"Eine sehr unerfreuliche Situation"

18. Oktober 2010, 17:53
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Im Skandal um die Bestechlichkeit hochrangiger Fußballfunktionäre ge­stand ein Beschuldigter, Fehler gemacht zu haben

Zürich/Wien - Was kostet die Fußball-WM? Dank britischer Reporter gibt es seit diesem Sonntag eine Antwort. Dass zwei hochrangige Funktionäre des Weltverbandes (Fifa) vor laufender Kamera ihre Stimmen für die Vergabe der WM 2018 und 2022 anbieten, hat die Fans bewegt, aber nicht unbedingt überrascht. Nun räumte der erste Beschuldigte reumütig ein, er habe einen Fehler begangen.

"Ich bin absolut integer, aber es war falsch, auf diese Weise zu reden", sagte Reynald Temarii, einer von acht Fifa-Vizepräsidenten. Dem Tahitianer, der zugleich Präsident des ozeanischen Fußballverbandes ist, wird Bestechlichkeit vorgeworfen. Ein Video der Zeitung Sunday Times zeigt, wie Temarii seine Stimme für ein Fußball-Hilfsprojekt feilbietet. Und zwar um 1,6 Millionen Euro, womit der Bau einer Fußballakademie im neuseeländischen Auckland finanziert werden sollte.

Auch das nigerianische Mitglied der Fifa-Exekutive, Amos Adamu, soll Bereitschaft gezeigt haben, seine Stimme zu verkaufen. Um 570.000 Euro, um in seiner Heimat vier Kunstrasenplätze anzulegen. Am Mittwoch will die Ethik-Kommission der Fifa sich des Falles annehmen, bis dahin hat Fifa-Präsident Joseph S. Blatter den Mitgliedern der Exekutive ein Redeverbot erteilt.

Der Schweizer schrieb in einem persönlichen, aber kurioserweise auch öffentlichen Brief an die 24-köpfige Exekutive, er habe "die unangenehme Pflicht", die Mitglieder über "eine sehr unerfreuliche Situation" in Kenntnis zu setzen. Bis auf weiteres, so Blatter, "möchte ich Sie bitten, von jeglichen öffentlichen Äußerungen in dieser Angelegenheit abzusehen".

Temarii, 43 Jahre alt und seit 2004 in der Fifa-Exekutive, versprach am Montag, eine "vollständige und umfassende Untersuchung" zu unterstützen. Diese erfolgt wieder einmal Fifa-intern. Immerhin: "Alle Fakten" sollen auf den Tisch kommen, sagte Temarii. Blatter kündigte an, die Ergebnisse der Untersuchung "unverzüglich zu analysieren".

Der 57-jährige Adamu, seit 2006 in der Fifa-Exekutive, tauchte nach Veröffentlichung der Anschuldigungen zunächst ab, dann aber überraschend am Fifa-Sitz in Zürich auf. Er traf Blatter und wird sich ebenfalls vor der Ethik-Kommission erklären. Adamu war im Rahmen der Ausrichtung der Panafrikanischen Spiele in Nigeria 2003 bereits einmal mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert worden. Vor kurzem hatte der Funktionär nach 18 Jahren seinen Platz in der nationalen Sportkommission räumen müssen.

Angesichts der Entwicklungen kursieren Gerüchte, die für den 2. Dezember in Zürich geplante WM-Vergabe müsse verschoben werden. Chuck Blazer, amerikanisches Mitglied der Fifa-Exekutive, hält das für unnötig. "Wir sollten diese Dinge voneinander trennen und im Zeitplan bleiben", sagte Blazer. Die Undercover-Reporter hatten sich als Lobbyisten eines US-Konsortiums ausgegeben. Die USA sind neben Australien, Japan, Südkorea und Katar für die WM 2020 im Rennen. Für 2018 bewerben sich England, Russland, Belgien mit den Niederlanden und Spanien mit Portugal.

Korruptionsvorwürfe sind für die Fifa nicht neu. Schon bei der Vergabe der TV-Rechte für die Weltmeisterschaften 2002 (Japan/Südkorea) und 2006 (Deutschland) wurde angeblich gemauschelt. Blatter musste sich Vorwürfe gefallen lassen, bei seiner Wahl 1998 und 2002 sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. (sid, red - DER STANDARD PRINTAUSGABE 19.10. 2010)

  • Reynald Temarii gestand, dass es falsch gewesen sei, so zu reden.
    foto: tahitipresse.pf

    Reynald Temarii gestand, dass es falsch gewesen sei, so zu reden.

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    Amos Adamugeriet bereits2003 unter Korruptionsverdacht.

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