Silbereisen

20. Oktober 2010, 19:27
13 Postings

ORF-Programm als Weckruf alter Traumata: Ich war einmal bei Florian Silbereisen

Clerici oder Silbereisen hieß am Samstag die Programmauswahl im ORF. Und das rief alte Traumata wach: Ich war einmal bei Florian Silbereisen. Vier Stunden lang - in der Stadthalle.

***

Das Wetter kann einem ja die schönste Dreh-Dispo zusammenhauen. Und so saßen wir am Samstag in Hallstatt im Hotelrestaurant und sahen zu, wie das Wasser das von oben kam übte, sich von Tropfen in solideres Gut zu verwandeln. Fluchen hilft da nix - und gemeinsames Warten schmiedet Bande.

Im Fernsehen - das sah und hörte man, beim Weg aufs Klo in Fragmenten des absoluten Grauens aus der Küche - tanzte und sang Silbereisen. Florian Silbereisen. Mit allem was dazugehört: Fernsehballett, matten Witzen und einem Programm, das einst jenseits von Raum und Zeit skizziert worden war - und seither ohne jede Adaption wieder und wieder wiederholt wird. Oder neu eingespielt. Das macht aber keinen Unterschied.

Alternative: Clerici

Am anderen Gebührenkanal lief Christian Clerici. Beziehungsweise: Er ließ laufen. Zum dritten Mal. Ein gefundenes Fressen für eine 10-köpfige TV-Crew, die zur Untätigkeit verdammt im Hotel sitzt - und wartet: Ob er nicht eh auch schon mit Silbereisen gearbeitet habe, fragte ich meinen Kameramann - er habe doch langjährige, einschlägige Erfahrung mit der Volksmusik.

Der Mann jaulte auf: Es gäbe da schon noch Unterschiede. Und alles, so wirklich alles, feixte er - habe er nun auch wieder nicht auf dem Kerbholz. Obwohl das vielleicht anders wirke - wo er doch mittlerweile eineinhalb Jahre mit mir ... und so weiter.

Doch während wir einander ärgerten, fiel mir ein: Ich selbst war dort gewesen. Einmal. Vor einem Jahr. Am Muttertag. In der Stadthalle in Wien. Und nein, nicht mit meiner Mutter, sondern mit einer Kollegin. Einer damals mittelbekannten, heute in Österreich jedoch ziemlich weltberühmten Moderatorin - die es nie nötig gehabt hatte (oder hat), ihr Privatleben öffentlich spazieren zu tragen. Gut so.

Landhausstil

Die Halle war voll. Knackevoll. Wir saßen - pressekartenbedingt - ziemlich gut. Umgeben von im Landhausstil herausgebretzelten Menschen aller Altersschichten. Sie waren aus ganz Österreich angereist, um Silbereisen, das Ballett, die schalen Witze und die alten Lieder zu sehen und hören. Wencke Myrrhe trällerte. Sepp Maier gab den Hias. DJ Ötzi und die Randfichten traten auf. Und Silbereisen tat, was er tut wie er es immer tut: Vermutlich erfragt der Mann sogar den Weg nach den Klo auf eine Art, die dem Befragten das Gefühl gibt, gerade das Rad zu erfinden. Hinter uns saß einer von „Projekt X": Man müsse, sagte er, sich hin und wieder de Realität stellen. So grässlich die auch sei.

Die Realität dauerte vier Stunden. Unterbrochen von einer 20 minütigen Pause. Am Schluss waren wir am Ende. Streichfähig. Bereit, uns zu unterwerfen, unsere Leben zu geben oder die Seeelen unserer Kinder zu verpfänden - aber die 12.000 Menschen rings um uns waren glücklich. Selig. Enthusiasmiert.

Freundlich

Und freundlich: Wie die Besucher eines Metall- oder Wasauchimmerkonzertes reagieren würde, wenn da unter ihnen ein Schüppel Semiprominenter mit Begleitung sitzt und sich zwischen Kudern und Weinen nimmer einkriegt, möchte ich mir lieber nicht ausmalen. „Wieso kommt ihr denn her, wenn es euch so gar nicht gefällt", war der gekränkte, aber doch einzige Kommentar einer neben uns Sitzenden.

Die Frau hatte ja recht: Es gehört sich nicht, Menschen, die einem nichts getan haben, die Freude woran auch immer zu verderben - solange man damit nicht zwangsbeglückt wird. Und wir waren nicht nur freiwillig da, sondern auch noch privilegiert: Nach den vier Stunden im Purgatorium empfing uns Silbereisen höchstselbst.

Er war freundlich, hochprofessionell - aber in Eile: Draußen, sagte er, warteten nämlich noch Fans. Und die hätten teils noch eine weite Busreise vor sich. Aber ein paar Fotos gingen sich dann doch aus.

Kultur?

Vor der Stadthalle warteten - 40 Minuten nach dem Gig - immer noch gut 400 Menschen. Silbereisen nahm sich Zeit für sie. Tratsche, gab Autogramme - keiner ging mit leeren Händen oder unbefriedigtem Lächeln. Zwischendurch fragte ich den Entertainer dann doch meine Frage: Ob er nicht heimlich davon träume, einmal von Feuilleton, Kultur- oder Musikressorts anders als als Trashikone wahrgenommen zu werden.

Silbereisen zeigte auf die Menschen ringsum: „Wer hat denn wirklich das Recht zu sagen, was Kultur ist - und was nicht? Und sogar wenn es da eine gültige Instanz gäbe: Wer kümmert sich dann um all diese Leute hier? Und wer hat das Recht, sich über sie zu stellen?"

Natürlich hatte Silbereisen damit Recht. Auch Recht. Aber trotzdem: Schlimm ist schlimm. Und beim Warten auf besseres Wetter in Hallstatt haben Differenzierungen und freundlich-scheißliberale Abwägungen natürlich keinen Platz: Als ich meinem Team die wackeligen Handyfotos von meinem Treffen mit meinem Kumpel Flori zeigte, war da außer Hohn nur Häme in meiner Stimme. Dass ich insgeheim froh war, dass das Küchenpersonal bei der Arbeit nicht mit Arte oder 3sat zwangsbeglückt wurde, sondern mit dem, was es sich allem Anschein nach wünschte, verschwieg ich lieber. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 17. 10. 2010)

  • Florian Silbereisen, der Meister der schalen Witze, bestürmt von seinen Fans.
    foto: thomas rottenberg

    Florian Silbereisen, der Meister der schalen Witze, bestürmt von seinen Fans.

  • Silbereisen nahm sich auch Zeit für ein verwackeltes Handy-Foto mit Thomas Rottenberg und eine Diskussion über Kultur.
    foto: thomas rottenberg

    Silbereisen nahm sich auch Zeit für ein verwackeltes Handy-Foto mit Thomas Rottenberg und eine Diskussion über Kultur.

Share if you care.