Unfreiwillige Galionsfigur der Zivilgesellschaft

15. Oktober 2010, 19:40
165 Postings

Eine 14-jährige Armenierin lässt Schüler ein Zeichen für eine engagierte Zivilgesellschaft setzen

Araksya - auf der Glasfassade des Borg 3 in Wien-Landstraße prangt ihr Name riesengroß. Die einzelnen Buchstaben bestehen aus vielen Zetteln, auf die noch viel mehr Botschaften gekritzelt sind: "Stoppt die Abschiebung" ist zu lesen, und "Scheiß Abschiebung" und "Fekter raus".

Die Mitschüler der 14-jährigen Armenierin Araksya M. haben ein weithin sichtbares Zeichen für eine engagierte Zivilgesellschaft gesetzt. Und auch darüber hinaus wird die Jugendliche - nicht zuletzt dank der Web2. 0-Möglichkeiten - immer mehr zur (unfreiwilligen) Galionsfigur des Protestes gegen unmenschliche Vollziehung von Gesetzen.

2006 waren Araksya und ihre Mutter zwei von 350 Menschen aus Armenien, die in Österreich um Asyl angesucht hatten. Das bitterarme Bergland im Kaukasus befindet sich im Dauerkonflikt mit Nachbarstaaten, auch die Lage im Land ist instabil, immer wieder kommt es zu Protesten gegen die Regierung und zu Verhaftungen von Oppositionspolitikern. 2009 klopften bereits 440 armenische Flüchtlinge in Österreich an. Doch die Chance auf einen positiven Asylbescheid ist für Armenier äußerst klein, nur sechs Prozent erhielten im Vorjahr auf Anhieb einen gültigen Flüchtlingsstatus.

Auch Araksya und ihre Mutter erhielten einen negativen Bescheid, der Instanzenzug dauerte vier Jahre. Vier Jahre, die die halbe Familie aus Armenien nicht ungenutzt verstreichen ließ, sondern, wie es von braven Migranten gefordert wird, sich gut integrierte. Deutsch? Kein Problem, und auch sonst glänzt Araksya im Gymnasium mit guten Noten.

In derselben Zeit - zur Erinnerung: vier Jahre lang - beschäftigten sich die Behörden gar nicht damit, ob für Asyl ausreichende Fluchtgründe vorliegen, sondern nur damit, dass Österreich gar nicht zuständig ist. Da Mutter und Tochter das erste Mal EU-Boden in Ungarn betreten haben, sind die pannonischen Behörden zuständig. Österreich könnte aber jederzeit den Akt übernehmen.

Ob die minderjährige (durch den Jugendschutz besonders behütete) Araksya und ihre Mutter der Öffentlichkeit jemals mitteilen, was ihnen in ihrer Heimat widerfahren ist, muss ihnen selbst überlassen werden. Derzeit besteht jedenfalls akute Gefahr, dass - wie im Fall der Familie Zogaj - eine in Erklärungsnotstand geratene Politik, gutgemeinte Offensiven des zivilen Ungehorsams und nicht zuletzt die Medienmaschinerie deren Persönlichkeitsrechte und Intimsphäre niederwalzen. (Michael Simoner, DER STANDARD-Printausgabe, 16./17. 10. 2010)

  • Ein Symbolbild, denn für Araksya M. gilt der Jugendschutz.
    foto: standard/oliver schopf

    Ein Symbolbild, denn für Araksya M. gilt der Jugendschutz.

Share if you care.