Ja, was ist denn das?

  • Jetzt bleibt mir vom Opa nur noch sein Dienstbuch: Auf der ersten Seite 
ist sein Foto mit Klammern angeheftet, er hält eine Tafel mit der 
geheimnisvollen Nummer 19740 ...
    foto: beppo beyerl

    Jetzt bleibt mir vom Opa nur noch sein Dienstbuch: Auf der ersten Seite ist sein Foto mit Klammern angeheftet, er hält eine Tafel mit der geheimnisvollen Nummer 19740 ...

Wo vorher das Zeichen deutscher Ehre und Treue prangte, verkündete eine helle weiße Fläche nur Unschuld

So ähnlich muss die gesamte Entnazifizierung erfolgt sein. Eine Erzählung. Von Beppo Beyerl

***

Ich werde es wegwerfen.

Das Bild hängt an einer nicht durch Möbel verdeckten Wand im Wohnzimmer meiner Mutter. Es zeigt Köpfe und Oberkörper von Großmutter und Großvater. Großmutter mit noch dunklem bis zum Hals reichenden leicht gewellten Haar und feistem bäuerlichen Gesicht. Großvater mit noch nicht gelichtetem Haupthaar, nicht ganz so feistem Gesicht und etwas eingefallenen Backen. Großmutter trägt hochgeschlossen eine adrette Art Bluse unbekannter Herkunft, Großvater eine fesche Naziuniform mit ebenfalls unbekannter Herkunft. Auf dem Rock mehrere Knöpfe, auf dem Kragen irgendein Wimpel, auf dem linken Oberarm mehrere Abzeichen, darunter ein Hakenkreuz. Großmutter und Großvater sind auf dem Schwarzweißfoto - so schätze ich jedenfalls - zwischen 40 und 50 Jahre alt.

Meine Mutter wollte die Wand mit einer Ahnengalerie schmücken. Außer dem schon oben beschriebenen Foto hatte sie Bilder von mir und meiner Frau ausgesucht, weiters zwei Selbstporträts - meine Mutter als Schulmädchen vor der Volksschule ihres Heimatdorfes sowie meine Mutter im zünftigen Bergsteiger-Look auf dem Gipfel eines unbekannten Berges, selbstverständlich mit dekorativem Gipfelkreuz im Hintergrund. Sie ließ dann die Fotos hinter Glas setzen und einrahmen und hängte sie chronologisch auf die freie Wand ihres Wohnzimmers.

Beim Sonntagsbesuch

Stolz präsentierte sie mir beim Sonntagsbesuch das Ergebnis ihrer künstlerischen Aktivitäten. Ich blickte auf das Bild, das ganz rechts befestigt war, auf das Bild mit Oma und Opa. "Das kannst du doch nicht machen, Mama!" - "Wieso denn nicht?" - "So schau dir doch das Abzeichen am Rock vom Opa an!" - Mutter stierte intensiv auf das Abzeichen: "Ja was ist denn das?"

Ja was war denn das? Ein Abzeichen der Wehrmacht war es sicher nicht, das hätte ich sicher erkannt. Schließlich trug mein Vater ein Abzeichen der Wehrmacht, weil die Nazis 1938 in Karlsbad, dem späteren Karlovy Vary, einmarschiert waren und mein Vater ein paar Jahre später in die deutsche Wehrmacht einrücken musste, aus der er schlussendlich im Winter 1944-1945 desertierte. Auf den erhaltenen Soldatenfotos sieht man deutlich den Adler mit den unnatürlich breit ausgestreckten Flügeln, in seinen Krallen hält er das Hakenkreuz.

Und wie schaut ein Abzeichen oder Wimpel der SS aus? Der SA? Oder sonstiger Elitetruppen der Nordischen Rasse? "Aber Mama, das kannst doch nicht machen. Schau dir das Abzeichen an!" - Mutter trat direkt vor das Bild und betrachtete das Abzeichen kurz und intensiv. Dann schien sie ein paar Sekunden nachzudenken. "Da hast aber recht. Das kann man so nicht machen. Wenn das wer sieht!" - Damit war das Gespräch - zumindest vorläufig - für mich abgeschlossen.

Im Nachhinein muss ich sagen: Leider. Und weil es heißt, wir sollen doch Fragen stellen, um jene Zeit dem Dunkel des Vergessens zu entreißen und dabei etwaige braune Flecken ans Licht zu zerren. Freilich stellte ich Fragen.

Aber ich bekam nur falsche Antworten. Je nach Erzählkapazität meiner Mutter war Großvater Held und einziger Überlebender einer erbittert geführten Frontschlacht gegen die Russen, oder er war leitender Organisator der Organisation Todd, die sich im Hinterland um die Errichtung der Infrastruktur kümmerte, oder er war ein harmloser Mitläufer, der schon in seinem ersten Krieg drei Finger der rechten Hand verloren hatte und als Angehöriger einer verlorenen Generation 1939 in seinen zweiten Krieg ziehen musste. Dass ihr Bruder, also mein Onkel, bei der SS war, das war ihr hingegen selten hinausgerutscht, es passierte ihr eher irrtümlich, und stets verband sie die Konstatierung der Mitgliedschaft bei der SS mit dem Zusatz: "Es ist ihm ja nichts anderes übriggeblieben, es waren ja alle dabei."

Aber zurück zur Geschichte. Am nächsten Sonntagsbesuch in Mutters Wohnung. Die Begrüßung. Das Betreten des Wohnzimmers. Der Kontrollblick auf die Wand. So geht's natürlich auch! Mutter hatte ihrem Vater den rechten Oberarm samt der rechten Schulter weggeschnitten! Wo vorher das Zeichen deutscher Ehre und Treue prangte, verkündete eine helle klare weiße Fläche nur Unschuld und Sauberkeit. So ähnlich muss die gesamte Entnazifizierung erfolgt sein! Die Wahrheit ist eine kleine weiße unschuldige Fläche!

"Was hast du denn?", fragte meine Mutter den noch immer auf das abgeschnittene Bild seines Großvaters Starrenden. "Wieso hast nicht ein anderes Bild vom Opa genommen?" - "Wieso?", wiederholte meine Mutter. "So ist es doch viel einfacher!" Ich seufzte dreimal durch, holte eine Zigarette aus der Packung und ging auf den Balkon zum Aschenbecher.

Ungefähr neun Monate später stürzte meine Mutter in der Nacht unglücklich aus dem Bett. Vielleicht wollte sie wieder Einbrecher vertreiben, zu dieser Tätigkeit fühlte sie sich magisch verpflichtet, seit vor vier Jahren irgendwo in der Nachbarschaft eingebrochen wurde. Jedenfalls erlitt sie beim Sturz einen Oberschenkelhalsbruch, der im Spital zwei Tage später operiert wurde. Nach der Operation verschlechterte sich ihr körperlicher Gesamtzustand. Als klar wurde, dass sie von nun an nicht mehr selbstständig vom Bett aufstehen konnte, suchte ich einen Heimplatz in der näheren Gegend. Als ich den Heimplatz gefunden hatte, wurde bald klar, dass Mutter das Spital nicht mehr verlassen wird können, zumindest nicht mehr in lebendem Zustand, da sich der Zustand mehrerer Organe, vor allem von Herz und Lunge, viel zu schnell verschlechterte. Etwa ein Monat nach ihrem Oberschenkelhalsbruch starb meine Mutter im Spital, und mir gehörte ihre Wohnung, mir gehörte ihr Wohnzimmer, und auch die Bilder der Ahnengalerie an der Wand, die gehörten mir.

"Ich glaube, ich werde es wegwerfen", dachte ich, als ich das erste Mal nach Mutters Tod mit fahlem Blick und zögerlichem Schritt die Wohnung betrat und entgeistert auf das Bild meines Großvaters starrte. Niemand gab mir Antwort, die absolute Stille, auf die ich stieß, kam mir merkwürdig und unheimlich vor. Und in die Stille schrillte meine Mutter: "Es ist schon wieder eingebrochen worden!"

Als ich das letzte Mal meinen Großvater sah, war ich kurz vor meiner Aufnahme in die Volksschule, also im sechsten Lebensjahr, und Großvater lag schwerkrank auf der Couch in der großelterlichen Wohnung. Und nun startete eine eigenartige Szene, die sich dem Verständnis eines Sechsjährigen komplett entziehen musste, für die nicht einmal der Erwachsene eine plausible Erklärung findet. Großvater lag also mit Lungenkrebs auf der Couch und schickte meine Mutter samt meiner Großmutter zum Wirt, damit sie mir von dort eine Wurstsemmel holen. Dann rief er mich zu seiner Couch, richtete sich etwas auf und mahnte mich mit brüchigen Worten: Ich möge doch auf meine Mama aufpassen. Schließlich musste ich ihm das Versprechen abgeben, seinen Wunsch - oder seinen Befehl - zu befolgen. Bei Kindern geht so etwas relativ leicht über die Runden, weil für sie Versprechungen oder Eide stets etwas Zelebriertes sind, und Zelebrationen garantieren eine überirdische Haltbarkeit. Und abschließend wünschte er mir alles Gute zum demnächst erfolgenden Eintritt in die Volksschule. Dann kam die Mutter mit der Großmutter vom Wirt zurück, ich verspeiste die Wurstsemmel, und Mutter und ich fuhren mit dem Postbus heim in die elterliche Wohnung.

Als wir das Vorzimmer betraten, wusste Vater schon Bescheid. Bei der Nachbarin, die zudem die Hausherrin war, hatte jemand aus dem Dorf der Großeltern angerufen: Großvater war soeben gestorben.

Adolf-Hitler-Straße 34

Also, lieber Opa. Jetzt muss ich mich nicht mehr mit deinem Wunsch oder Befehl herumschlagen, weil auch deine Tochter vor ein paar Tagen gestorben ist. Und was soll ich jetzt mit deinem fehlenden linken Oberarm machen? Soll ich in der Wohnung suchen, bis ich irgendwo die mit einer Schere mit genauen Schnitten abgetrennte Schulterpartie finde? Um dann mithilfe der Fachliteratur und der Naziheraldik zu eruieren, bei welcher Sondertruppe du deinen Dienst versehen hast? Oder soll ich das Foto aus dem Glasschutz herausziehen, in unzählige Einzelteile zerwuzeln und die zerwuzelten Streusel beim Begräbnis auf den Sarg meiner Mutter versenken?

Wenn ich mich zu keiner Entscheidung durchraffen kann, trinke ich gern ein Stamperl. Also öffne ich die Wohnzimmerbar, greife zum Obstler und schlürfe ein paar kräftige Schlucke aus der Flasche. Wie ich es von irgendwelchen Krimis kenne, reibe ich mit dem Unterarm über die Mundfläche, und dann folgen noch einmal zwei, drei Schlucke.

Jetzt bin ich so weit. Ich nehme das Bild vom Nagel und entriegele den Verschluss. Das Glas stoße ich in den Mistkübel, dabei lasse ich Vorsicht walten, um nicht durch das Brechen des Glases unnötige Scherereien zu verursachen. Den Rahmen breche ich mit Ausübung aller Kraft über meinem Oberschenkel. Viermal, erst die beiden kurzen Teile, dann die langen. Die Rahmenreste schiebe ich in den Kachelofen, der im Zimmer eigentlich nur mehr als Dekorelement herumsteht, seit meine Eltern vor etwa zwanzig Jahren die Zentralheizung einbauen ließen. Übrig bleibt das Foto des Großvaters. Das deponiere ich in meiner Aktentasche. Zu Hause in der Wiener Wohnung mache ich dann keine Umstände, mit einem Griff verschwindet für alle Zeiten der ärmellose Opa mit seiner zweiärmeligen Oma im Papiercontainer im Innenhof.

Jetzt bleibt mir vom Opa nur mehr sein Dienstbuch, ausgefertigt vom Baustab Speer, Nummer P030384. Im Todesfall soll man seine Frau benachrichtigen, die in der Adolf-Hitler-Straße 34 wohnt. Auf der ersten Seite ist sein Foto mit Klammern angeheftet, er hält eine Tafel mit der geheimnisvollen Nummer 19740.

Ich befürchte, auch dieses Geheimnis werde ich nie enthüllen können. (Beppo Beyerl, ALBUM/DER STANDARD - Printausgabe, 16./17. Oktober 2010)

Beppo Beyerl, geb. 1955 in Wien, studierte Slawistik und Publizistik, ist freier Autor, war Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Podium". Von ihm erschien u. a. "Achtung Staatsgrenze" (Löcker 2009).

Mit diesem Text endet die Serie "Ein Mensch im Bild". Alle Texte können Sie abrufen unter: derStandard.at/LiteratenSchreiben

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