Radfahren um den großen Gas-See

17. Oktober 2010, 17:37
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Gashandel ist kompliziert und in Österreich Spezialisten vorbehalten. E-Control-Chef Walter Boltz will Transparenz

Gashandel ist kompliziert und in Österreich Spezialisten mit viel Insiderwissen vorbehalten. E-Control-Chef Walter Boltz und seine EU-Kollegen wollen Transparenz. Sie träumen von einem Gas-See, der allen zugänglich sein soll.

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Groningen - Ein großer See aus Gasmolekülen, nicht zum Baden, sondern als Lockmittel für Händler, Börsenleute, Investoren: das ist die Vision von E-Control-Chef Walter Boltz, der durch die Brille des Regulators Veränderungen kommen sieht, die den europäischen Gasmarkt revolutionieren werden.

Österreich könne zu den Gewinnern zählen, es müssten aber rechtzeitig die richtigen Schritte gesetzt werden, sagte Boltz bei einem Lokalaugenschein im Zentrum der niederländischen Gasindustrie - Groningen.

Die Stadt im Nordosten der Niederlande ist nicht nur Namensgeberin eines der größten Gasfelder im Kontinentalsockel; Groningen ist auch Sitz von Gasunie, der in Staatsbesitz befindlichen Gasnetzgesellschaft. Durch frühzeitige Trennung der früher integriert gewesenen Unternehmen und grenzüberschreitende Kooperationen ist es den Niederlanden gelungen, ihren Gasknoten zum zweitmeist frequentierten nach dem Gas-Hub in Großbritannien zu machen.

Auch finanziell erweist sich der von den Holländern eingeschlagene Weg als erfolgreich: mindestens zehn Prozent der Staatseinnahmen kommen aus dem Gasbereich - Tendenz steigend.

Österreich habe zwar kein vergleichbares Gasfeld. Einige essenzielle Faktoren seien aber gegeben, um Österreich als Gasdrehscheibe im Südosten Europas zu etablieren. Neben der Superlage am Schnittpunkt mehrerer Pipelines, zu der in Zukunft auch noch die Nabucco-Röhre aus dem kaspischen Raum stoßen könnte, aufstrebenden Nachbarstaaten und umfangreichen Speichermöglichkeiten um den Gasknoten Baumgarten bei Wien gibt es auch eine auf Gasprodukte spezialisierte Börse.

Noch stünden die etablierten Gasgesellschaften in Österreich aus Angst vor Konkurrenz auf der Bremse, bedauert Boltz. Würde Gas, das im Inland produziert, importiert oder im Transit unterwegs ist, in einem virtuellen See konzentriert, aus dem sich jeder Interessent nach einheitlichen Regeln bedienen könnte, hätten alle etwas davon. Auch die Effizienz würde steigen. (Günther Strobl aus Groningen, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.10.2010)

  • In Baumgarten an der österreichisch-slowakischen Grenze ist einer der größten Erdgasverteiler Europas. Dort soll dereinst auch Nabucco andocken.
    foto: standard/heribert corn

    In Baumgarten an der österreichisch-slowakischen Grenze ist einer der größten Erdgasverteiler Europas. Dort soll dereinst auch Nabucco andocken.

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