Vom Original zum Original

18. Oktober 2010, 01:48
5 Postings

Das neue Café Museum sieht aus wie es aussah, bevor es aussah, wie es aussah - Die Zotti-Bänke und -Lampen wurden nachgebaut, aus Archiven tauchten auch die alten Thonet-Sessel wieder auf

 Wien - Die Frage, welcher von zwei historischen Zuständen das Zertifikat "echt" verdient, will Irmgard Querfeld nicht beantworten: "Es geht um etwas anderes. Darum, dieses wunderschöne Kaffeehaus wieder aufzusperren. Und zwar so, dass es angenommen wird - und an seine lange Geschichte anschließen kann." Das alleine, betont die Trägerin eines der klingendsten Namen der Wiener Cafetiérszene, wäre bei jedem Kaffeehaus eine Herausforderung - doch wenn über dem Portal "Cafe Museum" steht, sei die Bürde doppelt so hoch.

Doch das stört Irmgard Querfeld nicht: Heute, Montag, wird das "Museum" wieder eröffnet. Die Querfelds - die Familie betreibt den Kaffeehaus-Leitstern Landtmann, Irmgards Mann Bernd ist Fachgruppenobmann der Wiener Kaffeesieder - arbeiteten seit Juli daran, das Lokal in seinen Originalzustand zurück zu versetzen.

2009 kläglich gescheitert

Genauer gesagt: In den zweiten Originalzustand. Denn in den ersten hatte die "Vivat Touristik und Management GmbH" das Kaffee schon 2003 zurück versetzt - und war kläglich gescheitert: 2009 schloss das Museum.

Aber der Reihe nach: Das in der Operngasse in der Wiener Innenstadt situierte Lokal wurde 1899 erstmals eröffnet. Adolf Loos zeichnete für Interieur, Design und Gestaltung verantwortlich. Das "Museum" war revolutionär. Loos zollte etwa der damals noch neuartigen elektrischen Beleuchtung mit hellen, kaum kaschierten Lampen Respekt. Auch die Möbel sprachen eine klare Sprache. "Spartanisch" - zumindest aus heutiger Sicht.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts änderte man Möblierung und Adjektiv: Josef Zottis rote, halbrunde Sitzbänke, die in sanft aus kugelförmigen Lampen kommendem Licht standen, wurden zum Inbegriff für das, was das Wiener Kaffeehaus ausmacht: Gemütlichkeit. Das Interieur des "Museums" war die Möbel gewordene Einladung, sich nieder zu lassen - und zu bleiben.

"Zotti raus - Loos rein"

2003 kam dann Vivat . Und verordnete "Zotti raus - Loos rein". Und zwar ohne Rücksicht auf Stammgäste, Zeitgeist oder Warnungen. Der Retro-Loos-Look war aber nicht cool, sondern kalt. Und kalt, poliert, künstlich und aufgesetzt war auch der Geist, der im Vivat-Museum wehte: Die Wiener boykottierten das Lokal - und Touristen ergriffen, nach dem obligaten Foto, die Flucht.

"Mein Mann und ich haben uns das Kaffeehaus an unserem Hochzeitstag angesehen - und es hat nicht mehr losgelassen", erklärt Irmgard Querfeld, "Es ist doch Wahnsinn, was aus diesem Ort gemacht wurde." Für eine kolportierte halbe Million Euro wurde das 200-Sitzplätze-Lokal vom herzlosen Fake-Loos befreit. Die Zotti-Bänke und -Lampen wurden nachgebaut, aus Kellern und Archiven tauchten auch die alten Thonet-Sessel wieder auf.

Keine Farbfotos von damals 

Ob das Lokal wieder genau so aussieht, wie in den 30er-Jahren, kann die neue Chefin aber nicht sagen: "Wie auch? Wand- und Holzfarbe sind Annäherungen - es gab ja damals keine Farbfotos. Aber wir wollen auch keine Kopie eröffnen - sondern ein Lokal, in dem man sich wohl fühlt: Ein Wiener Kaffeehaus." Dem entprechend das Wiedereröffnungsmitagsmenü: Kräftige Rindsuppe, Gegrilltes Schweinefilet. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 18.10.2010)

Webtipp: Café Museum

  • Bei Irmgard Querfeld im traditionellen Café Museum geht es jetzt wieder "loos"
    foto: standard/ heribert corn

    Bei Irmgard Querfeld im traditionellen Café Museum geht es jetzt wieder "loos"

Share if you care.