielleicht doch nur ein Rezensionsroboter.

Da Schrödinger-Chinese-Box etwas lang ist, postuliere ich hier mal die Josefson-Box....

interssante Idee

rein arbeitsrechtlich allerdings eher bedenklich...

Kennt jemand diesen Roman?

Wer kennt evtl. Titel bzw. Autor dieses Fantasy Romans? Das Buch ging leider verloren.
Grobe Handlungsskizze aus der Erinnerung:

"Eine vor langer Zeit zerschmetterte Welt in einer riesigen Blase aus Luft. Auf den größeren Brocken leben Menschen.
So eine Art von magischen Stein auf jeder dieser Miniwelten erzeugt deren Gravitation bzw. Stabilität.
Ein Berufsdieb, der Gestaltwandler ist (er ann zu einem Bären werden), stiehlt einen Stein aus einem mächtigen Schloss auf einer dieser Welten, die einem Magier gehört. Er wurde dazu von einer Zauberin gezwungen. Daraufhin droht diese Miniwelt auf ihre Nachbarin zu stürzen. Die Zauberin darf diesen Stein nicht bekommen, da er noch andere Kräfte besitzt. Verfolgungsjagd..."

Windup girl auf English ist nicht ohne!

Und ich kann behaupten sehr gut englisch zu sprechen! Allen unsicheren würde ich mit vorbehalt die deutsche version empfehlen (habe selbst nur die englische gelesen).

Ich fand die englische Version durchaus zugänglich. Die Sprache ist relativ klar und schnörkellos, ohne auf bildhafte Beschreibungen zu verzichten. Die Wortneuschöpfungen, die in Science Fiction-Romanen zwangsläufig vorkommen, erschweren vielleicht etwas den Einstieg, aber das gibt sich.

Schwerer getan hab ich mich mit dem barock angehauchten Englisch von China Miéville. Trotzdem genial!

Rundschau: Fast alle holen sich nur Anregungen und ich erkenne fast keinerlei Lust zur Diskussion. Bei der Qualität der Rezensionen von Josefson ist das schade...
Polemische Aussagen wären u.a. gefragt. Z.B.: "Hohlbein ist sch...e", etc.

Die Qulität ist halt so hoch das kein Raum mehr für Diskusionen bleibt.

PS: Hohlbein ist schei*e.

Von Hohlbein würde ich nie und unter keinen Umständen auch nur irgendetwas lesen!

Und, dass seine Bücher nicht lesenswert sind, wissens dann woher?

Hier wurde versucht durch "polemische Aussagen" die Diskussion anzuheizen.

Was bisher leider nur in Ihrem Falle gelungen ist:-)

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