"Schülerprotest auf keinen Fall untersagen"

17. Oktober 2010, 17:43
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Die Direktorin an einer AHS in Wien über "illegale" Kinder, eine unsensible Polizei, die Politik dahinter

Und was Mitschüler bei einer Abschiebung an politischer Bildung lernen. Die Fragen stellte Michael Völker.

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Standard: Ist es Ihnen an Ihrer Schule auch schon passiert, dass Polizisten auftauchen, um einen ausländischen Mitschüler oder eine Mitschülerin abzuschieben?

Heidi Schrodt: Nein, das ist mir Gott sei Dank noch nicht passiert. Das wäre ein Schreckensszenario.

Standard: Wie verhält man sich da als Lehrerin oder als Direktorin?

Schrodt: Meines Wissens gibt es keine Vorschriften, wie wir uns in einem solchen Fall zu verhalten hätten. Wenn Schüler verhaftet werden, weil sie sich kriminell betätigt haben, was ja an einer AHS nicht so oft vorkommt, dann wäre es klar, dass wir der Polizei hier Zutritt zu verschaffen haben. Aber für einen Fall wie den der 14-Jährigen, die abgeschoben werden sollte, gibt es meines Wissens keine Weisungen, wie wir uns zu verhalten haben. Und ich beneide den Direktor und die Lehrerin nicht, die da jetzt auf diese Weise mit der Polizei zu tun hatten.

Standard: An der Schule gibt es jetzt Protestaktionen der Schüler, die sich gegen die Abschiebung dieser Mitschülerin wehren. Was soll die Schule eher vermitteln: Dass man sich als Staatsbürger einer Ordnungsmacht zu unterwerfen hat oder dass es auch zivilen Ungehorsam geben kann?

Schrodt: Das ist eine ganz heikle Gratwanderung. Meine Position ist: Ich freue mich, dass hier Schüler, Schülerinnen und die Schülervertretung aktiv werden. Man kann ja nicht jedes Gesetz, nur weil es Gesetz ist, gut finden. Gesetze sind auch Veränderungen unterworfen. Man kann auch sagen: Ich bringe durch diesen Protest zum Ausdruck, dass ich dieses Gesetz für schlecht halte und die Praxis der Polizei im konkreten Fall ebenfalls. Ich würde als Schuldirektorin hier auf keinen Fall einen Schülerprotest untersagen. Das ist ja genau das, was wir in politischer Bildung lehren.

Standard: Was wird den Schülern für ein Bild von der Politik vermittelt, wenn integrierte Schüler da herausgerissen werden?

Schrodt: Was vermittelt wird: Dass solche Aktionen aufgrund der bestehenden Gesetzeslage im Bereich des Möglichen sind. Hier hat die Polizei besonders unsensibel gehandelt, das war wirklich schrecklich. Nur darf man über die schreckliche Form, wie das stattgefunden hat, nicht vergessen, dass das Vorgehen legal ist. Jetzt muss man sich fragen: Wie kann es sein, dass bewaffnete Polizisten achtjährige Zwillinge abtransportieren? Wie kann es sein, dass man aus der Schule heraus verhaftet wird? Was haben wir hier für Gesetze, die das überhaupt zulassen? Warum ist das nicht schon längst repariert worden? Warum haben diese Leute, die schon so lange hier sind und gut integriert sind, nicht schon längst Bleiberecht bekommen?

Standard: Hatten sie selbst sogenannte "Illegale" an Ihrer Schule?

Schrodt: Ich glaube, viele von uns hatten und haben Illegale. Es ist ja so, dass wir da normalerweise nicht nachfragen. Die Kinder werden in der Schule angemeldet, und irgendwann kommt man drauf, dass es Probleme mit dem Aufenthaltsstatus gibt. Aber das interessiert uns in erster Linie eigentlich nicht. Wir schauen, dass sich die Kinder integrieren, dass sie in der AHS gut mitkommen, dass sie Deutsch lernen. Was mich so nachdenklich macht: Als ich zu unterrichten begonnen habe, hatten wir jede Menge iranische Flüchtlinge.

Die sind mit 16, ohne Deutsch, manchmal sogar ohne Englisch gekommen, die haben maturiert, und da hat niemand etwas gesagt. Später dann, meine ersten zwei Jahre als Direktorin, waren es die bosnischen Flüchtlinge. Ich hatte ein Mädchen, das war unsere Paradeschülerin, die ist mit 16 gekommen, konnte damals kein Deutsch und hat ohne Zeitverlust maturiert. Das sind sicher Ausnahmen. Aber das war damals eine andere Situation. Eine andere Stimmung. Es gab noch nicht diese aufgeheizte Anti-Ausländer-Stimmung.

Standard: Wie viele Nationalitäten gibt es an Ihrer Schule?

Schrodt: Wir hatten das vor ein paar Jahren erhoben, da waren es bei knapp 700 Schülern 53 verschiedene Nationalitäten.

Standard: Wie kommt man da klar?

Schrodt: Manche können Deutsch besser als ihre Herkunftssprache. Aber wir sind eine AHS, da sind auch Kinder von Uni-Gastprofessoren dabei. Es ist weniger ein Nationalitätenproblem als ein Schichtproblem. Wenn die Kinder mehrheitlich aus bürgerlichen Milieus kommen, so wie das in unserem Einzugsgebiet der Fall ist, kann man leicht ein paar Kinder aus den klassischen Migrantenmilieus integrieren. Die nehmen wir mit. Wenn sie jetzt aber 53 Nationalitäten in einer Schule haben, die in einem Bezirk am Rande der Verslumung liegt, ist es ungleich schwieriger, damit umzugehen.

Standard: Es wurde jetzt auch die Debatte aufgeworfen, ob es in Wien besonders viele türkischstämmige Migranten gibt, die einen weniger bildungsoffensiven Zugang haben, um es vorsichtig zu formulieren.

Schrodt: Man muss das offen ansprechen. Wir haben an unserer Schule beides: Türkische Kinder, die toll lernen und sich gut integrieren. Und wir haben welche - das ist einfach schrecklich. Da verschwinden im schlimmsten Fall die Mädchen über den Sommer und werden in der Türkei verheiratet. Das ist ein Problem.

Standard: Hat die Schule da eine besondere Aufgabe?

Schrodt: Na, selbstverständlich. Aber Sie müssen bedenken, wir haben nicht die Ressourcen damit umzugehen, Sozialarbeiter oder Förderlehrer in entsprechendem Ausmaß. Wir haben die Aufgabe, diese Kinder möglichst gut zu integrieren. Das ist aber schwierig, wenn sie mit Familien konfrontiert sind, die finden, dass ein Mädchen nichts zu lernen braucht, oder wenn Eltern in die Schule kommen und ihnen als Direktorin nicht die Hand geben. Das sind Einzelfälle, aber ich habe das erlebt. Da ist der schulische Einfluss enden wollend. Aber ich sage Ihnen etwas: Das sind keine Ayslwerber, die Fälle, über die wir jetzt reden, das sind zum größten Teil österreichische Staatsbürger.

Standard: Haben Sie als Schulleiterin genügend Rückendeckung aus der Politik, um mit solchen Problemen umgehen zu können?

Schrodt: Wir sind nach wie vor sehr schlecht ausgestattet, was die personellen Resourcen betrifft. So kann es sicher nicht weitergehen. Wir brauchen mehr Personal, das müssen gar nicht Lehrer sein. Es braucht auch andere Leute in der Schule, mehr Psychologen und mehr Sozialarbeiter. (Michael Völker, DER STANDARD-Printausgabe, 18. 10. 2010)

Heidi Schrodt, Jahrgang 1950, ist seit 1992 Direktorin am Gymnasium Rahlgasse in Wien. Sie arbeitete in der Lehrerfortbildung" und lehrte als Gastprofessorin an der Universität Klagenfurt "Geschlechterverhältnisse im Bildungswesen". Für ihre Arbeit wurde sie 2005 mit dem Frauenpreis der Stadt Wien als "Anerkennung für besondere Leistungen bei der Förderung von Mädchen im Bildungsbereich" ausgezeichnet. Schrodt ist Vorsitzende der Bildungsinitiative BildungGrenzenlos.

  • Direktorin Heidi Schrodt über politische Bildung in der Schule: "Was haben wir für Gesetze, die das überhaupt zulassen?"
    foto: standard/andy urban

    Direktorin Heidi Schrodt über politische Bildung in der Schule: "Was haben wir für Gesetze, die das überhaupt zulassen?"

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