Sexuelle Gewalt das am seltensten verurteilte Kriegsverbrechen

19. Oktober 2010, 11:59
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NGOs ziehen Bilanz: Umsetzung der UN-Resolution läuft vielerorts "nur schleppend" - Ökonomisches Empowerment der Schlüssel zu stärkerer Frauen-Beteiligung an Friedensprozessen

Wien - "Frauen in der Rolle als Friedensstifterinnen zu stärken ist eine Aufgabe, die auch zehn Jahre nach der Verabschiedung der UN-Resolution 1325 noch viele Anstrengungen braucht", betonte Irene Freudenschuss-Reichl, Leiterin der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit im Außenministerium, zum Auftakt der Veranstaltungsreihe "Kein Friede ohne Frauen" anlässlich des 10. Jahrestags der Verabschiedung der UN-Sicherheitsratsresolution 1325 "Frauen, Frieden und Sicherheit" am Dienstag.

In Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen und der Europäischen Union bemühe sich Österreich, Frauen an die Verhandlungstische in Friedensprozessen zu bekommen, so Freudenschuss-Reichl: "Wir haben unter anderem dafür einen Nationalen Aktionsplan ausgearbeitet. Konkret unterstützen wir zum Beispiel Frauen, damit sie an den Friedensprozessen im Kosovo und im Nahen Osten aktiv teilnehmen können." In den kommenden zehn Jahren wird sich die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit weiter engagieren, damit Frauen in Friedensbemühungen voll eingebunden sind. Schon bislang hat Österreich wichtige Eckpunkte zur Umsetzung der UN-Resolution unterstützt. Darunter auch das Programm von CARE, das zu 80 Prozent aus Mitteln der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit finanziert wird.

Kriegswaffe Vergewaltigung

Aus der Sicht der Geschäftsführerin von CARE Österreich, Andrea Wagner-Hager, ist die Bilanz nach zehn Jahren UN-Resolution 1325 zwiespältig: "Zwar war der Beschluss im UN-Sicherheitsrat ein Meilenstein auf dem Weg der Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen, die Umsetzung läuft jedoch vielerorts nur schleppend." In 300 Friedensverträgen, die weltweit seit Ende des Kalten Krieges vor 20 Jahren geschlossen wurden, wurde sexuelle Gewalt in lediglich 18 davon thematisiert. Sexuelle Gewalt, die zunehmend als Kriegswaffe eingesetzt werde, sei das am seltensten verurteilte Kriegsverbrechen. Und auch in Ländern wie Afghanistan, Burundi, Nepal oder Uganda müssten Frauen weiter darum kämpfen, an Friedens- und Wiederaufbauverhandlungen gleichberechtigt teilzunehmen.

"Recht darauf, an der Gestaltung der Zukunft teilzunehmen"

Wagner-Hager: "Der Grundsatz 'Kein Friede ohne Frauen' sollte eine Selbstverständlichkeit sein, denn gerade Regionen, die oft jahrelang von kriegerischen Auseinandersetzungen geplagt wurden, können und dürfen es sich nicht leisten, auf das wichtige Potenzial von Frauen zu verzichten, wenn es darum geht, wieder einen funktionierenden Alltag herzustellen und gesellschaftliche Wunden zu heilen. Frauen haben das Recht darauf, an der Gestaltung der Zukunft teilzunehmen und ihre Visionen einer friedlichen Gesellschaft in die Nachkriegsstaatenbildung einfließen zu lassen."

Frauen wirtschaftlich stärken

Zehn Jahre UN-Resolution 1325 seien aus globaler Perspektive betrachtet kein Grund zum Feiern. "Aus der Perspektive von Care Österreich ist dies aber ein Anlass, gemeinsam mit der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit auf unsere Programme, die auf dieser Resolution basieren, aufmerksam zu machen. Wir zeigen, dass es möglich ist, Frauen aktiv in Friedensprozesse und in die Gestaltung ihrer Lebenswelt einzubeziehen: indem man die betroffenen Frauen wirtschaftlich stärkt, sie über ihre Rechte aufklärt und ihnen so gezielt Zugang zu den Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen ermöglicht", so Wagner-Hager.

Lillian Mpabulungi, Advocacy Manager von CARE in Uganda, berichtete von Fortschritten in ihrem Land bei den Bemühungen, Frauen nach dem zwei Jahrzehnte dauernden Bürgerkrieg verstärkt in Friedensprozesse einzubringen. So wurde in Uganda nicht nur ein Nationaler Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 im Jahr 2008 verabschiedet, sondern es gebe auch Evidenz für die verstärkte Einbindung von Frauen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene.

Auf der Basis von Dorf-, Spar- und Kreditvereinigungen (Village, Savings and Loans Associations, VSLAs) würden Solidaritätsgruppen gebildet. "Diese Vereinigungen stellen eine entscheidende Basis für kleine Unternehmungen dar, die zu einer wirtschaftlichen Stärkung der Frauen führen und diese befähigen, für ihre Familien ökonomisch zu sorgen." Darüber hinaus erhielten Frauen Trainings und bildeten psychosoziale Unterstützungsnetze für die Opfer von sexueller Gewalt. Durch gemeinsames Handeln der Solidaritätsgruppen mit der Frauenbewegung konnten auf nationaler Ebene schon einige Gesetzesänderungen erreicht werden.

Indu Pant Ghimire, Gender Advisor von CARE Nepal, erinnert an die aktive Rolle, die Frauen bei der Beendigung des jahrzehntelangen Bürgerkriegs zwischen Regierung und Maoisten in Nepal spielten. Nachdem Frauen zu Beginn des Friedensprozesses bei offiziellen Verhandlungen weitgehend fehlten, sei in den letzten Jahren ein Umdenken auf politischer Ebene feststellbar. So gibt es nun etwa in der Konstituierenden Versammlung eine 33-prozentige-Frauenquote. Auch die Repräsentanz von Frauen in Armee und Polizei sei signifikant angestiegen.

Aber es gebe noch viel zu tun. "Bei der Schaffung von Frieden geht es nicht nur um formale Verhandlungen, sondern auch darum, greifbare Auswirkungen des Friedens wie Zugang zu Bildung, Gesundheit und Schutz sowie Lebenschancen für alle sicherzustellen. Dauerhaften Frieden kann es auch in Nepal ohne die bedeutende Beteiligung von Frauen nicht geben", so Pant.

Festlicher Jubiläums-Abend

Kammerschauspielerin Andrea Jonasson unterstützte die Aktivitäten von CARE und der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit mit einer Lesung im Rahmen des festlichen Abends im ORF-Radiokulturhaus am Dienstag. "Ich bin stolz darauf, an diesem Abend mitwirken zu dürfen und damit ein Zeichen zu setzen, dass die Unterdrückung der Rechte von Frauen ein Ende haben muss. Das gilt besonders für arme Länder, wo Frauenrechte oft noch in den Kinderschuhen stecken. Die Arbeit von CARE beweist, dass es möglich ist, Frauen aus der Opferrolle zu befreien. Dafür setze ich mich gerne ein", so Jonasson.

Abgerundet wurde der Abend mit einem Soloprogramm von Sängerin und Schauspielerin Maya Hakvoort, das ganz unter dem Motto Toleranz und "Frauenpower" stand.

UN-Sicherheitsresolution 1325 "Frauen, Frieden und Sicherheit"

Die Resolution 1325 wurde am 31. Oktober 2000 vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einstimmig verabschiedet. Es ist die erste UN-Resolution, welche die wesentliche und aktive Rolle von Frauen in allen Phasen von Friedensbemühungen, von Friedensverhandlungen bis zum Wiederaufbau zerstörter Gesellschaften, betont und die besonderen Auswirkungen von Konflikten auf Frauen hervorhebt. Auch die verstärkte Einbindung von Frauen in politische Entscheidungspositionen sowie in zivile und militärische Friedensoperationen sind Ziele der Resolution. (red)

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    Nach zehn Jahren "Frauen-Frieden-Sicherheit" steht fest: Frauen in Kriegsgebieten müssen weiter darum kämpfen, an Friedens- und Wiederaufbauverhandlungen gleichberechtigt teilzunehmen.

  • Nationale Aktionspläne zur UN-Resolution 1325 - Übersicht weltweit
    grafik: handout care

    Nationale Aktionspläne zur UN-Resolution 1325 - Übersicht weltweit

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