Europas Umgang mit den Roma

"Leute werden legal oder illegal zurückkommen"

15. Oktober 2010, 18:14
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    foto: standard/roma education fund

    Andrzej Mirga ist Berater der Organsiation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Angelgenheiten für Roma und Sinti. Der Ethnograph arbeitete an der Jagiellonen Universität in Krakau und als Roma-Experte für den Europarat.

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    foto: dapd/ghirda

    Ein rumänischer Rom kommt nach der Abschiebung aus Frankreich auf dem Flughafen in Bukarest an. Die EU-Kommission untersucht, ob die Abschiebungen das EU-Recht brechen.

OSZE-Berater Andrzej Mirga kritisiert im STANDARD-Interview den mangelnden politischen Willen der Regierungen

Der Berater für Angelegenheiten von Roma und Sinti der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Andrzej Mirga, ist für eine Strategie der positiven Diskriminierung von Roma in Europa, sagte er zu Adelheid Wölfl.

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STANDARD: Haben die Regierungen zu wenig für Roma getan?

Mirga: Es gibt zu wenig politischen Willen und die Maßnahmen sind zu oberflächlich. Aber Rumänien ist zum Beispiel kein reiches Land und die Roma-Bevölkerung umfasst ein bis zwei Millionen Menschen. Man kann nicht erwarten, dass Rumänien alle Probleme lösen kann. Deswegen gehen die Menschen weg. Dennoch ist der Anteil der Roma an den rumänischen Migranten gering. In Italien waren 2008 insgesamt eine Million Rumänen, von denen waren vielleicht 30.000 Roma. Ähnlich ist die Situation in Frankreich. Aber die Roma werden herausgegriffen, weil sie sichtbar sind.

STANDARD: Weshalb ist die EU-Hilfe für Roma nicht erfolgreich?

Mirga: Viele Gelder gingen in Bildung und Wohnen, aber nicht in Arbeitsbeschaffung. Und oft legt man bei Projekten von NGOs, die von der Regierung beauftragt werden, mehr Wert darauf, dass Geld ausgegeben wird und nicht darauf, was dabei herauskommt. Es gibt zu viele Projekte anstatt einer politischen Strategie. Und die Organisationen sagen dann:_Die Mission ist erfüllt, es gibt kein Geld mehr, wir brauchen ein neues Projekt. Und die Regierunge lassen das Thema oft ganz ausser Acht.

STANDARD: Gibt es mehr Diskriminierung seit der Wirtschaftskrise?

Mirga: Es wäre ziemlich dumm, keinen Zusammenhang zu sehen. Verbindung zu sehen. Wenn man die Rethorik von den Rechtsextremen in Ungarn betrachtet, wo sogar argumentiert wird, dass Roma keine Sozialleistungen, Gesundheitsversorgungen verdienen.

STANDARD: Wenn man den Roma explizit hilft, werden sie aus der Gesellschaft herausgehoben. Sollte man sich besser auf offenere Arbeitsmärkte konzentrieren?

Mirga: Wenn man nur die Anti-Diskriminierungsrichtlinien umsetzt, lässt man außer Acht, dass nur ein ganz kleiner Teil der Roma so gut ausgebildet ist, dass er überhaupt auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren kann. Man muß die Frage beantworten, weshalb Roma so weit hinter dem Bildungsniveau der Mehrheit liegen? Weil sie in Sonderschulen sitzen und segregiert werden. Wenn wir gegen eine positive Strategie für Roma sind, ist das heuchlerisch, weil wir wissen, dass die Gruppe trotzdem benachteiligt ist. Ob wir sie benennen oder nicht, sie sind ja da.

STANDARD: Aber die politische Rechte wird das missbrauchen.

Mirga: Selbst wenn wir keine zielgerichtete Politik für Roma machen, haben die Rechten ihre Ideologie, die werden sich nicht ändern. Die USA haben viele Jahre positive Diskriminierung für Farbige gemacht. Ich war überrascht, wie viele Schwarze es an den Unis in den USA gibt. Ich würde mir wünschen, dass es so viele Roma-Studenten an europäischen Universitäten gäbe.

STANDARD: Ist Europa nicht mutig genug das zu tun?

Mirga: Ja, vor allem mit diesen Mitte-Rechts und Rechts-Regierungen sind wir zu scheu, um eine zielgerichtete Politik zu machen, weil argumentiert wird, dass damit die Mehrheit diskriminiert wird. Aber wenn es aus historischen und anderen Gründen so ist, dass die Roma von der Gesellschaft getrennt sind, dann können wir das ja nicht ignorieren. Warum können wir das nicht für eine Minderheit machen, die Holocaust und Genozid erleben musste und kontinuierlich diskriminiert wird? Und was soll daran falsch sein?

STANDARD: Was soll man machen?

Mirga: Wir müssen mit früher Bildung für Roma-Kinder anfangen, um ein gutes Fundament zu bauen. Wenn wir erwarten, dass Roma mit sechs in die Schule kommen und einen guten Start hinlegen, ist das falsch. Da sind sie ja bereits zurück. Sie brauchen mehr Vorbereitung, um Voreingenommenheiten zu überwinden, den Mangel an Bildungstradition. Sie haben oft Eltern, die Analphabeten sind, leben im Ghetto oder sprechen nicht die die Sprache der Mehrheitsbevölkerung.

STANDARD: Also muss man zuerst die Eltern überzeugen?

Mirga: Nicht nur. Man sollte die Eltern ermutigen und sie auch aufzuklären, welche Vorteile es für Kinder bringt, wenn sie früh anfangen sich zu bilden und man sollte sie ermutigen, von den lokalen Behörden zu fordern: Gebt uns diese Chance! Gleichzeitig müssen wir den Behörden klar machen, dass sie zu den Roma die Hand ausstrecken und weniger Probleme haben, wenn sie weniger Roma in den Sonderschulen haben. Manche Maßnahmen werden nicht exekutiert. Es gibt etwa eine Kinderrechtskonvention, mit der etwa auch Roma-Eltern dafür verantwortlich gemacht werden können, wenn sie sich nicht kümmern. Man darf nicht einfach sagen: Ok, das sind andere Leute und eine andere Kultur.

STANDARD: Ist das Kutur-Argument Teil des Problems?

Mirga: Ich mag diesen Diskurs nicht, dass Kultur verwendet wird um Faktoren zu erklären oder sie zu rechtfertigen. Die Gesellschaft sollte in der Lage sein mit meiner Kultur umzugehen, so wie ich in der Lage bin mit der Kultur der Mehrheit umzugehen. Aber das Argument, dass wir anders sind sollte nicht dafür verwendet werden, dass wir anders behandelt werden. Wenn etwas falsch ist in unserer Kultur, wenn etwas gegen das Gesetz ist, dann sollte der Staat reagieren, er sollte eine klare Haltung dazu einnehmen und uns beibringen, dass das nicht akzeptabel ist. Behandelt uns gleich, aber gebt uns eine faire Chance aus dieser Situation herauszukommen! Es ist ja nicht in unserer Kultur, dass Roma-Kinder in Sonderschulen überrepräsentiert sind. Und wenn es ein Problem des Systems ist, dann muss man das System ändern.

STANDARD: Seit den 1990ern sind durch die ökonomischen Umwälzungen viele Arbeitsplätze für Roma in Osteuropa verloren gegangen.

Mirga: In den 1990ern gab es einige Vorfälle wo der Mob gegen Roma vorging. Heute ist das anders: Es gibt eine Ideologie, die aber von politischen Kräften vertreten wird. Jobbik ist ein Beispiel dafür. Das sind keine losen Strukturen mehr, die haben kräftige Strukturen. Die sind im Parlament. Und die zielen auf Roma für deren politische Ziele. Inwieweit das die Leute inspiriert, Leute zu töten, ist eine andere Sache. Aber die Inspiration ist da. In den letzten zweieinhalb Jahren wurden sechs Roma in rassistischen Attacken getötet. Diese kleinen politischen Gruppen haben verstanden, dass sie Stimmen machen können und das ist eine wirkliche Gefahr. Roma werden neuerdings auch als eine Gefahr für die öffentliche Ordnung gesehen.

STANDARD: Sie meinen in Frankreich?

Mirga: Diese Argumente hat man auch in Italien benutzt. Roma werden zum Sicherheitsproblem gemacht. Aber ich denke nicht dass diese kleinen Roma-Gemeinschaften die Staatssicherheit gefährden können.

STANDARD: Fehlt es in Europa an gescheiten Mechanismen zur Integration?

Mirga: Es gibt genügend Mechanismen, wir brauchen keine neue Strategie. Es liegt bei den Regierungen, die Roma sind ja Bürger von bestimmten Staaten und die sollten nicht aus der Verantwortung genommen werden. Es braucht eine stärkere Überwachung auch von den EU-Fonds, damit sie nicht missbraucht werden.

STANDARD: Deutschland schickt tausende Roma in den Kosovo zurück, trotz massiver Kritik von internationalen Organisationen.

Mirga: Auch wenn es im Kosovo keine Sicherheitsgefahr mehr gibt, gibt es für die Roma trotzdem noch keine Bedingungen, dass sie zurückkehren können. Außer in Mitrovica vielleicht, gibt es ja auch keinen Wiederaufbau. Wohin sollen denn die Leute gehen? Die Wohnungen wurden ja zerstört. Man sollte eine andere Strategie ausdenken, als die Leute zu zwingen zurückzukehren. Das ist ja auch ineffektiv, weil früher oder später werden diese Leute legal oder illegal nach Deutschland zurückkommen. Wir haben Deutschland dazu aufgerufen, da realistischer zu sein.

STANDARD: Roma leben in Europa in verschiedenen Staaten. Hat Europa im Ganzen noch nicht verstanden, dass die Roma Europäer sind?

Mirga: Ich bin ein Rom und ich bin polnischer Staatsbürger. Ich wäre besorgt, wenn die polnischen Behörden zu mir sagen würden: Ach ja, Sie sind ja Europäer und außer Acht lassen, dass ich ein polnischer Bürger bin. Ich möchte nicht, dass argumentiert wird, dass Europa zuständig ist. Ich bin hab manchmal Angst vor dieser Europäisierung der Roma. Ich will, dass die Nationalstaaten für ihre Bürger kämpfen und sich nicht für sie genieren. Ich bin ein Bürger eines Landes und gleichzeitig profitiere ich davon, Teil der EU zu sein. Aber Brüssel ist eine Bürokratie, die keine Probleme am Dorf lösen kann, wo es Roma-Ghettos gibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2010)

Kommentar posten
20 Postings
Norrin Radd
00
16.10.2010, 12:40
Warum sind hier die Postings von gestern verschwunden?

Beobachter zweiter Ordnung
33
16.10.2010, 10:20
Bitte aus der Geschichte lernen!

Man kennt das: wenn sich die Gesellschaft grundlegend verändert, entstehen Unsicherheit und Angst, die sich sofort gegen die schwächsten Teile der Gesellschaft richten, die zum Sündebock gemacht werden. Altes Muster, führt nirgendwohin. Europa MUSS Lösungen finden, um mit diesen Veränderungen ohne Rassismus und das Hinschlagen auf die Schwächsten umzugehen. Die Verlogenheit der ganzen Diskussion zeigt sich nicht zuletzt in der "Integrationsfrage", als ob es den Juden in den 30ern etwas genützt hätte, dass sie so gut integriert waren, dass sie selbst nicht wußten, dass sie Juden sind. Wir müssen als Europäer intelligentere Lösungen finden, als primitives "Haut den Esel"!

Brandalik
51
16.10.2010, 10:11

LERNT IHR DENN NIE
BEGINNT DIESER NAZISCHEISS SCHON
WIEDER ****WARUM ROMAVERFOLGUNG****
WIR SIND ALLE MENSCHEN

salzwasser
03
16.10.2010, 10:08
andere wege der integration

http://www.adz.ro/m090109.htm
Denn längst sei das (kriminelle) Verhalten der rumänischen Zigeuner in Europa in mafiöse Strukturen integriert: In Venedig müssen bettelnde Greise und Kinder der rumänischen Zigeuner, die es auf Jahreseinkommen von 70.000-100.000 Euro bringen, der Mafia „tägliche Standortgebühren“ von 50 Euro „abgeben“, erzählt Remmel. In London erbringen bettelnde Romakinder ihren „Pflegern“ ein Jahreseinkommen von 100.000 Pfund. Doch weder die EU noch das Mutterland Rumänien haben bislang eine vernünftige Integrationsstrategie für die Roma vorgelegt. Rumänien hat das wenigstens öffentlich zugegeben. Gerade in der Schilderung der durch mafiöse Strukturen und Mafiaführer (auch rumänischen Ursprungs, wie der aus Galatz/Galati

Sepp Papmahl
00
22.10.2010, 10:13
salzwasser

.....und in Köln sind es die "Klaukids", denen die Polizei nichts tun kann, da diese angeblich strafunmündig sind. Sie werden heim gebracht und sind schon vor der Polizei wieder am Hbf. Kölln erneut in Aktion.

philidor85
00
16.10.2010, 09:19

"Mirga: Es wäre ziemlich dumm, keinen Zusammenhang zu sehen. Verbindung zu sehen. Wenn man die Rethorik von den Rechtsextremen in Ungarn betrachtet, wo sogar argumentiert wird, dass Roma keine Sozialleistungen, Gesundheitsversorgungen verdienen."

rhetorik lieber standard

omar
42
16.10.2010, 07:43
lasst doch endlich die nomaden

nomaden sein und basta!

das ist fix
12
16.10.2010, 13:01

wir leben im jahr 2010

in einer hochentwickelten gesellschaft ist ein nomadenleben wie vor 2500 jahren nicht mehr möglich

Fred der Prophet
13
16.10.2010, 09:16

irgendwie scheint mir die heutige welt, zumindest hier in europa, nicht mehr wirklich zum nomadisieren geeignet. wovon soll ein nomade hier leben und was ist mit den kindern, denen dadurch jegliche möglichkeit ein selbstbestimmtes leben zu führen genommen wird?

Orku5
 
06
16.10.2010, 09:09
Nichts gegen Nomaden...

... jedoch das Problem hier ist, das die grosse Mehrheit in Kriminellen aktivitäten verwickelt ist, und ihnen wäre sicher auch etwas anders wenn plötzlich 500m von Ihnen ein Roma Camp aufgeschlagen wird...

Hab es damals in Frankreich erlebt wie ich noch dort gelebt hab; habe es in einem meiner früheren posts hier schon geschildert aber natürlich, von den Leuten die Ausland nur aus 2 Wochen Urlaub kennen kann man nicht mehr als "red" erwarten.

Der Zwersch
30
16.10.2010, 15:01

Damals...

War das zwischen 1940-44?

Bluestone
24
16.10.2010, 06:06

Daß die EU wieder die Lösung der Probleme darin sieht,unkontrolliert in mehr Geld in die armen Länder zu pumpen, ist nicht neu. Nachher wird ja nicht kontrolliert, was damit passiert ist.

Und Rumänien und Bulgarien bekommen doch schon jahrelang Gelder aus dem EU-Strukturförderungsfonds. Wo ist das hin?

The American
12
16.10.2010, 01:32

Ein Segen dass es in Europa Leute wie Mirga gibt! Die OECD fällt immer öfter äußerst positiv auf. Hoffentlich gibts auch in der Politik bald mehr Mirgas, in Österreich wie in der EU insgesamt!

raymond a
13
15.10.2010, 23:37
legal oder illegal?

man sollte aufhören, die Roma wie arme Idioten, die außerhalb des Rechts stehen, zu behandeln.

auch die "positive Diskriminierung" trägt dazu bei:

http://aron2201sperber.wordpress.com/2010/08/2... -die-roma/

Austrialix
53
15.10.2010, 22:47
wenn es in europa keinen platz für 1-2 mio roma gibt...

...gibt es auch keinen Platz für Europa auf dieser Welt.
Jeder auf dieser Welt hat ein Recht auf Leben. Auf ein Menschenwürdiges. Wenn es unserer Gesellschaft gelingt, den Ärmsten ein würdiges Dasein zu bieten, ist es gut. Es ist nicht nur die Bildung, die vielen Menschen fehlt. Auch für sehr viele "gebildete" Menschen gibt es mittlerweile keine "Verwendung/Arbeit" in Europa. Ebenso für "ältere" Menschen ab "45+". Europa verzichtet auf die Autarkie und produziert in China und Umgebung. Die Industrie geht uns verloren und keiner merkt es...

das ist fix
06
16.10.2010, 13:03

Niemand spricht den 1-2 Millonen Mensche das Recht auf Leben ab.
Es es Aufgabe dieser Menschen sich selbst, innerhalb einer arbeitsteiligen Gesellschaft, mittels Erbwerbsarbeit den Lebensunterhalt zu verdienen.

mitrovic dejan
11
15.10.2010, 20:59
Eltern überzeugen !-wer hatts erfunden ?

http://derstandard.at/plink/128... id18469687

Brandalik
50
15.10.2010, 20:07

Roma sind auch menschen

Rre
13
15.10.2010, 20:55
Sogar 3Handy-Kunden sind Menschen!

max meier564
01
15.10.2010, 20:01
es soll bloss keiner glauben das dies irgendwie ein

europa spezifisches problem ist. ich kann mich noch genau erinnern an einen bekannten (1990) aus damals jugoslawien der in moskau wohnte und eine ethnische "zigeunerin" als frau hatte (roma hats nie gegeben die wurden nur von den deutschen erfunden um das wort "zigeuner" wegzureden. nun, das war eine familie die ausserst angefeindet wurde und zwar von den russen in diesen wohnblock, was die russkies alles vollfuehrten um denen das leben schwer zu machen bloss weil die frau dieser ethnischen richtung angehoehrte war unglaublich.

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