Schreibmaschinen zerstören

15. Oktober 2010, 18:01
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Da wird diskutiert und geprobt, gekürzt und gestrichen - Schauspieler und Regisseure werden auf junge Autoren losgelassen

Wien - Im Burgtheater wurde eine wunderbare Maschine angeworfen. "Mit dem Gerät soll an den Texten von acht Autoren gearbeitet werden", sagte Burgtheater-Dramaturg Plinio Bachmann, als er die Maschine denen vorstellte, die sie zwei Wochen lang bedienen sollten. Sie steht in einem kleinen Raum, der kaum zu finden ist. Vom Portier weg kleben deshalb alle paar Meter Wegweiser an der Wand: "Werkstatttage"; acht junge Autorinnen und Autoren wurden vom Burgtheater und dem Deutschen Literaturfonds eingeladen, zwei Wochen lang mit erfahrenen Theaterleuten an ihren unfertigen Texten zu hobeln.

Auf dem Boden des Maschinenraums markieren bunte Bänder eigenartige Felder. Scheinwerfer stehen in den hinteren Ecken. Es ist ein Proberaum, in dem die acht Autoren sitzen. Daneben ihre Mentoren, von denen sie aus 50 Bewerbern gewählt und schon im Vorfeld betreut wurden. Müde sehen sie aus. Abends gehen alle gemeinsam ins Theater. Davor diskutieren sie die Texte. Drei Stunden am Vormittag, drei Stunden am Nachmittag. Heute: Knöpfe der 26-jährigen, gebürtigen Leobnerin Christiane Kalss. Sie lächelt. Auch wenn Gunther Nickel vom Deutschen Literaturfonds seinen FAZ-Vorhang lüftet und schnell die entscheidende Frage stellt: "Trägt mich so was über 'nen ganzen Theaterabend?"

Längen und kürzen

Das Stück müsse kürzer, fokussierter werden, sagen die einen. Die anderen wollen es komplizierter und wendiger wissen. Es gehe um nichts, heißt es da, "um die Liebe", hört man dort. "Was mich total erstaunt, ist, dass wir jetzt eindreiviertel Stunden über das Stück diskutieren und das Wort Humor noch nicht gefallen ist", sagt Bachmann. Die Autorin schreibt in ihr Notizbuch. Sie werfe für ihre Stücke ihre Schreibmaschine an, kritisiert Kollege Wolfram Lotz den Mechanismus des Texts, und "man hört beim Lesen ihrem Rattern zu. Aber man kann grundsätzlich sagen: 'Die Maschine muss zerstört werden.'"

Solche Ratschläge hört die Autorin gelassen. "Ist eh noch viel zu lang." Außerdem ist sie Workshop-Profi. Sie hat in Graz einen Lehrgang für szenisches Schreiben besucht und war letztes Jahr bei stück/für/stück am Wiener Schauspielhaus. Intendant Beck hat dort das Pendant zu den Werkstatttagen eingerichtet, die er sechs Jahre davor ans Burgtheater gebracht hatte. 2007 verließ er die Burg. Die Werkstatttage gingen weiter. Zwei Jahre später fielen sie aus, es gab keine guten Einreichungen. Gewissermaßen als Entschädigung wird das Stück eines heurigen Teilnehmers in der nächsten Burgsaison aufgeführt.

Strichvorschläge

In seiner Entstehung wird es sich von vielen anderen Stücken unterscheiden. Denn dass Autoren, wie in der zweiten Woche der Werkstatttage, mit Schauspielern und Regisseuren an unfertigen Texten arbeiten, ist sehr selten.

Sie streichen gerne. Christiane Kalss hat ihren Text von 70 auf 45 Seiten "eingedampft", wie Schauspieler Roland Kenda das nennt. Er liest die Figur des Experten für Knöpfe und viele andere Dinge. Die geplanten zwanzig Minuten für die Lesung einzuhalten, wird schwierig, so schnell er und seine Kollegen auch sprechen. Ihre Geschwindigkeit tut dem Text aber gut. Er wird lebendig, witzig. Bei der Probe wird schon viel gelacht. Und zu viel dürfe man auch nicht streichen, sagt Maik Solbach, "es geht um die Präsentation von Christianes Fantasie."

Autor - Theaterverlag - Bühne lautet die normale Theaterverwertungskette. Dementsprechend viele Verleger könnten am Sonntag zum Stückefest ins Kasino am Schwarzenbergplatz kommen, wenn die Produkte der Werkstatttagmaschine szenisch gelesen werden. Am Open Mic erzählen gleich danach 20 andere Jungautoren je drei Minuten ihres Stücks. (Georg Oberhumer, DER STANDARD - Printausgabe, 16./17. Oktober 2010)

 

  • Regisseur Eike Hannemann weist den Weg. Werkstattautorin Christiane 
Kalss gefällt die Zusammenarbeit mit Mavie Hörbiger, Maik Solbach, 
Robert Reinagl, Roland Kenda und Catrin Striebeck.
    foto: reinhard werner/burgtheater

    Regisseur Eike Hannemann weist den Weg. Werkstattautorin Christiane Kalss gefällt die Zusammenarbeit mit Mavie Hörbiger, Maik Solbach, Robert Reinagl, Roland Kenda und Catrin Striebeck.

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