Geschwächter Nachwuchs bekommt weniger zu essen

15. Oktober 2010, 18:43
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Die paradoxe Ernährungsstrategie der Ohrwürmer

Man findet sie in fast jedem Garten, unter Holzstücken und in Blumentöpfen. Jeder kennt sie - und gleichzeitig auch nicht. Die Rede ist von Forficula auricularia, auch Ohrwurm genannt. Alltägliche Insekten, gewiss, doch ihre Lebensweise beinhaltet diverse bemerkenswerte Details.

Die Weibchen betreiben intensive Brutpflege. Ohrwurm-Mütter bewachen ihre Eier und später den geschlüpften Nachwuchs, die Nymphen. Gefüttert werden diese ebenfalls. Das Muttertier schleppt ihnen entweder frische Nahrung ins Nest, oder sie frisst selbst und würgt dann den Kleinen vorverdautes Futter wieder hoch. Was ihre Kost betrifft, sind Ohrwürmer absolut nicht wählerisch. "Sie fressen so gut wie alles", betont der Biologe Joël Meunier.

Meunier ist als Wissenschafter in der Arbeitsgruppe von Mathias Kölliker am Zoologischen Institut der Uni Basel tätig. Das Team widmet sich der Erforschung des Familienverhaltens von Ohrwürmern. Ein merkwürdiges Thema? Mitnichten. Das Expertenteam hofft, mithilfe von F. auricularia soziobiologische Erkenntnisse zu gewinnen. "Brutpflege steht an der Basis komplexerer sozialer Systeme", sagt Meunier.

Kommunikation und Verhaltenssteuerung spielen zentrale Rollen, haben Kölliker und Kollegen entdeckt: Ohrwurmweibchen orientieren sich am Duft ihres Nachwuchses. Er gibt Auskunft über den Zustand und das Wohlbefinden der Nymphen und verrät der Mutter, was zu tun ist.

Die Forscher stellten fest, dass der Geruch der Brut, die zwei Tage gehungert hatte, die Weibchen zu einer geringeren Fütteraktivität veranlasste. Der Duft wohlgenährter Nymphen hingegen sorgte für eine bessere Versorgung des Nachwuchses. Vermutlich möchten die Mütter weniger Energie in eine Brut investieren, deren Vitalität infolge des schlechten Ernährungszustandes geringer erscheint, so die Forscher. Dann besser bald noch mal Eier legen und sich darauf konzentrieren.

In einer weiteren Testserie, online in "Behavioural Ecology and Sociobiology" vorveröffentlicht, wurden Ohrwurmmütter drei Tage lang von ihren Jungen getrennt und Geruchsstoffen von entweder schlecht oder gut genährten Nymphen ausgesetzt. Anschließend kehrten sie ins Nest zurück.

Die Behandlung zeigte deutlich Wirkung. Der Duft von (fremdem) sattem Nachwuchs veranlasste die Weibchen dazu, ihren Nymphen häufiger den noch weichen Panzer abzuschlecken, eine Pflege- und Kommunikationsmaßnahme. Der Geruch des Hungers führte dagegen oft zu Ablehnung oder sogar zu Aggression. (deswa/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.10. 2010)

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    foto: universität basel
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