Aktuelle Funde in Italien, Russland und Tschechien zeigen: Europäer sind viel länger Körndlfresser als bisher gedacht
Washington - Homo sapiens, der moderne Mensch, ist "von Natur aus" ein sogenannter Omnivore oder Allesfresser. Umstritten ist in der Wissenschaft allerdings, welcher Anteil der Nahrungsaufnahme bei unseren Vorfahren auf Fleisch und auf Pflanzenkost entfiel - und wann was bevorzugt wurde.
Bisher gingen Fachleute davon aus, dass die Menschen in Mitteleuropa zumindest bis zur Jungsteinzeit, also bei uns vor rund 7500 Jahren, vor allem als Jäger lebten und so hauptsächlich Fleisch auf ihrem Speiseplan hatten. Erst mit der Sesshaftwerdung sei aus den Carnivoren durch Landwirtschaft Auch-Herbivoren geworden und mehr pflanzliche Kost verspeist worden.
Spuren an Steinwerkzeugen
Diese These wird nun durch ein internationales Forscherteam erschüttert, das bei Untersuchungen in drei archäologischen Fundstätten in Italien, Russland und der Tschechischen Republik 30.000 Jahre Stärkekörner an Mahlsteinen sowie spezifische Abnutzungsspuren an den Werkzeugen entdeckte. Mit anderen Worten: Menschen in Europa stellten vor mindestens 30.000 Jahren Mehl her, wie die Forscher um Anna Revedin vom Italienische Institut für Vor- und Frühgeschichte in Florenz im Wissenschaftsmagazin PNAS schreiben.
Die Steinwerkzeuge, die die Forscher mikroskopisch untersucht hatten, wurden ähnlich wie Mörser und Stößel genutzt, berichten die Forscher. Die Abnutzungsspuren zeigten, dass damit Pflanzen zerstampft und gemahlen wurden. Die Stärkekörner, welche die Wissenschafter noch nach 30.000 Jahren an der Oberfläche der Werkzeuge nachweisen konnten, stammten vermutlich aus der Verarbeitung von Rohrkolben und Farnpflanzen. Beide Pflanzengruppen hätten unterirdische Speicherorgane, die sehr viel Stärke enthielten und somit eine gute Energie- und Kohlenhydratquelle darstellten.
Für die Herstellung des Mehls müssen die Menschen die Wurzeln der Pflanzen zunächst geschält und getrocknet und sie dann zermahlen haben. Schließlich müsse das Mehl noch weiter gekocht oder gebacken worden sein, da es nur so gut verdaulich sei. Hauptgrund für die Nutzung von Mehl sei laut den Forschern gewesen, dass es die Menschen unabhängiger von ihrer Umwelt und saisonalen Schwankungen gemacht habe. (tasch, APA/DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2010)