"Asylpolitik streut Verfolgten Salz in die Wunden"

15. Oktober 2010, 18:56
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Fremdenbehördliche Härte mache psychisch kranke Asylwerber noch kränker, meint der Psychiater und Regisseur Houchang Allahyari

Den Hass auf Ausländer bekomme auch er als Arzt zu spüren, sagte er Irene Brickner.

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Standard: In beiden derzeit diskutierten Abschiebungsfällen - bei der 14-jährigen Armenierin ebenso wie bei den zwei in den Kosovo gebrachten achtjährigen Zwillingen - sind die Mütter nach Jahren psychischer Labilität auf der Psychiatrie. Mancher meint, da werde etwas übertrieben, inszeniert. Was sagen Sie als Psychiater dazu?

Allahyari: Wer so redet, ignoriert, dass ein hoher Anteil nach Österreich kommender Flüchtlinge einschneidende, schockierende Dinge erlebt hat und an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet. Ich behandle eine Reihe dieser Menschen und frage mich oft, inwieweit Asylbeamte geschult sind, die Symptome zu erkennen - die breite Öffentlichkeit ist es ja ganz offensichtlich nicht.

Standard: Was sind die Folgen eines derartigen Traumas?

Allahyari: Es können starke Ängste, Depressionen, Suizidgedanken sein, es kann sogar bis hin zu einem schizophrenen Krankheitsbild gehen. Dazu kommen schwere körperliche Beschwerden. Die Betroffenen hoffen in Österreich auf Schutz und Heilung. Oft ist leider das Gegenteil der Fall. Die derzeitige Asylpolitik streut den Verfolgten noch Salz in die Wunden.

Standard: Die existierenden Psychotherapieangebote für Asylwerber können das nicht ausgleichen?

Allahyari: Nein, denn Therapie wirkt nur bedingt, wenn Menschen, so wie in den beiden aktuellen Fällen, stark unter Druck gesetzt werden. Wer mit den Folgen eines Traumas zu kämpfen hat, für den sind schon Amtswege ein Stress. Und dann kommt unter den herrschenden Bedingungen noch die jahrelange Aufenthaltsunsicherheit dazu. Dadurch werden die Wunden nur vertieft.

Standard: Würden Sie sagen, dass das herrschende Fremdenrecht Menschen tiefer in ihre Krankheit treibt?

Allahyari: Ja, und die Situation ist grotesk: Denn wir selber haben hier in Österreich die Gesetze gemacht, an denen wir jetzt, angesichts der Kinderabschiebungen, leiden.

Standard: Nun befürwortet in Österreich eine Mehrheit eine harte Abschiebepolitik. Was das für Flüchtlinge für Folgen hat, lässt sie eher kalt. Wie ist das möglich?

Allahyari: Es ist das Resultat jahrelanger Angstmacherei und Propaganda. Den Österreichern ist eingeimpft worden, dass die Aufnahme von Flüchtlingen mit Problemen einhergeht, jetzt kämpfen sie sozusagen um ihr sicheres Ego. So kommt es zu Wahlresultaten wie zuletzt in Wien. Begonnen hat es mit Jörg Haider, seitdem hat sich die Flüchtlings- und Ausländerfeindlichkeit von Jahr zu Jahr verschlimmert. Jetzt, so höre ich, werden Ausländer in der Öffentlichkeit beschimpft. Als ich vor 50 Jahren nach Österreich kam, gab es das nicht.

Standard: Waren die Österreicher damals toleranter?

Allahyari: Ich glaube vielmehr, dass die Intoleranz damals tiefer verdrängt war als heute. Vielleicht habe ich es auch einfach nicht bemerkt. Jetzt hingegen habe ich in meinem Wartezimmer Patienten sitzen, die Türken - oder auch Perser - als Kakerlaken bezeichnen. Bei mir im Sprechzimmer sagen sie dann, ich sei natürlich anders, denn ich sei ihr Doktor.

Standard: Wie gehen Sie mit Derartigem um? Sprechen Sie es an?

Allahyari: Nein, denn in meiner Praxis bin ich Arzt, da diskutiere ich über so etwas nicht. Natürlich sage ich, passen Sie auf, ich bin auch ein Ausländer, ich habe zwar die österreichische Staatsbürgerschaft, aber ich komme aus einem ganz anderen Kulturkreis. Aber das wollen die meisten nicht wahrhaben. Früher ist man so mit jüdischen Ärzten umgegangen, am Ende, in der Nazizeit, wurden dann alle Juden gleichermaßen verfolgt. Man muss sich die Geschichte anschauen.

Standard: Als Regisseur haben Sie mit Ute Bock jetzt zum zweiten Mal eine Gegenfigur zu derlei Ausgrenzungstendenzen zum Filmthema gemacht. Warum wieder Bock?

Allahyari: Unter anderem, weil ich mit dem Streifen viele Schulvorführungen zusammen mit Frau Bock plane. Das ist mein Beitrag zur Integrationsdebatte, denn Integration setzt Bildung und Aufklärung voraus. (Irene Brickner, DER STANDARD-Printausgabe, 16./17. 10. 2010)

Houchang Allahyari (69) kam als Jugendlicher aus dem Iran nach Österreich. Er ist Psychiater und Filmregisseur und hat u. a. den Film "Geboren in Absurdistan" (1999) gedreht. Sein zweiter Streifen über die Flüchtlingshelferin Ute Bock, "Die verrückte Welt der Ute Bock", hat am 23. 10. bei der Viennale 2010 Premiere. Kinostart ist am 4. 11.

  • Sieht Bildung und Aufklärung als Mittel gegen erstarkte Ausgrenzungstendenzen: Houchang Allahyari (li.), hier mit Ute Bock, bei der Audimax-Besetzung letzten Winter in Wien.
    foto: starpix /alexander tuma

    Sieht Bildung und Aufklärung als Mittel gegen erstarkte Ausgrenzungstendenzen: Houchang Allahyari (li.), hier mit Ute Bock, bei der Audimax-Besetzung letzten Winter in Wien.

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