Krankhafte Lust auf Ungenießbares

19. Oktober 2010, 11:59
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Zuviel oder Zuwenig - Darum dreht sich alles bei Bulimie und Anorexie - Beim Pica-Syndrom ist nicht das „Wie viel", sondern das „Was" ausschlaggebend

Skurrile Meldung aus Frankreich im Jahr 2004: Chirurgen entfernten aus dem aufgetriebenen Bauch eines Patienten 350 Ein-Euro-Münzen - Gesamtgewicht 5,5 Kilogramm. Zwei Wochen später starb der Mann an den Folgen seiner Erkrankung. Der Franzose litt unter einer seltenen Form der Essstörung, kurz Pica genannt.

Nicht immer ist die Lust auf Ungenießbares bei dieser qualitativen Appetitstörung ausschließlich auf ein bestimmtes Objekt fokussiert, manchmal essen sich die Betroffenen auch quer durch den „Gemüsegarten". Ein kurioser Speiseplan, auf dem sich unter anderem Buntstifte, Blumenerde, Seife, Schaumstoff und Haare wiederfinden. Der diebischen Elster (Pica Pica), die bevorzugt alles was glänzt in ihren Schnabel nimmt, verdankt das Pica-Syndrom seinen Namen.

Schwangerschaftsgelüste

Pikazistische Phänomene sind nicht immer auch pathologisch. Der weibliche Körper beispielsweise verlangt während einer Schwangerschaft manchmal nach seltsamen kulinarischen Köstlichkeiten. „In der Vergangenheit wurde immer wieder diskutiert ob das Essverhalten schwangerer Frauen bereits eine Variante des Pica-Syndroms ist", erzählt Till Preißler, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Landesfrauen- und Kinderklinik in Linz. Krankheitswert besitzen diese Gelüste allerdings nicht, denn in der Regel greifen Schwangere nicht nach ungenießbaren Objekten.

Menschen, die jedoch dazu neigen Zündhölzer, Asche oder gar Kot zu verspeisen, tun das aus den unterschiedlichsten Gründen und bisweilen ist dieser Drang sogar nachvollziehbar. So wird die Pica in der Literatur unter anderem als instinktive Reaktion auf einen konkreten Mangelzustand beschrieben. Damit erklärt sich das Essen von Gips, Erde, Kreide, Kieselsteinen oder Zement. Fehlende Mineralstoffe und Spurenelemente werden auf diese Weise supplementiert.

Mangel an Liebe

Doch nicht nur Nährstoffdefizite stecken hinter dem ungewöhnlichen Appetit. Auch ein Mangel an emotionaler Zuwendung kann dafür verantwortlich sein. „Diese Patienten versuchen auf dem Umweg Essen etwas zu bekommen, das ihr Unterbewusstsein vermisst", vertritt Preißler die sogenannte Stresstheorie, die das Pica-Verhalten als Antwort auf Deprivation oder Verwahrlosung interpretiert. Ein harmloses Verhaltensmuster, solange sich der Mensch im Kleinkindalter befindet. Pathologisch wird es erst, wenn dieses frühkindliche „Von der Hand in den Mund-Verhalten" von bleibender Dauer ist.

Neben der Beteiligung psychosoziales Faktoren zählen Menschen mit psychotischen Störungen, Hirnschädigungen, Demenz oder Epilepsien zu den Risikogruppen der Pica. Ist eine schwere geistige Behinderung die Ursache, sind die Betroffenen gar nicht in der Lage zwischen genießbar und ungenießbar zu unterschieden.

Bedrohliche Komplikationen

Verglichen mit den quantitativen Essstörungen, wie der Anorexie oder Bulimie, ist das Pica-Syndrom erfreulich selten und diagnostisch sind sie allesamt keine große Herausforderung. „Wie bei allen psychiatrischen Störungen reden jedoch auch die Pica-Patienten nicht gerne über ihr Problem. Der Leidensdruck muss schon sehr groß sein, damit die Betroffenen von ihren seltsamen Vorlieben erzählen. Das verzögert die Diagnostik natürlich erheblich", weiß Preißler.

Im Fall des Pica-Syndroms ist der Faktor Zeit allerdings eine potentielle Gefahr. Mit der Größe, Menge, Form und stofflicher Zusammensetzung des einverleibten Objekts steht und fällt die Chance auf eine bedrohliche Komplikation. Die Betroffenen sehen sich unter anderem mit Vergiftungen oder mechanischen Verletzungen durch spitze Gegenstände konfrontiert. Bei größeren Festkörpern besteht das Risiko eines sofortigen Bolus-Todes. Der Fremdkörper verklemmt sich im Kehlkopf und kann auch durch heftiges Husten nicht mehr heraus befördert werden. Todesursache ist ein reflektorischer Herzstillstand. 

Schluckt der Pica-Kranke bevorzugt kleine Objekte, dann geraten diese möglicherweise sprichwörtlich „in den falschen Hals". Anstelle des natürlichen Weges über Mund und Speiseröhre in den Magen, gerät das Geschluckte in die Atemwege und der Betroffene droht zu ersticken. Schafft es das Objekt problemlos bis in den Darm, ist der Darmverschluss eine lebensbedrohliche Komplikation.

Haariges Problem

In diesem Zusammenhang sei auch das Rapunzel-Syndrom, eine Variante der Pica, erwähnt. Die Patienten reißen sich büschelweise die Haare aus und schlucken diese anschließend hinunter. Haare sind unverdaulich und bilden im Verdauungstrakt ein gefürchtetes Bezoar, ein Knäuel aus Haaren, der nicht transportiert werden kann und letztlich zum Darmverschluss führt.

Wird die Pica noch vor dem Eintreten einer Komplikation erkannt, helfen unter anderem verhaltenstherapeutische Maßnahmen. „Es geht weniger darum die Patienten zu heilen, als alternative Mechanismen zu finden, ihr Verlangen zu stillen", beantwortet Preißler die Frage, ob die Pica-Therapie denn überhaupt Heilung verspricht. Die in der Fernsehserie „Private Practice" verwendete Gesichtsmaske hält der Psychiater für keine Erfolg versprechende Lösung. (derStandard.at, 10.10.2010)

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    Der übermäßige Genuss von Ein-Euromünzen kostete einem Franzosen das Leben.

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