Bescheidenheit bleibt eine Zier

15. Oktober 2010, 17:52
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Kalkulierte Sensationen finden nur selten statt - Aktuelle Bilanz zur Auktionswoche im Dorotheum, bei der Käufer die Spreu aus dem Weizen siebten

Neben diesen Weibern mit dem eminenten Sinn für die Anordnung eines Gewandes, sinnierte Leopold Carl Müller 1877 in einem Brief an einen Freund, seien "wir Maler mit unseren Absichtlichkeiten ja Pfuscher" . Als einziger auf orientalische Motive spezialisierter Künstler Österreichs, genoss er bereits zu Lebzeiten internationale Anerkennung. In London riss man seinem Galeristen Henry Wallis die exotischen Markt- und Haremsszenen förmlich aus den Händen. Wie kaum ein anderer verstand es Müller, mit dem für ihn typischen Repertoire das Fantasiebegehr des Abendlandes zu bedienen.

Über Wallis gelangten kurz nach ihrer Fertigstellung etwa auch die Ägyptischen Wasserträger aus dem Jahr 1880 zuerst in englischen und später in deutschen Privatbesitz. Dienstag dieser Woche sollte das Werk im Zuge der dritten Auktionswoche im Dorotheum neuerlich den Besitzer wechseln. Tat es aber nicht.

Achtarmiger Versager

Die Vorgabe des Verkäufers und der Experten war mit 350.000 bis 450.000 Euro schlicht zu hoch gegriffen. In dieser Preisklasse sind Zuschläge für Arbeiten Müllers weltweit nämlich eine Ausnahme. Seit 1989 fiel nur zweimal jenseits der 200.000-Euro-Marke der Hammer: 2008 und 2009 bei Sotheby's in New York, allerdings für Werke mit schillernder Provenienz, etwa aus der Sammlung des Milliardärs Vanderbilt.

Auch beim achtarmigen Star-Lot der Sparte Antiquitäten, das von einem internationalen Experten als eine Arbeit André Charles Boulle identifiziert worden war, hatte man zu hoch gepokert. Im Oktober 2009 hatte ein deutscher Händler den Luster "im Kinsky" für brutto 16.250 Euro erworben. Das Dorotheum investierte in ein kostspieliges Gutachten Jean Nérée Ronforts, wohl auch, um über ihn an potenzielle Käufer zu kommen. Ausgabenseitig kam neben dem üblichen Anzeigenbrimborium eine zeitgerecht zur Biennale des Antiquaires in Paris abgehaltene Sonderausstellung mit exklusivem Dinner hinzu. Fazit: außer Spesen nix gewesen.

Denn auch dieses Lot scheiterte, weil die von einem der beiden einzigen Telefonbieter deponierten 550.000 Euro unter dem Limit (600.000) lagen. Der Delfinluster wanderte ins Warenlager zurück, und das Titellos der Sparte Antiquitäten, ein prunkvoll wirkendes aber tatsächlich nur partiell in das 18.Jahrhundert datierbares Barockbett mit Baldachin (Taxe 100/150.000) tat es ihm gleich.

Beste Herbstbilanz

Dennoch durfte das Dorotheum nach drei Auktionstagen mit einem Bruttoumsatz von 11,37 Millionen Euro den bislang besten Wochenumsatz zum Auftakt der Herbstsaison verbuchen. Schon weil das ausgewogene Angebot auch Hochwertiges zu weit moderateren Schätzwerten bereithielt. Etwa bei Antiquitäten, wo der Umsatz im Vergleich zu 2009 um stattliche 43Prozent stieg: Hier setzte sich etwa Johann Kräftner für ein auch vom deutschen Handel heftig umworbenes Paar Biedermeier-Konsoltische bei 55.000 Euro (brutto 67.400) durch, die in der Bibliothek des Palais in der Bankgasse ab Herbst 2012 eine endgültige Heimat finden werden.

Besonders spendabel zeigte sich ein Saalbieter, der wohl im Auftrag russischer Investoren in einen regelrechten Kaufrausch verfiel. Bei Gemälden des 19. Jahrhunderts (vgl. 2009 -8 %) holte er sich Waldmüllers Kranzljungfer (360.000/421.300 Euro), anderntags mit Il Guercinos zwei Szenen aus dem Leben König Davids (280.000/329.300), Carlo Marattis Venus & Cupido (240.000/283.300) oder dem Landschaftsstück Jan Brueghel II und Joos de Mompers (150.000/188.430) auch noch die teuersten Positionen aus dem Tagesangebot der Sparte Alte Meister (vgl. 2009 +29 %). (Olga Kronsteiner, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 16./17. Oktober 2010)

  • Leopold Carl Müller: Inspiriert von einer seiner neun Ägyptenreisen, 
schuf er 1880 das Gemälde Ägyptische Wasserträger. Mit einer Taxe von 
350.000-450.000 Euro scheiterte es jetzt am zu hohen Limit.
    foto: dorotheum

    Leopold Carl Müller: Inspiriert von einer seiner neun Ägyptenreisen, schuf er 1880 das Gemälde Ägyptische Wasserträger. Mit einer Taxe von 350.000-450.000 Euro scheiterte es jetzt am zu hohen Limit.

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