Traditionskaufhaus und Trendsetter

17. Oktober 2010, 18:46
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Geschichtsträchtige Kastner-&-Öhler-Zentrale eröffnet nach zwei Jahren Umbau neu

Graz - Das Haus in der Sackstraße 7 in Graz, das Carl Kastner 1883 auf der Durchreise entdeckte, weil er seinen Zug verpasste und Zeit für einen Spaziergang hatte, ist heute, Montag, und morgen geschlossen. Abgesehen von Feiertagen ist das für Graz ein Ausnahmezustand, denn kein anderes Kaufhaus ist seit 127 Jahren enger mit der Geschichte der Stadt verbunden. Kurz nach dem zufälligen Erstkontakt installierte Carl Kastner das Stammhaus des zehn Jahre zuvor mit seinem Partner Hermann Öhler in Troppau gegründeten Kaufhauses Kastner & Öhler an der Mur.

Ab da sorgte man immer wieder mit architektonischen und sozialen Neuerungen für Aufsehen: 1894 wird ein Innenhof mit Glas überdacht, 1895 eine über mehrere Etagen reichende, mit Galerien und Säulen ausgestattete Markthalle geschaffen, und 1913 erfolgte der Neubau der Architekten Fellner und Helmer, die auch das Wiener Volkstheater und die Grazer Oper planten. 1959 war es für Kunden ein Erlebnis, mit der ersten Rolltreppe der Steiermark zu fahren, und 2003 wurden für den Bau einer spektakulären Tiefgarage der Architekten Szyszkowitz Kowalski Teile der alten Gebäude vorübergehend auf Pfähle gestellt.

Die einzige Zeit, in der die beiden Familien, die sich durch die Ehe von Carl Kastner mit Hermann Öhlers Schwester Julie auch verbanden, nicht mit neuen Ideen und Umbauten glänzen konnten, war jene der NS-Herrschaft. Das Kaufhaus der jüdischen Familie wurde in "Alpenlandkaufhaus" unbenannt, einige Nachkommen der Gründer konnten nach Kroatien fliehen, Franz Öhler aber wurde verhaftet und im KZ Buchenwald ermordet.

Bei Sozialleistungen nahm das Unternehmen ebenfalls eine Vorreiterrolle ein: Der überzeugte Sozialist Carl Kastner gründete für seine Mitarbeiter 1890 einen Spar- und Unterstützungsverein, zu dem das Unternehmen anteilige Beiträge leistet und der auch heute noch existiert. Ab 1903 gab es medizinische Versorgung für die Mitarbeiter. Schon Jahre bevor es gesetzlich vorgeschrieben wurde, zahlte man ab 1905 Urlaubsgeld aus, führte im Sommer die Sonntagsruhe und den Ladenschluss mit 19 Uhr ein. 1927 wurde ein Sport- und Kunstklub für die Mitarbeiter gegründet, und 1930 begann man damit, an ebendiese Firmenkredite zum Erwerb von Eigenheimen zu vergeben.

Über die Jahre erweiterte man durch den Ankauf angrenzender Häuser die Verkaufsflächen und das Angebot des Geschäftes immer weiter.

Ein Gebirge auf dem Dach

Als 2004 die spanischen Architekten Fuensanta Nieto & Enrique Sobejano einen Architekturwettbewerb für den Umbau des Hauses gewannen, entschied man sich für einen Entwurf, der die Skyline der Grazer Innenstadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, nachhaltig verändern wird. Es dauerte immerhin zwei Jahre, bis die Unesco das an eine Gebirgskette erinnernde Dach samt Terrasse genehmigte. Am Mittwoch, also dem 20. 10. 2010, ist es nun so weit: Auf 40.000 Quadratmetern, also der vervierfachten Verkaufsfläche, wird der "neue Kastner" von den Vorständen Thomas Böck und Martin Wäg aus der fünften Generation der Familie eröffnet. Zwei neue Lichthöfe und 24 neue Rolltreppen kann man sofort besichtigen, die Dachterrasse mit Restaurant wird aber erst im kommenden Jahr eröffnet. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD-Printausgabe, 18. 10. 2010)

  • 1959 kamen Schaulustige, um auf der ersten Kastner-Rolltreppe zu fahren. Nun gibt es 24 neue.
    foto: k & ö

    1959 kamen Schaulustige, um auf der ersten Kastner-Rolltreppe zu fahren. Nun gibt es 24 neue.

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