Asylfrage im Zeichen des roten Opportunismus

18. Oktober 2010, 18:22

Die SPÖ-Spitze brauchte mit der Verurteilung der Abschiebung kosovarischer Zwillinge fast so lange wie Innenministerin Fekter mit der Zurücknahme der Ausweisung - Beschämend, findet man an der roten Basis - Von Nikolaus Kowall

Drei Tage brauchte die SP-Spitze, um die Abschiebung der kosovarischen Zwillinge verbal zu verurteilen. Der SP-Sicherheitssprecher stellte sich kurz darauf bei der Abschiebung einer 14-jährigen Armeniern öffentlich hinter Maria Fekter. Und SP-Klubobmann Josef Cap sah keine Notwendigkeit, die Asylgesetzgebung zu ändern. Nicht das Gesetz sei schlecht, sondern der Vollzug desselben, so Josef Cap sinngemäß bei Im Zentrum im ORF.

Doch offensichtlich legen die Behörden seit vielen Monaten die Gesetze ungehindert so aus, dass Menschen, die sich voll in Österreich eingelebt haben, abgeschoben werden können. Der Parlamentarier Cap müsste seine Verantwortung wahrnehmen und eine mutige Gesetzesreform anpeilen, die einer allzu "Fekter'schen" Auslegung des Vollzugs schlagartig einen Riegel vorschiebt.

Doch aus Mangel an inhaltlicher Sattelfestigkeit und vor allem aus Angst vor den Blauen nimmt die SPÖ in der Asylfrage seit Jahren keine glasklare Gegenposition ein. Die Panik vor der FPÖ hat strategische Fragen überproportional in den Vordergrund gestellt. So war unmittelbar nach der Abschiebung der beiden achtjährigen Zwillinge SP-intern zu hören, von großen Teilen der Bevölkerung gäbe es Applaus dazu. Doch genau hier muss es den Punkt geben, wo taktische Fragen keine Rolle mehr spielen dürfen.

Eine Grenzziehung der Sozialdemokratie sagt: Passiere,was wolle, diese rote Linie überschreiten wir nicht. Nicht aus taktischen, sondern aus prinzipiellen Gründen. Kollidieren die Kernprinzipien in einer tagespolitischen Frage mit der Mehrheitsmeinung, dann haben erstere Vorrang. Die Sozialdemokratie ist nicht angetreten, um die Mehrheitsmeinung zu vertreten, sondern um die Welt zu verändern. Das bedeutet, Führungsstärke zu zeigen, wenn man einmal gegen den Strom schwimmt, und sich auf Überzeugungsarbeit zu konzentrieren, falls man sich nicht durchsetzen konnte.

Aus prinzipiellen Gesichtspunkten ist die aktuelle Situation für SozialdemokratInnen glasklar: Es geht um die Wünsche, Hoffnungen und Existenzen von Menschen, die schon längere Zeit hier leben und sich an die hiesigen Gesetze halten. Nicht einmal die Nachbarn, die sonst schon skeptisch sind mit "den" Fremden, aber jene, die nebenan wohnen, eben doch nett finden, fühlen sich gestört.

Ein altes Muster, das wir aus dem Antisemitismus kennen. Spiegelbildlich dazu gibt es welche, die die betreffende Familie gar nicht kennen aber sich trotzdem an ihr stoßen. Der in den Onlineforen mancher Medien verbreitete, bisweilen erschreckend geifernde Hass ist nicht mehr politisch, sondern nur noch psychologisch erklärbar. Die abstrakt Hassenden und ihre politischen Einpeitscher sind die Einzigen, die gewinnen, wenn Personen, die schon länger da sind und sich gut eingelebt haben, gehen müssen.

Die betroffene Familie, die FreundInnen, die Nachbarn, Klassenkollegen, Arbeitgeber, die österreichische Demografie und die heimische Volkswirtschaft verlieren. Unglaublich, welchen Einfluss die Hasserfüllten haben. Unglaublich, dass die SPÖ hier keinen roten Limes hochzieht.

Die Ministerin und ihre Exekutive berufen sich auf den Rechtsstaat. Legalität ist das Resultat demokratischer Auseinandersetzungen. Derzeit gilt als legal, was vielen als ein exzessives Unrecht erscheint und es muss das Ziel sein, Legalität neu zu definieren. Mittels eines vernünftigen Bleiberechts, das nicht vom guten Willen, ja der Willkür einer Behörde abhängt, sondern von taxativ aufgezählten Kriterien, die einen Rechtsanspruch erwirken.

Das von der Asylkoordination geforderte Niederlassungsrecht mit Zugang zum Arbeitsmarkt nach drei Jahren Aufenthalt in Österreich ist der Kern einer vernünftigen Forderung. Wirtschaftskammerpräsident Leitl schlägt mit einem generellen Bleiberecht für Menschen die sich schon länger im Land aufhalten und sich nichts Grobes zuschulden kommen ließen, in eine ähnliche Kerbe. Ein solches haben bereits viele EU-Staaten vorexerziert. Das Bleiberecht ist nicht nur menschlich, sondern spart auch viel Behördenarbeit für ein paar tausend Menschen, die in Summe bestenfalls ein paar Promille der österreichischen Bevölkerung ausmachen.

Doch viele handelnde AkteurInnen in der SPÖ-Führung richten sich - wie das gesamte politische Establishment - instinktiv immer noch primär danach, woher der Wind weht. Sie agieren nur rudimentär auf Basis von Prinzipien. Die telegenen Kinder, die sogar Polizeichefs ab- und Ministerinnen zusetzen, bilden dabei nur die Spitze des Eisbergs. Viele Fälle, die medial weniger gut ausgeschlachtet werden können, bleiben im Dunkeln. Trotzdem helfen die plakativen Schicksale: Offensichtlicher als durch die Fallbeispiele von abgeschobenen Kindern und Jugendlichen, die Wien, Steyr und Frankenburg als ihre Heimat betrachten, kann das Problem nicht verdeutlicht werden. Nimmt die SPÖ-Führung in Kauf, dass bis zu kommenden Wahlen alle zwei Wochen unschuldige Kinderaugen aus der Zeit im Bild lugen?

In Wirklichkeit müsste alleine nach den jüngsten, offenkundig ungerechten Abschiebungsfällen jede rote Ministerin und jeder rote Abgeordnete sagen: "Bevor den akut Betroffenen kein humanitäres Bleiberecht erteilt wird und bevor künftig Betroffene nicht durch ein ordentliches Bleiberecht geschützt werden, gibt es im Ministerrat/Nationalrat keine Zustimmung mehr zu irgendetwas." Das wäre einmal eine prinzipielle Willensbekundung, ein Signal politischer Lebendigkeit und eine klar ersichtliche Grenzziehung. (Nikolaus Kowall, DER STANDARD, Printausgabe, 19.10.2010)

NIKOLAUS KOWALL ist Vorsitzender der Sektion 8 der SPÖ Alsergrund.

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    Posting 1 bis 25 von 110
    1 2 3
    kybernicus
    03
    21.10.2010, 16:30
    Sehr geehrter Herr Kowall,

    sehr erfreulich Ihren Artikel zu lesen! Ich stimme absolut zu- mit 100%iger Übereinstimmung!!!
    Ich habe inhaltlich ident dies in einem Telefonat mit der SPÖ-Hotline vor einigen Tagen kommuniziert!
    Es ist schön zu sehen, dass es Sozialdemokraten gibt, die offen für Werte einstehen- selbst wenn sie evt. "gefährdet" sind, dafür gerügt zu werden- oder etwa nicht? ;-))
    Danke für den Beitrag!

    tt7
    00
    21.10.2010, 11:09
    Dass ein Cap

    ein Rückgrat wie ein Gartenschlauch hat, hat er schon seit einigen Jahrzehnten bewiesen.

    rotes wölkchen
    00
    20.10.2010, 04:51
    die grenzziehung von der sie sprechen, hätten sie aber schon innerhalb der spö,

    zumindest unter ihren funktionären und mandataren vornehmen müssen. ein klares ja zur beschleunigung von asylverfahren - das ist ja auch gegangen, von mir aus auch ein klares ja zur abschiebung von verbrechern, aber immer auch ein klares nein zur missachtung von recht und gesetz. kritik gibt es seit inkrafttreten der ersten tranche des fremden-unrechts-pakets genug und eine ganz besonders starke am zerreißen von familien und auch österreichischen familien.

    so war der deal zwischen dem cap'schen asylgerichtshof und dem nag+fpg ein teurer in jeder hinsicht. leider hat sich bestätigt, dass neben den angeblich 50 verfassungswidrigkeiten, die herausverhandelt wurden, der balken der grenzziehung noch in weiter ferne lag.

    joez
    04
    19.10.2010, 19:24

    Super Kommentar. Zuschauen wenn kleine Kinder abgeschoben werden, obwohl man was dagegen machen könnte, sollte niemand der ein SPÖ Mandat hat. Es scheint als würden die SPÖ Regierungsmitglieder und NationalrätInnen nichts mit dem Thema zu tun haben.

    Eine Kreatur
    03
    19.10.2010, 19:00
    die sozialdemokratische politische elite von vor hundert jahren ..

    auf die sich nicht wenige sp politikerInnen heute berufen, würden die heutige bagage samt und sonders mit schimpf und schande in die donau schmeissn ..

    böser wolf1
    00
    19.10.2010, 18:20
    10 Jahre ÖVP Innenminister

    Ja, bei der SPÖ mangelt es daran die rote Grenze zu formuliern, bis hierher und nicht weiter.

    Doch die zögerliche Reaktion der SPÖ im konkreten Fall war nicht unklug. Frau Fekter ist ja nach wie vor stolz darauf, dass das Asygesetz ihre Handschrift trägt

    Sie will damit vergessen machen, dass sie keine Gesetzgebungskompetenz hat, die liegt beim NR, aber sie ist zuständig für die Vollziehung.

    Und wegen ihrer inhumanen Vollziehung fliegen ihr im Moment die Reaktionen der eigenen Parteibasis um die Ohren. Und ihr Unfähigkeit Empathie zu zeigen und auch bei der Aufhebung des Abschiebungsbescheides mit gepresster Stimme Recht muss Recht bleiben zu verkünden, das ist geradezu ein Glücksfall für die SPÖ.

    Fekter demaskiert die ÖVP.

    Jene Grüne Straßenkatze
    00
    19.10.2010, 17:40
    ...

    Nichts für ungut, aber solange die Basis nicht den Mut hat, die Spitze für ihre Fehler abzustrafen (sprich: sie abzuwählen oder auszutreten), ist es herzlich egal, wie beschämt sie ist - denn ihr fehlt offenbar das Rückrat, wirklich etwas zu tun.

    Zivilcourage zeigt sich im Handeln, nicht im Texten.

    Irma la Douce
    03
    19.10.2010, 16:54
    Bitte, Niki, was machst du noch immer bei der SPÖ?

    Expressionist
    00
    19.10.2010, 16:11
    Da stimmt was nicht

    Wie kommt es, dass Familien, die jahrelang in Österreich leben, deutsch können, arbeiten oder zur Schule gehen, ausgewiesen werden, während Kriminelle und Sozialschmarotzer bleiben dürfen?

    mikromalist
     
    13
    19.10.2010, 15:56
    SPÖVP sind EINE Statue

    geworden, auf der einen Seite rot angestrichen (wenn sie sich ÖBB zuwendet), auf der anderen schwarz (zur Freude von Beamten und Bauern).
    Für die Benachteiligten (ATler oder nicht) gibt es längst keine Seite mehr.
    Im Gegenteil, Benachteiligte sind in den Augen der SPÖVP Statue LÄSTIG. So wie sozialistisch bzw. christlich nur LÄSTIGE Erinnerungen sind.

    tarte tatin
    02
    19.10.2010, 15:08
    die SPÖ und ihr fehlendes rückgrat, folge 246.

    ...und die reihe wird wohl bald fortgesetzt!

    adabei1001
    75
    19.10.2010, 15:07
    Wenn

    es soweit ist, dass Asylmissbraucher (weil sie ja nirgends bedroht sind) sich weigern zu gehen (und ganz überrascht tun "..Stofftiere mussten dableiben.." obwohl sie seit Monaten wissen, dass sie gehen müssen) und alle Kopf stehen, wegen der süssen Kinder und die ÖVP schliesslich klein beigibt und die SPÖ das Unbehagen von vielen Wählern einfach nicht wahrnehmen will, sprich, wenn sich also diese Leute nicht an die Gesetze halten müssen, ich aber sehr wohl schon, dann wähle ich ab jetzt FPÖ, auch wenn ich nie gedacht hätte, das mal zu sagen...

    the_byte
    30
    19.10.2010, 14:52
    Herr Kowall spricht hier von "derzeit legalen" Abschiebungen,

    himmelschreiender Ungerechtigkeit usw. Er spricht weiters daß sich "...viele AkteurInnen...nach dem Wind richten". Mag sein, allerdings sei es schon erlaubt auf eine unumstössliche Tatsache hinzuweisen: DERZEIT ist diese Abschiebung offenbar legal. Offenbar hat es dafür auch (rein gesetzlich bedingte) Gründe gegeben, sonst wäre der Bescheid doch offenkundig illegal !?! Und was den "Wind" betrifft: Das stimmt auch in anderer Richtung als Herr Kowall es sicher gemeint hat. Sobald nämlich NGOs, Kirchen, und jeder der sich dazu berufen fühlt Feuer schreien, wird das ganze, Simsalabim, plötzlich Chefsache, und ein (legaler) Bescheid vom Minister höchstpersönlich aufgehoben!

    Eine Kreatur
    01
    19.10.2010, 19:05
    der bescheid war offensichtlich "ILLEGAL"

    weil er lt. ministerin von der "falschen behörde" ausgestellt wurde ..

    vielleicht sollten sie sich mit einem thema etwas genauer auseinandersetzen, bevor sie darüber schreiben .. aber, ach ja, es geht ja um asyl und ausländer, da braucht österreicherIn sich ja nicht informieren sondern nur keifen ..

    Expressionist
    31
    19.10.2010, 16:12

    sehr richtig

    monoton
    01
    19.10.2010, 14:31

    gut geschrieben, aber kratzt nicht am kern des ganzen: an der heuchelei der spö
    diese beschließt schon seit jahren die asylgesetzte mit, und damit auch deren verschärfung! sogar noch unter schwarzbraun war sie sich nicht zu blöd für strengere gesetzte zu stimmen!
    somit soll diese heuchelei ein ende haben. die spö hat keinerlei prinzien mehr, ist genauso ein käuflicher und korrupter spielball der reichen lobbys

    helmut hromadnik2
     
    07
    19.10.2010, 13:55
    Gratulation herr kowall, ihre analyse der situation in der SPÖ trifft ganz genau !

    Die feigen opportunisten, die jetzt "oben" sitzen, gehören raschest abgelöst durch männer wie sie, bevor die SPÖ ihren totalen niedergang selbst in die wege leitet.

    Pork Master
    23
    19.10.2010, 13:46
    Mizzi die Schändliche

    Schändlich ist nicht nur der Umgang mit dieser Familie, sondern wie die Ministerin sich an a) dem Leiter der Asylbehörde und b) dem Bürgermeister von Steyr abgeputzt hat.

    Schändlich Verantwortungslos ist ebenfalls der Umgang der Regierung mit den Themen a) Migration und b) Asyl und das nicht nur seit gestern, sonder seit Jahrzehnten.

    Ebenso muss klar gesagt werden, das ist so weil die "Elite" Europaweit das so will, seit Jahrzehnten, gegen mehrheitlichen den Willen der Bevölkerung, nicht nur in Österreich sondern in der gesamten EU.

    Klar geht es der Mizzi und ihren Haberern um Machterhalt, aber ebenso um Kragenerhalt.

    Nikolaus Kowall
    17
    19.10.2010, 13:44
    feedback, diskussion, kontaktaufnahme

    weil bereits zwei Mal danach gefragt wurde: www.sektion-8.at

    Dark Funeral
     
    02
    19.10.2010, 16:21

    Warum genau strichelt man bei sowas rot?

    Beobachter zweiter Ordnung
    15
    19.10.2010, 13:27
    Ist schon ein Problem, wenn das Proletariat mehr zu verlieren hat, als seine Ketten, und sein faschistoides Potenzial wieder einmal ausrollt.

    Die Sozialdemokratie sollte sich von der Marx'schen Idee, wonach das Proletariat eine reovultionäre Klasse ist, endlich verabschieden. Das hat Wilhelm Reich schon in den 30er Jahren zurecht festgesetellt. Nicht eine bestimmte soziale "Klasse" bringt uns weiter, sondern ein gemeinsames Bekenntnis zu Grundwerten und Prinzipien, wie sie in der Französischen Revolution erst einmal formuliert wurden, und dann als Menschenrechte und demokratische Rechte weiter entwickelt wurden. Vergesst doch den Gemeindebau! Was jetzt in der Asylfrage abgeht, ist ein Sieg der Zivilgesellschaft, vor der sich Rot und Schwarz genauso fürchten (sollen), wie vor den Rechten.

    vsv09
    12
    19.10.2010, 13:02
    Genau so ist es .....

    Da passiert nicht mehr Politik, sondern nur Machterhalt.

    mao zeitung
    010
    19.10.2010, 12:47
    was ich da in den letzten Monaten in manchen Foren über Strache so

    gelesen habe, das bestätigt Nikolaus Kowall Befund:

    "Der in den Onlineforen mancher Medien verbreitete, bisweilen erschreckend geifernde Hass ist nicht mehr politisch, sondern nur noch psychologisch erklärbar"

    das ist fix
    33
    19.10.2010, 12:46

    Beschämend ist eigentlich nur der Eiertanz von Frau Fekter, es gibt keinen Asylgrund für Menschen aus dem Kosovo - und deshalb auch kein Asyl.

    Eine Kreatur
    00
    19.10.2010, 19:08
    "es gibt keinen Asylgrund für Menschen aus dem Kosovo"

    sie wissen ja nicht einmal, was asyl ist .. warum und worüber soll mit so jemanden wie ihnen diskuttiert werden? sie verstehen ja nicht einmal die grundbegriffe ..

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    Posting 1 bis 25 von 110
    1 2 3

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