Weltklasse bei der Brüskierung der Unis

17. Oktober 2010, 17:55

Mit der Universitätsreform 2002 wollte man binnen eines Jahrzehnts "Weltklasse" sein

In Westeuropa, wahrscheinlich sogar unter allen westlichen und asiatischen Industrienationen, gibt es wenige Staaten, deren politische Führung die Nöte der Universitäten derart ignoriert wie die österreichische Regierung. Mit der Universitätsreform 2002 wollte man binnen eines Jahrzehnts "Weltklasse" sein. Jetzt sind wir Weltklasse bei der Brüskierung der Hochschulen.

Bundeskanzler und Vizekanzler werden die Rektoren erst am 22. November "empfangen" - wenn die Budgets für die nächsten drei Jahre bereits ausverhandelt sind. Für die Vollversammlungen und Demonstrationen morgen, Dienstag, ist das ein zusätzlicher Grund. Sogar altgediente Professoren, die nie an die Straße dachten, wenn es um Forderungen ging, sind wütend. Sie reagieren ähnlich wie alte Anwälte und Ärzte, wie ganz konservative Honoratioren in Stuttgart und in Berlin. Es reicht, sagen sie.

Am Ballhausplatz und in den Ministerbüros scheint man diese Zeichen der Zeit nicht zu erkennen - oder gering zu schätzen. Wichtig ist, dass die Regierenden in den Medien gelobt werden. Kritik ist verpönt, Telefonate und E-Mail-Diskussionen mit Journalisten sind die Folge. Feuilletons oder analytische Essays werden nicht gelesen. Das politische Personal hat tendenziell zu viele Analphabeten, was Philosophie, Ideologie und aktuelle Auseinandersetzungen betrifft. Der Rest ist lustiger Smalltalk.

Nur: Längst schon ist Schluss mit lustig. Nicht nur in der Einwanderungsfrage, von der die Universitäten ebenfalls betroffen sind. Hochqualifizierte Ausländer gehen nicht gern nach Österreich, und junge österreichische Wissenschafter sind angesichts vieler internationaler Angebote nur schwer zu halten. Es ist ähnlich wie im Fußball. Für Begabte gilt der Grundsatz: möglichst schnell ab ins Ausland.

Auch Deutschland hat seit Jahren eine massive Ausländerdebatte. Die Dänen erst recht. Sie stehen wegen ihrer rigiden Gesetze ebenso stark in der Kritik wie Österreich. Aber für beide Staaten gilt: Die dort verabschiedeten Sparpakete betreffen Bildung und Universitäten nicht - auf diesen Gebieten wird mehr investiert, höher dotiert als früher.

Die Auswirkungen des Einfrierens der Uni-Budgets an drei Beispielen gezeigt: Die WU hat diesen Herbst 7500 Studienanfänger, aber nur Platz für 1300. Über 6000 zu viel. Alle hinsausprüfen? Oder Klagenfurt: Laufende Gehaltssteigerungen kosten 4,5 Millionen Euro. Konsequenz: Gehälter kürzen oder Studien schließen. Naturwissenschaftliche Studien: Über 10.000 Euro kostet dort jährlich oft ein Studienplatz - nicht mehr finanzierbar angesichts der Hochschulpolitik der Regierung. Trotzdem werden Politiker auftreten und in zusammengegoogelten Sonntagsreden über zu wenige Absolventen in den technischen Fächern jammern.

Zum Jammern ist in Wahrheit der Zustand der österreichischen Spitzenpolitik, die mit der wieder angesprungenen Konjunktur eines machen wird: durchwursteln und durchlavieren.

Zukunftspolitik, von der immer die Rede ist, braucht Konzepte. Dafür aber ist diese Regierung nicht gut genug. Und vor allem nicht mutig genug.(Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2010)

Kommentar posten
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Demokrit 007
00
15.11.2010, 06:39
Wege der ö. Bundesregierungen

Von der "Bildung" (z.B. Aristoteles, Schiller) über die "Halbbildung" (z.B. Adorno) zur "Unbildung" (K.P.Liessmann) beschreibt den Abstieg der ö-B.Reg der letzten 100 Jahre; mit Super-Turo im letzten Jahrzehnt.

"Habe Mut Dich Deines Verstandes (öffentlich) zu bedienen, ist also der Weg der Aufklärung" (I.Kant). Beides ist bei der BReg. nicht vorhanden, weder der Verstnad und schon gar nicht der Mut; der Weg also vesperrt.

werwolfi
03
19.10.2010, 01:48

verblüffend ist ja diese vollkommen schizophrene haltung der österreichischen bevölkerung gegenüber akademischer bildung und den darin zu bildenden bzw. gebildeten, sodass man als absolvent quasi über nacht und mit einem federstrich vom bodensatz ("faules, langhaariges studentengsindl") zur zierde der gesellschaft ("gschamster diener, herr doktor!") wird...

viel absurder und dümmer geht es eigentlich nicht.

rks
 
01
20.10.2010, 22:34

;Meiner Meinung nach vollkommen konsistent: bildungsfeindlich, aber titelhörig. Dazu passt auch hervorragend der Verleih des Professoren-Titels an Entertainer von Udo Jürgens bis Karl Moik.

werwolfi
02
19.10.2010, 01:34

das kommt davon, dass die politische "elite" bei uns zu guten teilen aus bestenfalls durchschnittlich gebildeten besteht.

was kratzt(e) es eine ehemalige handarbeitslehrerin, wie es den schulen geht?
was interessiert diverse spitzenpolitiker der zustand der universitäten, wo sie ihre wohlfeilen titel doch ohne besondere anstrengung von (aus diversen wenig fachlichen gründen) wohlgesonnenen doktorvätern bekommen haben?

die kurzsichtigkeit, mit der hierzulande mit der einzig ernsthaft verbleibenden resource unseres zwergenstaates (hirn!) umgegangen wird, wird uns über kurz oder lang zum zwergerlstaat degradieren (wenn der zug nicht ohnehin schon abgefahren ist...).

es ist wirklich ein jammer.

Mihilist
 
01
18.10.2010, 19:27
punktgenau

Dieser Beitrag ist eine sehr treffende Beschreibung der Situation an den Unis, wie sie mir auch im Magen liegt. Ohne ins Detail gehen zu wollen, es ist ein kleinliches Hickhack um jedes Brösel eines Budgets ausgebrochen und je engstirniger die zuständigen Bürokraten, desto fester scheinen sie auf ihren Sesseln zu picken. Konstruktive Beiträge darf man von diesen AktenordnerInnen dann nicht mehr erwarten.

milo66
04
18.10.2010, 17:01

Die irrsinnige Politik dieser und der vorherigen Regierungen seit Ende der 90er Jahre zeigen in erster Linie, dass Bildung politisch nicht gewollt ist. Bildung wird nur mehr dort eingefordert, wo es um die Ausgrenzung angeblich nicht bildungswilliger Ausländer geht, finanziert wird sie da aber genausowenig wie sonst. Der Zynismus dieser Politik ist wirklich kaum mehr zu ertragen.

Bergdolm
05
18.10.2010, 16:12
Geld wäre ja da

Wenn man zusammenzählt, was sich unsere "Leistungsträger" verbrecherisch in der jüngsten Vergangenheit in ihre Taschen gestopft haben, könnte man die Unis wahrscheinlich 3x sanieren und das österreichische Bildungswesen wieder auf europäischen Standard bringen.

Allein der politische Wille fehlt dazu. Die ÖVP schützt ihr teilweise verbrecherisches Klientel, die SPÖ freut sich offenbar, dass sie einen schwachmatischen Kanzler stellt, die FPÖ macht nur auf (besser gesagt gegen) Ausländer, den Grünen fehlen Köpfe, die Ernsthaftes bewegen wollen und auch können.

Und den Unis fehlt Geld - weil wir alle sparen müssen.

pox vobiscum
012
18.10.2010, 15:14

Warnung!
Zuviel Bildung kann ihre Wiederwahl gefährden!
:-(

h.huber
22
18.10.2010, 14:33
pensionistenstaat

bildung bringt keine stimmen...
für politiker lohnt es sich eher in pensionen zu investieren.

mich würde interessieren:

wieviel prozent wachsen jählich die ausgaben des staates für pensionen? wieviel für bildung? (absolut gesehen)

wieviel bekommt ein pensionist im jahr mehr? wieviel weniger wird pro student ausgegeben?

werden die familienbeihilfen jährlich genauso angepasst wie die pensionen?

wie hoch ist der zustimmungsgrad zur abschaffung des bundesheeres und zivildienstes bei pensionisten im vergleich zu jugendlichen? (gratis arbeitskräften v.a. zum nutzen der rentner..)

ich fordere: die ausgaben für bildung familien sollten verfassungsmäßig mindestens genauso wachsen wie die ausgaben für pensionen!

Irrer Wahnsinn
00
18.10.2010, 13:38
Dafür ,

kriegen wir halt einen quasi Gotthardttunnel für 300 Pendler - super Vovi.

Karl Bergerle
00
18.10.2010, 15:24
ich glaub bei uns nennt sicher dieser Tunnel

Koralm-Tunnel

j.ohn
010
18.10.2010, 13:21

Es ist schon seltsam in Österreich - vor einem Herrn Doktor wird zwar eifrig gebuckelt, vollkommen egal was er im Hirn hat, Bildung im Sinne eines humanistischen Bildungsideals das zu kritischem, selbstständigem Denken befähigt, ist aber im höchstem Maß suspekt. Bildung soll maximal wirtschaftlich gut verwertbar sein - alles darüber hinaus läuft unter "wer braucht den des?". Und politisch kommt man mit Bildungsfeindlichkeit noch allemal weiter, ansonsten stempelt der Boulevard einen als "abgehoben" und "arrogant" - da bringt Busen signieren in der Großraum-Disco mehr. Ausgaben für Universitäten werden in dieser Logik zu "Kosten", Ausgaben für Löcher in Bergen und Asphalt in der Landschaft zu "Konjunkturbelebung"...

werwolfi
00
19.10.2010, 01:39

weniger seltsam, als inhärent logisch.
man sieht es sehr leicht daran, dass vor amtstiteln (hof- und sonstigen unnötigen räten etc.), die mit bildung nichts, mit alter, vitamin b und der richtigen politischen färbung aber alles zu tun haben, noch viel mehr gebuckelt wird als vor akademischen titeln (von denen ein gutteil auch von eher zweifelhaftem wert ist).

Lacherhalter
012
18.10.2010, 10:45
Wie wahr, wie traurig, wie beschämend

"Das politische Personal hat tendenziell zu viele Analphabeten, was Philosophie, Ideologie und aktuelle Auseinandersetzungen betrifft. Der Rest ist lustiger Smalltalk."

trollvottel
018
18.10.2010, 12:17

Was hast erwartet?

Die ÖVP hat sich spätestens seit Schüssel aller ihrer gebildeten klugen Köpfe entledigt; sonst wäre es nie zu Katastrophen wie der Häkeltante oder dem Glücksspiel-Paten gekommen.

Die prollige SPÖ hat ihre Studenten immer nur belogen, verraten und verkauft, Sigurd Höllinger (SPÖ) war die treibende Kraft hinter all den sinnlosen Studentenquälereien der letzten 20 Jahre.

Die FPÖ dreht wie ein Fahnderl im Wind, forderte die längste Zeit Studiengebühren und als diese kamen waren's plötzlich dagegen ... die interessiert nix außer Versorgungsposten für wangennarbige Österreichverräter.

... und die Grünen haben zwar die meisten Uni-Absolventen, aber sonst zuwenig Wähler :-(

her wig
012
18.10.2010, 10:02
Sonntagsrede,

die Paradedisziplin der ÖVP:
Bildung ist wichtig - Weltklasse wollen wir werden.
Sparen ist wichtig - keine neuen Steuern.
Wirtschaft ist wichtig - Fachkräfte für alle.
bla bla bla - bla bla bla.

dradiwaberl5693
21
18.10.2010, 10:45

Ja aber es geht doch keiner auf die Straße. Das verstehe ich nicht. Studenten engagieren sich für die Dritte Welt, gegen Fremdenfeindlichkeit, etc. Für jedes kleine Thema gibt es Aufläufe und Demonstrationen und Lichterketten, aber wenns um die eigene Haut geht, scheinen sie wie das Kaninchen vor der Schlange und machen keinen Muckser. Wenn sie Wien mal eine Woche lahmlegen, dann wird das schon einen Effekt zeigen!

Got Your Noes!
00
19.10.2010, 14:54

heute waren wir auf der straße, österreichweit!

werwolfi
00
19.10.2010, 01:42

du machst mir spaß - was sollen studenten noch tun, außer die hörsäle so lange zu besetzen, dass sie sich selbst und ihrem studium schon eher schaden als nutzen (so geschehen letztes jahr!)?

was hat die politik gemacht? ausgesessen - wie immer.

WLG
04
18.10.2010, 12:10

Was war denn bitte vor ziemlich genau einem Jahr?
Und wie sollen Studenten "Wien mal eine Woche lahmlegen"? Wen betrifft es unmittelbar, wenn die Studenten (und Uniprofessoren) nicht arbeiten, außer sie selber?
Die Raffineriearbeiter in Frankreich haben da ein deutlich größeres Druckmittel...

Fritz Meyer
114
18.10.2010, 08:35
Gegen Studenten und junge Menschen Politik zu machen...

kommt bei konservativen Wählerschichten leider immer noch gut an - parteiunabhängig.

Und sparen kann man in dem Bereich auch weitgehend gefahrlos, da sich die Betroffenen als politische Kraft leider viel zu leicht spalten lassen und anderswo die "Freunde" aus der Wirtschaft die stetige Vorteilsnahme mit Pöstchen belohnen.

R.U.GAY
021
18.10.2010, 07:53
Das Problem ist doch auch,...

...dass man in Österreich mit bildungsfeindlicher Politik erfolgreich sein kann. Wenn man den Studenten ansich als Parasit, der den Staat ausnützt, definiert, ist es nicht verwunderlich, dass in der Breite der Bevölkerung eher Zustimmung zum Sparen an den Unis aufkommt. Hinzu kommt noch, dass in Österreich "der Student" generell als faul und querulant gilt. Also scheinen mir die verantwortlichen Politiker lediglich den Willen eines großen Teils der Bevälkerung auszuführen. Das dies auf lange Sicht wenig vorteilhaft für Österreich ist, bleibt dank kurzfristigen politischen Vorteil auf der Strecke.

count zero
00
19.10.2010, 08:43
Sie vergessen

die Pflegegeldbezieher, denen gehts jetzt auch heftig an die Substanz.

byron sully
015
18.10.2010, 00:15
es ist interessant,

daß ausgerechnet die övp, die seit 1945 zumeist die stärkste partei bei den akademikerInnen war und von ihren wählerInnen auch als partei des bildungsbürgertums gesehen wird, seit einem jahrzehnt nichts anderes tut, als die unis totzusparen. wie paßt das zusammen? das würde man ja bei einer "proletarierpartei" vielleicht noch eher verstehen...

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