Wie die Kirche versucht, jung zu sein

19. Oktober 2010, 19:06
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Zum fünften Mal nehmen tausende Jugendliche an der Aktion "72 Stunden ohne Kompromisse" teil

Die mit Abstand größte Gruppe, die aus der Kirche austritt, sind die 20- bis 30-Jährigen. Laut der aktuellen Jugendwertstudie glauben zwar 69 Prozent der 14 bis 24-Jährigen an Gott, doch nur für elf Prozent ist Religion sehr wichtig. Und das, obwohl Wiens Jugendbischof Stephan Turnovszky fest davon überzeugt ist, "dass in Kindern und jungen Menschen ein Grundbedürfnis herrscht, dass sie Gutes tun lässt". Am Wochenende will die katholische Kirche wieder zeigen, dass sie jung ist - zumindest 72 Stunden lang.

Bereits zum fünften Mal findet die Aktion "72 Stunden ohne Kompromiss" statt, bei der junge Menschen karitative Projekte in ganz Österreich betreuen. Welchem Projekt sie zugeteilt werden, erfahren sie aber erst kurz vor Beginn der Aktion. Das Angebot ist vielfältig, obwohl heuer alles unter dem Motto "Europäisches Jahr gegen Armut" steht.

Aus Perchtoldsdorf in Niederösterreich stammt etwa die Idee "Spuren von Fremdenfeindlichkeit entfernen". Dabei fotografieren junge Leute alle rassistischen und beleidigende Sprüche oder Zeichnungen an öffentlichen Plätzen und reinigen diese dann in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Wirtschaftshofs. Das Ergebnis wird wieder abgelichtet und soll in einer späteren Ausstellung präsentiert werden. In Wolfsberg in Kärnten werden drei Tage lang Schuhe geputzt, damit sich die Jugendlichen mit der Thematik der Kinderarbeit in Entwicklungsländern auseinandersetzen. Der gesammelte Erlös soll an ein afrikanischen Hilfsprojekt gespendet werden.

Fortsetzung der Audimax-Besetzung

In Wien, wo mit über einhundert Aktionen die meisten Projekte stattfinden werden, wird zum Beispiel in der Währinger Straße 19 ein Flohmarkt in einem unscheinbaren, alten Geschäftslokal organisiert. Zwar befindet sich dort noch keine offensichtliche karitative Einrichtung, doch steht das Haus in Besitz der VinziRast, die dort das Corti-Haus, eine Notschlafstelle für Obdachlose einrichtet. Das geschieht auf Initiative von und in Zusammenarbeit mit Studenten der Universität Wien, die in der Zeit der Audimax-Besetzung Kontakte zu Obdachlosen knüpfen konnten, und sie weiter unterstützen wollen. In zwei Jahren sollen die ersten Bedürftigen einziehen.

Sowohl Franz Küberl, Präsident der Caritas, als auch Ingrid Zuniga-Zuniga, Vorsitzende der katholischen Jugend, sind sich einig, dass Jugendliche entgegen der gängigen Meinung, sehr wohl ein Interesse an ehrenamtlicher Arbeit hätten. Für Zuniga-Zuniga ist es oft eine "Frage der Rahmenbedingungen, die den jungen Leuten gesetzt werden, denn viele wollen helfen, wissen aber nicht wo und wie".

Was die Jugend wirklich bewegt

Ob solch eine Aktion die Kirche wirklich jung machen kann? „Ich denke schon, dass es hilft, die Jugend wieder für die Kirche zu begeistern, doch es braucht auch mehr", sagt Jugendbischof Turnovsky. Dabei glaube er unter anderem, dass so genannte „Lebensschulen" eine positive Bindung zur Religion schaffen könnten. Dabei sollen nach dem Vorbild von Austauschsemestern, Schüler ein Jahr lang etwa nahe einem Kloster miteinander leben und beten. Ob so etwas je umgesetzt wird, stehe aber noch in den Sternen.

Hermann-Johannes Dörfler ist Religionslehrer an der HLW 10 am Reumannplatz im zehnten Wiener Bezirk und erzählt nach der Präsentation der „72 Stunden", was Jugendliche im Moment wirklich bewegt: „Schüler fragen mich in den Unterrichtsstunden, warum es sein kann, dass junge Leute von Behörden abgeholt und abgeschoben werden", erzählt der Lehrer. Er zeigt sich hilflos: „Zwar nehmen wir im Unterricht unter anderem die Kinderrechtskonvention durch, doch kann man sich dabei nur genieren, dass es immer noch nicht geltendes Recht ist." Deshalb hat er mit seiner Klasse ein eigenes Projekt für die gemeinnützige Aktion gestartet: Unterschriftensammeln gegen Inhaftierung von Kindern und Jugendlichen. (Bianca Blei, derStandard.at, 19. 10. 2010)

Termin:

21. bis 24. Oktober (Start ist um 15:00 Uhr)

Fünftausend teilnehmende Jugendliche betreuen über 400 Projekte

Link: 72 Stunden

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    Die katholische Kirche kämpft noch immer um ein jüngeres Image.

  • Alle zwei Jahre zeigt die Kirche, dass ihre Jugend "72 Stunden ohne Kompromiss" tätig sein kann.
    foto: katholische jugend österreich

    Alle zwei Jahre zeigt die Kirche, dass ihre Jugend "72 Stunden ohne Kompromiss" tätig sein kann.

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