Im Land des Jadekohls

19. Oktober 2010, 17:30
  • Artikelbild
    foto: imagemore c., lts/corbis

    China, weichgezeichnet, das ist Taiwan. Im Bild das Hualingebirge bei Sonnenaufgang.

  • Artikelbild
    grafik: der standard

    Anreise & Unterkunft

    mit China Airlines direkt ab Wien oder Eva Air mit einem Stop.
    Das Silks Place in der Tarokoschlucht.
    Das Din Tai Fung in Taipeh wurde von der NY Times einst unter die zehn besten Lokale der Welt gewählt.

    Infos: www.taiwantourismus.de

Taiwan ist China für Einsteiger, meint Tobias Müller und wundert sich über manch touristische Absonderlichkeit

Für Essen können sich Taiwaner begeistern. "Oh mein Gott, es ist der Kohl", schreit die junge Frau entzückt, als sich die Reihen der japanischen Touristen lichten und sie endlich in die Vitrine sieht. Dort steht es, das Prunkstück des Palastmuseums von Taipeh: der Jadekohl. Das Objekt hält, was der Name verspricht: Aus einem Stück Jade, dass aufgrund seiner unterschiedlichen Färbung als minderwertig galt, schnitzten chinesische Künstler im 19. Jahrhundert eine täuschend echte Nachbildung eines Kohls und machten es damit unbezahlbar - ein Meisterwerk der naturalistischen Gemüseplastik. Heute ziert das Werk Postkarten, Reiseführer und Kühlschrankmagneten.

Das Palastmuseum in Taipeh ist der Stolz Taiwans und die Schmach Chinas. Taiwan heißt offiziell Republik China. Die Insel Taiwan ist für die Regierung bloß eine Provinz, die Hauptstadt ist offiziell Nanjing und Taipeh nur provisorische Vertretung, solange Festlandchina von den Kommunisten besetzt ist. Das Problem: nur 23 Staaten, darunter außenpolitische Schwergewichte wie Swasiland, Palau und Tuvalu, sehen das noch so. Alle anderen erkennen das Land offiziell nicht an, für die Volksrepublik China ist die Insel eine abtrünnige Provinz.

Im Bürgerkrieg 1949 vertrieben die chinesischen Kommunisten die damals regierende Kuomintang-Partei, deren Führer Chiang Kai-shek und drei Millionen seiner Anhänger flohen auf die Insel im Pazifik. Den Großteil der Schätze, die die chinesischen Kaiser über Jahrtausende in Peking gehortet hatten, nahmen sie mit. Die Sammlung ist so groß, dass immer nur ein Prozent gezeigt werden kann, alle paar Monate werden die meisten Exponate ausgetauscht. 25 Jahre dauert es, bis alles einmal gezeigt wurde. Die Volksrepublik muss seit dem Bürgerkrieg damit leben, dass ein Haufen Aufständischer ihr nationales Erbe verwaltet.

Unzensiertes Internet

Taiwan ist China für Anfänger: EU-Bürger brauchen kein Visum, in jedem Hotel gibt es unzensiertes Internet, und Hunde essen ist per Gesetz verboten. Die Straßen sind sauber und haben keine Löcher, es gibt öffentliche Toiletten und Naturschutzgebiete, im Parlament sitzen mehrere Parteien, die bei freien Wahlen gewählt werden können. Weil Westler sich chinesische Namen nicht merken können, tragen Rezeptionisten oder Kellnerinnen, die eigentlich "schöne Morgenröte" heißen, Namensschilder, auf denen "Suzie" oder "David" steht. In Hightech-Parks forschen Wissenschafter an Bildschirmen für das US-Militär, die dünn und rollbar wie ein Blatt Papier sind, aus den Fabriken des Landes kommen der Großteil aller Computerchips. Daneben stehen Tempel, in denen fröhlich mit Räucherstäbchen gewedelt wird, Opfergeld verbrannt und Geister und Götter um Rat gefragt werden. Die Insel ist der Garten Eden aller Sinologie-Studenten, denen China dann doch zu wild ist.

Die Taiwaner haben eine sehr eigene Vorstellung davon, was eine Touristenattraktion ist. Besonders stolz sind sie etwa auf den Sonne-Mond-See, einen kleinen Bergsee, an dessen Ufern Hochhäuser aus den Sechzigern in den Himmel ragen und in dem Schwimmen verboten ist, weil man in ihm nicht stehen kann. An den Hängen rund um das Wasser wächst ein dichter Urwald aus Bananen, meterhohen Farnen und Betelpalmen, überall duftet es nach Jasmin. 80 Prozent der taiwanischen Hochzeiten werden an dem See gefeiert. Was Menschen aber nach der Hochzeitsnacht hier tun sollen, bleibt schleierhaft.

Seit einem Jahr führt von dem See eine Seilbahn über zwei Berge ins "Formosan Aboriginal Culture Village". Ein taiwanischer Ureinwohnerstamm errichtete hier auf seinem Land vor 20 Jahren einen Funpark mit Spaceshot und Hochschaubahnen. Eine Aborigine, die sich Angel nennt und einen Kunstblumenkranz im Haar und weiße Sportschuhe an den Füßen trägt, führt Besucher durch das angeschlossene Museumsdorf. "Wir haben die Tradition, Feinde zu jagen und ihre Köpfe zu jagen", erklärt sie ernst vor einer Wand mit Totenschädel. "Aber essen tun wir sie nicht." Daneben gibt es im Dorf eine Statue eines Jägers, der ein Reh mit bloßen Händen erwürgt, und einen riesigen Penis, den Frauen küssen sollen, wenn sie einen Sohn bekommen wollen.

Fast unberührt bleiben hingegen die Strände. Weil die Taiwaner nicht schwimmen können, warten tausende Kilometer weißer Sand darauf, kultiviert zu werden, nur im Süden und Norden gibt es bereits vereinzelt Badeorte. Besser erschlossen ist die Mitte der Insel: Dort erhebt sich ein Gebirge fast viertausend Meter über das Meer, in den 50er-Jahren ließ der Diktator Chiang Kai-shek Straßen durch die Berge treiben. An einem Tag können Besucher seither vom tropischen Strand in den Schnee fahren. Besonders spektakulär ist die Tarokoschlucht: azurblaue Flüsse haben hier einen hunderte Meter tiefen Keil in den Marmor geschnitten. In den Felswänden stehen immer wieder in schwindelerregender Höhe Tempel und Pagoden, manche geziert von riesigen Hakenkreuzen, dem buddhistischen Sonnenzeichen und in Taiwan auch ein Erkennungsmerkmal für vegetarische Lokale. Mitten in der Schlucht liegt das Luxushotel Silks, in dem betuchte Gäste im Dachwhirlpool liegend den Affen zusehen können, wie sie durch die grünen Wälder toben. Sogar Wanderwege gibt es, auf denen keine Autos fahren können und einem daher höchstwahrscheinlich kein Taiwaner begegnen wird. Wer ihnen auf den 3952 Meter hohen Yu Shan folgt, den Jade-Berg, der erblickt auf der einen Seite China, auf der anderen den Pazifik.

Alle Gänge gleichzeitig

Ein Höhepunkt auch außerhalb des Museums ist das Essen. Taiwaner essen viel und oft, für Gäste werden meist zehn Gänge kredenzt. Gegessen wird in großen Gruppen, alle Gänge kommen gleichzeitig auf den Tisch, und dank der kleinen Portionen können alle alles kosten. Gedämpfte Teigtaschen mit Shrimps, doppelt gebratenes Bauchfleisch vom Schwein, mit Limetten gedünsteter oder gebratener Fisch, Muscheln in Chilisauce, sautierte Blätter des Vogelnestfarns, Süßkartoffelpüree und Mangosaft. Für Experimentierfreudige gibt es Quallensalat, Seegurken und Hühnerfüße. Bloß beim Gemüse kann einem manchmal ein Schrei auskommen: "Oh mein Gott, es ist der Kohl!" (Tobias Müller/DER STANDARD/Rondo/15.10.2010)

GevatterTod
00
9.12.2010, 10:08
Für Stalin war bis nach 1949

Tchiang Kai schek's Kuomintang der Repräsentant Chinas.
Moskau wollte den Bauernkommunismus des Mao TseDong nicht.

hab die gleiche Touristentour gemacht.

Man sollte sich die Wachsoldaten vor dem Museum und der Memorial Hall anschauen. Die stehen eine halbe Stunde - ohne einen Lidschlag!
Ist bei Taiwan-Chinesen ein beliebtes Photomotiv.

Herr Klugbeisser
00
20.10.2010, 07:25
Die Volksrepublik muss seit dem Bürgerkrieg damit leben, dass ein Haufen Aufständischer ihr nationales Erbe verwaltet.

Aufständische? Aufstand? gegen wen? wann?

Der Satz ist Quatsch.

Pro_vokateur
00
20.10.2010, 10:58

und es gäbe das nationale erbe wahrscheinlich längst nicht mehr, weil es genauso wie viele andere kulturgüter festlandchinas bei der kulturrevolution zerstört worden wäre.

GevatterTod
00
9.12.2010, 10:11
Von den Kulturgütern haben erstaunlich viele

die Kulturrevolution überlebt.
Man hat etliches vorher offiziell inoffiziell in Sicherheit gebracht.

beowulf2
 
00
2.11.2010, 21:35
Blödsinn das sind kaiserliche Eigentümer gewesen, dass wäre in der Schatzkammer gelandet und die roten Garden hätten keinen Zugriff darauf gehabt.

Siehe z.B. die verbotene Stadt oder die Terrakotta Armee welche während der Kulturrevolution - wenn auch in der Endphase - entdeckt und eben nicht zerstört wurde. Warum? Weil die Rotgardisten darauf keinen Zugriff hatten bzw. gar nichts davon mitbekommen haben.

Das Problem ist, dass bei uns im Westen zwar gerne ausführlich über die Schrecken und Schäden der Kulturrevolution geredet wird, aber überhaupt kein Wissen darüber vorhanden ist, was diese eigentlich war. Dann wäre vielleicht auch klarer, warum es bezüglich Aufarbeitung so schwer ist.

ps. Der Satz mit den Aufständischen ist ein Blödsinn. Streng genommen sind eigentlich die Kommunisten die siegreichen Aufständischen gewee

Pro_vokateur
00
3.11.2010, 08:32

nicht alle kulturgüter sind beweglich, und nicht alle kulturschätze chinas in peking. das wäre wie zu behaupten, alle kulturschätze frankreichs sind in paris.

und was die keine ahnung angeht - nunja, allgeimenplätze ohne beweise, bezüge oder konkrete angaben zeugen von ungeheuer viel wissen über die materie.

beowulf2
 
00
3.11.2010, 09:49
Gehts hier etwa nicht um die im Artikel beschriebene Kunstsammlung des Qianlong Kaisers im Palastmuseum in Taipeh?

"Den Großteil der Schätze, die die chinesischen Kaiser über Jahrtausende in Peking gehortet hatten, nahmen sie mit. Die Sammlung ist so groß, dass immer nur ein Prozent gezeigt..."

Die waren beweglich und aus Peking.

Das Kulturrevolutionsargument ist übrigens ursprünglich ein reiner KMT Untergriff gewesen, wenn sie von seitens der KP als Diebe beschimpft worden sind. Also primär ein politisches Propagandaargument.
Inzwischen ist dieser politische Streit aber schon obsulet und die beiden Palastmuseen in den beiden Chinas kooperieren schon miteinander. Also ist auch diese Argumentation schon nicht mehr angebracht.

Pro_vokateur
00
3.11.2010, 11:53

"obsolet"

die frage, ob genau diese kulturgüter vor der zerstörung gerettet worden wären, ist im zusammenhang der damaligen ereignisse wohl kaum relevant. fakt ist, dass ein großteil des historischen erbes mutwillig zerstört wurde. und dabei geht es nicht nur um objekte.

dass auf der anderen seite die guómíndang bei weitem keine heiligen waren, und sicherlich auch nicht die grossen retter der chinesischen kultur steht ebenfalls ausser zweifel. trotzdem finde ich es gut, dass sie nicht das schicksal von z.b. tibet teilen mussten.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.