Barometer Börsenkurs

15. Oktober 2010, 19:00
posten

Es ist die Stimmung, die die Zukunft einer Gesellschaft bestimmt: Bestsellerautor John Casti über neue Methoden der Prognose

Ob sein neues Buch auch ein Bestseller wird, darüber kann auch der Teilzeit-Futurologe John L. Casti nur spekulieren. "Die bisherigen Reaktionen waren immerhin recht leidenschaftlich. Entweder sind die Leute positiv überrascht oder ganz dagegen", sagt der Wahlwiener, der gerade von einer längeren Vortragstour in den USA zurück ist. "Das ist jedenfalls besser als nur laue Zustimmung."

Für sein jüngstes Werk, das kürzlich auch in den Wissenschaftsmagazinen "Science" und "Nature" kontrovers besprochen wurde (in "Science" sehr positiv, in "Nature" nicht so begeistert), hat sich 67-jährige US-Amerikaner fast zehn Jahre Zeit gelassen. Besonders umfangreich ist es deshalb nicht geworden. Dafür aber hat es seine Hauptthese von Mood Matters in sich: Laut Casti bestimmt die Stimmung in einer Gesellschaft, welche Ereignisse die Zukunft bringen wird - und stellt damit unseren Hausverstand auf den Kopf.

Mit wissenschaftlichen Zukunftsprognosen beschäftigt sich Casti schon seit beinahe vier Jahrzehnten. Nach seiner Promotion in Mathematik arbeitete er für die mythenumrankte Rand Corporation, die erstmalig systematische Zukunftsstudien durchführte. Doch Casti hielt es nicht lange im sonnigen Süden der USA: 1974 heuerte er am damals neu gegründeten International Institute for Applied Systems Analysis (Iiasa) in Laxenburg bei Wien an, wo er heute ein Projekt über Extrem-ereignisse leitet.

Dazwischen war der umtriebige Wissenschafter unter anderem Professor an der Technischen Universität Wien, Fellow am legendären Santa Fe Institut in New Mexico - und wurde zum wissenschaftlichen Bestsellerautor: Ein gutes Dutzend wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Bücher erschien unter seinem Namen. Einige davon wie Verlust der Wahrheit oder Das Cambridge Quintett wurden internationale Bestseller mit sechsstelligen Auflagenzahlen.

In einem dieser Bücher, Szenarien der Zukunft, beschäftigte sich Casti ausführlich mit der Prognostizierbarkeit des Wetters, der Börsenkurse oder des Ausbruch von Kriegen. Sein damaliges Resümee: Während wissenschaftliche Vorhersagen in der Astronomie extrem genau sein können, sind sie in komplexen Systemen wie Wirtschaft und Gesellschaft nahezu unmöglich. Deshalb sollte man auch nicht zu viel von ihnen verlangen.

Sozionomische Schlüssel

Doch seit einiger Zeit glaubt er, einen Schlüssel gefunden zu haben, wie sich auch unser aller Zukunft besser prognostizieren lässt. Dieser Schlüssel heißt Sozionomik, ein sozialpsychologischer Forschungsansatz, deren Grundlagen vom studierten Psychologen und angesehenen Marktanalysten Robert R. Prechter entwickelt wurden - und die einen radikalen Bruch mit den herkömmlichen Annahmen von Ursache und Wirkung fordert.

"Während man in der Physik davon ausgeht, dass sich ein Ding nur dann bewegt, wenn es eine externe Kraft gibt, so ist es in der sozialen Welt genau umgekehrt", behauptet Casti. Vielmehr sei es die gesellschaftliche Stimmung, die Handlungen und Ereignisse bewirkt - und nicht umgekehrt. Diese paradox anmutende These versucht Casti anhand zahlreicher Beispiele mit viel Fachkenntnis, aber auch einiger Ironie plausibel zu machen. Und tatsächlich ist man angesichts des Beweismaterials einigermaßen verblüfft, was da plötzlich alles in einem neuen Licht erscheint.

Zunächst aber muss die Gretchenfrage gelöst werden, wie man gesellschaftliche Stimmung überhaupt misst. Doch auch für dieses Problem hat die Sozionomik eine gleich einfache wie überraschende Lösung gefunden: Das beste Barometer dafür, ob die Stimmung eher optimistisch oder pessimistisch ist, sei der Aktienindex. Und laut Casti und Prechter lassen sich daraus alle möglichen politischen Handlungen aber auch gesellschaftlichen Ausdrucksformen extrapolieren.

Zumindest für die Vergangenheit gelingt das Casti sehr eindrücklich: Anhand der fallenden Börsenkurse ab den 1920er-Jahren hätte sich die politische Katastrophe des Zweiten Weltkriegs vorsehen lassen. Im Gegensatz dazu die 1980er- und 1990er-Jahre: Durch den Optimismus an den Finanzmärkten sei prognostizierbar gewesen, dass es zu den ganzen positiven Veränderungen wie dem Ende der Apartheid und der kommunistischen Regimes kommen würde.

Bestechender noch sind Beispiele wie der Bau der höchsten Wolkenkratzer: Auch da zeigt sich ein eindeutiger Trend, der seinen krönenden Abschluss mit dem 828 Meter hohen Butdsch Chalifa fand: Zuerst boomten die lokalen Börsen, danach fasste man den Plan, den Wolkenkratzer zu errichten. Und als er dann stand, ging es meist wieder abwärts mit den lokalen Finanzmärkten. Auch Wien mit dem Millennium Tower wäre da ein gutes Beispiel.

In Castis Buch findet aber auch die These von der Kursabhängigkeit der Rocklängen ihre fröhliche Wiederkehr, sprich: Wenn die Finanzmärkte nach oben gehen, dann würden die Röcke kürzer und die Farben heller - und umgekehrt. Ja, er will mittels kluger Interpretationen der Börsenkurse sogar die Inhalte von Filmen und Popsongs prognostizieren können, was angesichts der Unübersichtlichkeit der Mode- und Kulturindustrie ein allzu optimistisches Unterfangen scheint.

Allerdings muss man Casti zugutehalten, dass er mit etlichen seiner "sozionomischen" Prognosen, die er vor genau fünf Jahren in verbriefter Form festhielt, recht behielt: So sah er den Kursverfall an den Börsen ebenso voraus wie die Krise des Immobilienmarkts in den USA.

Nicht restlos geklärt bleibt freilich die Frage, wie die Börsenkurse zugleich Barometer wie auch Temperatur sein können. Da spielen dann unter anderem die sogenannten Elliott-Wellen eine Rolle, regelmäßige langfristige Börsenbewegungen, die wissenschaftlich freilich nicht ganz unumstritten sind, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Die nächste Zukunft sieht Casti immer noch nicht sehr positiv - aber immerhin optimistischer als Prechter, der als einer der erfolgreichsten Finanzmarktgurus gilt und sich noch selten geirrt hat. Der Erfinder der Sozionomik meinte erst vor wenigen Wochen, dass die Finanzmärkte bis 2016 um 90 Prozent an Wert verlieren werden. Casti, sein kongenialer Popularisator, sieht die Zukunft nicht ganz so düster - und erinnert daran, dass zwischen Oktober 2007 und März 2009 der Kursverfall auch bereits fast 58 Prozent betrug. "Bis 2016 könnten es schon 70 oder 80 Prozent werden." Wir werden sehen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.10. 2010)

  • John L. Casti, "Mood Matters. From Rising Skirt Lengths to the Collapse 
of World Powers,€ 27,50 / 250 Seiten, Springer Verlag, Berlin
    foto: springer verlag

    John L. Casti, "Mood Matters. From Rising Skirt Lengths to the Collapse of World Powers,€ 27,50 / 250 Seiten, Springer Verlag, Berlin

Share if you care.