Unterwegs mit den Samaritern der Wüste

15. Oktober 2010, 17:39
48 Postings

In Arizona versorgen Bürger Flüchtlinge in der Wüste mit Wasser und Lebensmitteln - Reportage

Die illegale Einwanderung ist eine der großen Fragen, um die Amerika in diesem Wahljahr streitet. In Arizona bringen Bürger Wasserflaschen an die Trampelpfade, damit die armen Teufel wenigstens nicht verdursten.

*****

Die klare Wüstenluft zeichnet scharfe Konturen. Wie Zacken ragen die schroffen Berggipfel in den blassblauen Himmel. Die bizarren Säulen der Saguaro-Kakteen wirken gespenstisch. In der Ferne schweben Truthahngeier, irgendwo dort muss ein Tierkadaver verwesen. "Hoffentlich ist es kein Mensch, über dem sie kreisen" , sagt Sandra Anderson.

Vor Sonnenaufgang ist die Ärztin aufgestanden, um ihren Jeep vollzuladen, mit Wasser, Müsliriegeln und Mullbinden. Von Tucson geht es Richtung Südwesten. Anderson hat Sonntagsdienst. Sie fährt Patrouille für "Los Samaritanos", eine Bürgerinitiative, die zu verhindern versucht, dass illegale Einwanderer auf dem Weg von Mexiko herauf durch die Wüste verdursten. An den Trampelpfaden deponieren die Freiwilligen Wasser. "Ich will nicht blind sein für das, was vor meiner Türschwelle passiert", beantwortet die weißhaarige Frau die Frage nach dem Motiv. Sie stammt aus Michigan, für die WHO war sie in Nepal, Genf und Südafrika. Unter der Sonne Arizonas wollte sie sich eigentlich zur Ruhe setzen.

Zwanzig Minuten nach dem Start: ein Tritt auf die Bremse. Zwischen schwarzstämmigen Mesquite-Bäumen laufen fünf Männer im Gänsemarsch in Richtung Stadt. Einer humpelt. Sandra Anderson greift nach Proviant und Verbandszeug. "Braucht ihr Hilfe?" "Gracias, danke, nein, wir sind keine Illegalen." Pilger seien sie, sagt der Älteste, auf dem Weg zur Missionskirche San Xavier del Bac, wo die Gläubigen um Wunder beten. Vielleicht stimmt die Geschichte, vielleicht ist es nur gute Tarnung. Die Samariterin interessiert es nicht, sie verteilt Binden für wundgescheuerte Füße. Wem zu helfen ist, dem wird geholfen. "Gute Reise!"

Greift die Border Patrol Verdächtige auf, bringen sie Busse auf eine Luftwaffenbasis, am nächsten Tag sind die illegalen Grenzgänger wieder in Nogales, Mexiko. Abgeschoben. Vorher nehmen die Behörden noch ihre Fingerabdrücke, damit es leichterfällt, sie beim nächsten Mal zu identifizieren. Die meisten versuchen es bald wieder, unter anderem Namen. In jeder Nacht laufen Hunderte durchs Altar Valley, getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben im reichen Amerika. Drei Tage dauert ein Fußmarsch bis zu den "Pick-up-Points" an der Arivaca Road, einer Landstraße, wo Lieferwagen die Gruppen an verabredeten Stellen auflesen und nach Tucson oder Phoenix bringen, wo sie bei Verwandten untertauchen. Noch vor fünf Jahren waren es täglich Tausende. Heute versperrt hinter Sasabe, einem gottverlassenen Nest, ein Wall aus Stahl ihren Weg.

Sechs Meter hohe, armdicke Eisenstäbe, einbetoniert. Sie stehen so eng, dass gerade eine Hand dazwischenpasst. "Reine Symbolik" , glaubt Sandra Anderson. "Es gibt keinen fünfzig Fuß hohen Zaun, für den es keine einundfünfzig Fuß hohe Leiter gibt" , zitiert sie Janet Napolitano, die Gouverneurin Arizonas war, bevor Barack Obama sie zur Heimatschutzministerin machte.

Eine Autostunde von hier, im mexikanischen Städtchen Altar, dreht sich alles um den Menschenschmuggel. Neuerdings verkaufen die Händler dort Wasserflaschen aus schwarzem Plastik. Helle Flaschen fallen auf, wenn die Hubschrauber der Border Patrol ihre Scheinwerfer kreisen lassen. Dunkle nicht. Die Coyotes, die Schleuser, kassieren zweitausend Dollar pro Kopf, und manchmal scheinen sie ihren Schutzbefohlenen vorzugaukeln, es seien zwei Stunden bis ans Ziel.

Tim Quinn ist ein echtes Original, wild wie der Westen. Ein buntes Tuch um den Kopf gewickelt, Sonnenbrille darüber, thront er stolz und stoisch auf seiner Harley-Davidson. Mit kratziger Stimme lästert er über die Minutemen, eine Bürgermiliz, deren Mitglieder ins Tal kommen, um mit Ferngläsern nach Illegalen Ausschau zu halten. Die Migranten stören ihn nicht, "die kommen ja, um zu arbeiten" . Narcos, Drogenschmuggler, vor denen hat er Angst.

Gut organisiert, wie sie sind, lassen sich die Narcos nur selten erwischen, meist schnappen die Grenzpatrouillen nur die armen Teufel. Manche verlieren ihren Coyote. Hilflos irren sie umher, trinken aus Viehtränken und werden sterbenskrank. Der Leichenbeschauer Bruce Parks sieht die Folgen. Stockend erzählt er von Manuel Vargas Zaldivar. Der kam schon mit 18 ins kalifornische San Diego, 1992, als die Grenze noch durchlässiger war. Er heiratete, zwei Söhne und zwei Töchter kamen zur Welt, im Jänner fuhr er zum ersten Mal wieder nach Honduras, um seinen greisen Vater zu besuchen. Den Rückweg muss er sich als Kinderspiel vorgestellt haben, genau wie vor 18 Jahren. In der sengenden Junihitze bezahlte er ihn mit dem Leben. "Es sind einfach zu viele Tragödien", klagt Parks. "Mit der Zeit betäubt es dich. Vielleicht ist es gut so, sonst kannst du nicht weiterarbeiten." (Frank Herrmann aus Tucson/DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2010)

  • Die Grenzbefestigung aus Stahl bei Sasabe. "Es gibt keinen fünfzig 
Fuß hohen Zaun, für den es keineeinundfünfzig Fuß hohe Leiter gibt" ,
 sagte Heimatschutzministerin Janet Napolitano, als sie noch 
Gouverneurin von Arizona war.
    foto: standard/herrmann

    Die Grenzbefestigung aus Stahl bei Sasabe. "Es gibt keinen fünfzig Fuß hohen Zaun, für den es keine
    einundfünfzig Fuß hohe Leiter gibt" , sagte Heimatschutzministerin Janet Napolitano, als sie noch Gouverneurin von Arizona war.

  • Los Samaritanos auf ihrer Mission in der Wüste von Arizona. Die Freiwilligen deponieren Wasserflaschen, damit durchkommende Grenzgänger nicht in der Hitze zu Tode kommen.
    foto:standard/herrmann

    Los Samaritanos auf ihrer Mission in der Wüste von Arizona. Die Freiwilligen deponieren Wasserflaschen, damit durchkommende Grenzgänger nicht in der Hitze zu Tode kommen.

Share if you care.