Peitschenhieb und Alpenveilchen

15. Oktober 2010, 17:57
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Sabine Mainberger, Literaturwissenschafterin aus Berlin, hat das "Experiment Linie" in der Ästhetik und Literatur um 1900 untersucht

Nietzsches "Formel meines Glücks" lautete: "ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel ..." Als Nietzsche starb, glaubte eine ganze Epoche, ihr Glück in der Linie zu finden. "Wie einst Xenophons Griechen nach dem Meere, so stammelt heute alles nach der Linie", spottete der Kunstschriftsteller Julius Meyer-Graefe 1904. Doch war es nicht allein die "gerade" Linie, die faszinierte, sondern ebenso die geschwungene. Hermann Obrists Wandteppich Alpenveilchen - Spitzname "der Peitschenhieb" - von 1895, auf dem der Stängel serpentinenartig Blüten und Blätter umschlingt, wurde zur Ikone des Jugendstils.

Die Berliner Literaturwissenschafterin Sabine Mainberger hat nun eine materialreiche, instruktive Studie zur Linienfaszination um 1900 vorgelegt. Der "Dämon der Linie" (Henry van de Velde) war in dieser Zeit "ein Kultobjekt, ein Fetisch", so die Autorin. Als kollektiver Selbstausdruck sollte sich gerade in der dynamischen Linie die "sichtbare Bejahung" des modernen Lebens manifestieren. Je simpler ihre Form, desto mehr wurde sie mit Bedeutung aufgeladen: In der Einfühlungsästhetik Theodor Lipps' etwa ließ sich gerade an einfachen, vom Betrachter mit seiner Empathie belebten Linien das vitalisierende Tun des Individuums demonstrieren. Für den Psychologen Wilhelm Wundt war das Ziehen einer Linie gar der Ursprung künstlerischer Tätigkeit selbst: Als "Ausdrucksbewegung" stand der leiblich-motorische Akt für die weltschaffende Aktivität des Subjekts.

Nicht ohne Grund behandelt Mainberger literarische, kunsttheoretische, philosophische und psychologische Texte als gleichrangig: Auch für die "moderne Linie" gilt, dass sie sich um tradierte Unterscheidungen wenig kümmerte. Die Ausstellung mit dem programmatischen Titel "Linie und Form", die 1904 im Krefelder Kaiser Wilhelm-Museum stattfand, präsentierte die revolutionäre Kapitell-Form des Belgiers van de Velde, die Säule und Deckengewölbe ununterscheidbar ineinander übergehen lässt, neben modernen Industrieprodukten wie dem imposant in die Höhe ragenden Bug des Kriegsschiffes "Princeß Wilhelm".

Letzteres verweist auf die tieferen, von Sabine Mainberger leider eher nebenbei behandelten Gründe für die Linienfaszination um 1900. Im "Zeitalter der Nervosität" (Joachim Radkau) und des Verlustes von Gewissheiten stand die moderne Linie nicht zuletzt für Kraft, Dynamik, Schwung und Entschlossenheit, sollte sie Ausdruck einer von Fortschritt und modernem Maschinengeist bestimmten Epoche sein.

Infrage gestellt wurde das Ideal der energischen Gebärde von Vertretern der ästhetischen Moderne. Bewehrt mit Erkenntnissen der Gestaltpsychologie, ließ etwa Robert Musil in seinem Romanerstling von 1906 seinen Zögling Törless die verwirrende Gleichrangigkeit von Figur und Grund erleben; an die Stelle eines souveränen Verhältnisses zur Welt tritt hier ein Zustand unauflösbarer Ambiguität, der die Welt zu einem einzigen, ständig wechselnden Vexierbild werden lässt. (Oliver Pfohlmann, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 16./17. Oktober 2010)


  • Sabine Mainberger "Experiment Linie. Künste und ihre 
Wissenschaften 
um 1900".
€ 27 / 384 Seiten, Kadmos, Berlin 2010
    foto: kadmos

    Sabine Mainberger "Experiment Linie. Künste und ihre Wissenschaften um 1900".
    € 27 / 384 Seiten, Kadmos, Berlin 2010

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