Mit der Universitätsreform 2002 wollte man binnen eines Jahrzehnts "Weltklasse" sein
In Westeuropa, wahrscheinlich sogar unter allen westlichen und asiatischen Industrienationen, gibt es wenige Staaten, deren politische Führung die Nöte der Universitäten derart ignoriert wie die österreichische Regierung. Mit der Universitätsreform 2002 wollte man binnen eines Jahrzehnts "Weltklasse" sein. Jetzt sind wir Weltklasse bei der Brüskierung der Hochschulen.
Bundeskanzler und Vizekanzler werden die Rektoren erst am 22. November "empfangen" - wenn die Budgets für die nächsten drei Jahre bereits ausverhandelt sind. Für die Vollversammlungen und Demonstrationen morgen, Dienstag, ist das ein zusätzlicher Grund. Sogar altgediente Professoren, die nie an die Straße dachten, wenn es um Forderungen ging, sind wütend. Sie reagieren ähnlich wie alte Anwälte und Ärzte, wie ganz konservative Honoratioren in Stuttgart und in Berlin. Es reicht, sagen sie.
Am Ballhausplatz und in den Ministerbüros scheint man diese Zeichen der Zeit nicht zu erkennen - oder gering zu schätzen. Wichtig ist, dass die Regierenden in den Medien gelobt werden. Kritik ist verpönt, Telefonate und E-Mail-Diskussionen mit Journalisten sind die Folge. Feuilletons oder analytische Essays werden nicht gelesen. Das politische Personal hat tendenziell zu viele Analphabeten, was Philosophie, Ideologie und aktuelle Auseinandersetzungen betrifft. Der Rest ist lustiger Smalltalk.
Nur: Längst schon ist Schluss mit lustig. Nicht nur in der Einwanderungsfrage, von der die Universitäten ebenfalls betroffen sind. Hochqualifizierte Ausländer gehen nicht gern nach Österreich, und junge österreichische Wissenschafter sind angesichts vieler internationaler Angebote nur schwer zu halten. Es ist ähnlich wie im Fußball. Für Begabte gilt der Grundsatz: möglichst schnell ab ins Ausland.
Auch Deutschland hat seit Jahren eine massive Ausländerdebatte. Die Dänen erst recht. Sie stehen wegen ihrer rigiden Gesetze ebenso stark in der Kritik wie Österreich. Aber für beide Staaten gilt: Die dort verabschiedeten Sparpakete betreffen Bildung und Universitäten nicht - auf diesen Gebieten wird mehr investiert, höher dotiert als früher.
Die Auswirkungen des Einfrierens der Uni-Budgets an drei Beispielen gezeigt: Die WU hat diesen Herbst 7500 Studienanfänger, aber nur Platz für 1300. Über 6000 zu viel. Alle hinsausprüfen? Oder Klagenfurt: Laufende Gehaltssteigerungen kosten 4,5 Millionen Euro. Konsequenz: Gehälter kürzen oder Studien schließen. Naturwissenschaftliche Studien: Über 10.000 Euro kostet dort jährlich oft ein Studienplatz - nicht mehr finanzierbar angesichts der Hochschulpolitik der Regierung. Trotzdem werden Politiker auftreten und in zusammengegoogelten Sonntagsreden über zu wenige Absolventen in den technischen Fächern jammern.
Zum Jammern ist in Wahrheit der Zustand der österreichischen Spitzenpolitik, die mit der wieder angesprungenen Konjunktur eines machen wird: durchwursteln und durchlavieren.
Zukunftspolitik, von der immer die Rede ist, braucht Konzepte. Dafür aber ist diese Regierung nicht gut genug. Und vor allem nicht mutig genug.(Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2010)