Ein Blog als Stachel im Fleisch der Drogenkartelle

Florian Niederndorfer, 27. Oktober 2010, 12:00
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    Spektakulärer Fund der Polizei in Guadalajara: eine Waffenkammer der Drogenbanden, gespickt mit bizarr verzierten automatischen Waffen.

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    Kollegen und Verwandte des jungen Mordopfers beim Begräbnis im September.

  • Video der Washington Post über den Alltag an der US-mexikanischen Grenze. (Quelle: Youtube)

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    Die nächste Warnung der Kartelle: Vor dem Sendestudio des einflussreichen TV-Senders Televisa in Ciudad Victoria explodierte Ende August eine Autobombe.
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    Drogenboss "Barbie" wurde gefasst.

Die Gewalt der Drogenkartelle hat Lokalzeitungen in Nordmexiko zum Schweigen gebracht - Ein Blog füllt die Stille, teils mit schaurigen Bildern

Luis Carlos Santiago begegnete seinen Mördern auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums in Ciudad Juarez, Nordmexiko. Es war Mittag, Santiago kam vom Essen, ein Auto fuhr vorbei, Santiago brach, von dutzenden Schüssen getroffen, tot zusammen. Erst zwei Wochen zuvor hatte der 21-Jährige ein Praktikum in der Bildredaktion des Diario de Ciudad Juarez, einer von vier Lokalzeitungen der Millionenstadt am Grenzfluss Rio Grande, begonnen. "Was wollt Ihr von uns?", stand am Tag nach der Bluttat in dicken Lettern auf der Titelseite. Und: "Sagen Sie uns, was Sie von uns als Zeitung erwarten."

"Sie", das sind die Drogenkartelle Juarez und Sinaloa, deren Terror seit 2008 allein in Ciudad Juarez 4.000 Menschen das Leben gekostet hat. Und die nach den Worten des Diario mittlerweile die eigentliche Autorität in dem Landstrich an der Grenze zu den USA darstellen. Während die Gewalt bis vor wenigen Monaten noch auf Städte wie Tijuana und Ciudad Juarez beschränkt war, greifen die Kämpfe der Kartelle untereinander und gegen die Sicherheitskräfte mittlerweile wie Metastasen im gesamten Norden Mexikos um sich. Die Staatsmacht, die den Banden den Krieg erklärt hat, steht dagegen auf verlorenem Posten.

Selbstzensur und Rechtlosigkeit

Kaum eine Zeitung wagt es noch, über die ausufernde Gewalt der mexikanischen Drogengangs zu berichten. Obwohl die bürgerkriegsartigen Kämpfe Städte wie Ciudad Juarez teils stundenlang lahmlegen, findet sich vielerorts kein Hinweis darauf in den Lokalblättern. Aus Angst davor, dass ihren Journalisten ein ähnliches Schicksal droht wie Luis Carlos Santiago. Die Vorsicht scheint keineswegs übertrieben. Mindestens 65 Journalisten wurden seit 2000 in Mexiko ermordet, die meisten davon in den vier Jahren seit 2006, als Präsident Felipe Calderon seine umstrittene Offensive gegen die Drogenkartelle einläutete. 90 Prozent der Morde blieben nach Angaben der US-Organisation Committee to Protect Journalists (CPJ) bis heute ungeklärt.

Gewalt in Bild und Text

Dort, wo die traditionellen Medien aufgrund der Gewalt resignieren, füllt seit März 2010 der Blog del Narco (Achtung: teils extrem explizite Fotos, Anm.) die Informationslücke. Drei Millionen Hits zählt die Seite mit den Berichten von der Drogenfront mittlerweile pro Woche. Was Zeitungen nicht drucken können oder wollen, findet im Netz ein Forum. Oft mit drastischen Fotos, die das Grauen, das sich in den Straßen Nordmexikos Tag für Tag und Nacht für Nacht zuträgt, hochauflösend und im Detail abbilden.

Hinter der Whistleblower-Seite soll ein etwa 20-jähriger Informatikstudent aus dem Norden Mexikos stecken, der von seinem Laptop aus an unterschiedlichen Orten ins Netz einsteigt und seinen Blog updatet. Welcher Name sich hinter dem Blogger verbirgt und von wo aus er seine Text- und Bildberichte ins Netz hochlädt, muss streng geheim bleiben. Nur zwei Menschen sollen von dem gefährlichen Hobby des Studenten wissen.

Ähnlichkeiten zu Wikileaks

Selbst Verbindungen zu Drogenkartellen zu haben, streitet er ab. "Ich bin weder für noch gegen die Kartelle", sagt der Blogger, der täglich zwischen 70 und 100 E-Mails bekommt, in denen ihn Informanten mit Gerüchten oder Fakten versorgen. Ähnlich wie Wikileaks bewertet der Blog del Narco die Informationen nicht, die er veröffentlicht. "Es ist eine Art technologischer Flohmarkt, viel Dreck, aber oft findet man Dinge, die interessant sind", sagte Mexiko-Experte George W. Greyson dem US-Wochenblatt Newsweek.

Unter den Lesern des Blogs sollen sich nicht nur interessierte Bürger, sondern auch Polizisten und Drogenkuriere finden. Deshalb hat der Blog auch nicht nur Fans, sondern ruft Kritiker auf den Plan, die darin nicht nur Aufklärung sehen, sondern auch eine Bühne und ein Forum für Kriminelle entdeckt haben wollen. "Die Gangs nutzen die Wirkung solcher Bilder genauso bewusst wie die Jihadisten in ihren Foren, um ihren Terror noch zu verstärken", sagte Scott Steward vom Sicherheitsdienstleister Stratfor in einem Newsweek-Interview. Andererseits nutzen viele User die Seite auch, um andere vor akuten Gefahren in ihrer Umgebung zu warnen.

"Wenn die Menschen in der Früh aufwachen und nichts über die Schießereien in der Nacht lesen können, greifen sie auf Soziale Netzwerke wie Twitter oder eben auf Blogs zurück", sagt der politische Analyst Daniel Lund vom Thinktank MUND Americas in Mexico City. "Wir werden sehen, was es bedeutet, wenn Blogs die Mainstreammedien nicht mehr ergänzen, sondern ersetzen." (flon/derStandard.at, 27.10.2010)

Kommentar posten
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Werner Lischka
00
28.10.2010, 21:20
den stachel können sie leicht ...

... wegstecken.
die pr der drogenkartelle arbeitet effektiv auf allen ebenen - die dörfer & kleinstädte n-mexikos sind ohnehin schon in ihren händen, in den grösseren städten & provinzzentren wird ein rückzugskampf ala ost-front geführt.
mexiko ist heute ein failed-state, seine situation vergleichbar mit dem china der 20er jahre in dem sich die warlords hemmungslos bekriegten.
durch die korruption in allen ebenen kann die staatsmacht diesen krieg nicht mehr gewinnen.
es wird zu revolten & bürgerkrieg kommen - irgendein führer ala mao (bitte name einsetzen), wird sich d. staat unter den nagel reissen und erstmal alle kartell-verdächtigen eliminieren (die fordern ja seine macht heraus). demokratie ade!

slartibartfaß der Umwandler
00
30.10.2010, 00:56

kann mir nur vorstellen, das ihr "mao" genau aus der mafia kommt.

toller artikel:

http://www.fr-online.de/kultur/de... index.html

Werner Lischka
00
30.10.2010, 11:39
das ist durchaus möglich ...

.... die kartelle haben sicher die ressourcen.
allerdings bekriegen sie sich primär gegenseitig, kooperation wird dort klein geschreiben. das ist für eine politische machtübernahme und erhaltung zu wenig.

Fink Lowrider
00
29.10.2010, 06:29
hmm

den Bürgerkrieg den sie ansprechen kann ich mir un gewissen Regionen vorstellen, die jetzt nach Autonomie streben - z.b chiapas.
Die Entwicklung in Mexico ist sicher auf Felipe Calderon zurück zuführen, der aktiv den Krieg gegen die Kartelle aufgenommen hat. 2012 sind wieder Wahlen und ich denke Calderon hat in der Bevölkerung keinen Rückhalt.

Werner Lischka
00
29.10.2010, 10:09
bürgerkriege entstehen nicht nur durch ...

... autonomiebestrebungen. sie können auch ideologisch oder nationalistisch motiviert sein - oder rein aus überlebenszwängen.
ob sich in chiapas was tut ist f. d. norden eher unwichtig.
dort könnten sich kartell-anhänger und gegner, anhänger von gouverneuren und regierungs-truppen, schutztruppen wohlhabender familien und jede andere couleur bald einen kampf jeder gegen jeden liefern - bis ein sieger hervorgeht, der dann mit eiserner faust regiert (wurscht unter welcher ideologischer verbrämung).
dafür brauchts keine ideale (wie freiheit, autonomie,etc.). schlicht der wunsch nach überleben reicht.

Fink Lowrider
00
31.10.2010, 06:32
ich denke im moment ist die

bevölkerung teilweise selber erstaunt von dieser Brutalität. Bald bin ich wieder in .mex. Mal sehn wie es in der Bevölkerung aussieht.

beethövlichst
00
28.10.2010, 13:34

"Was wollt Ihr von uns?", stand am Tag nach der Bluttat in dicken Lettern auf der Titelseite. Und: "Sagen Sie uns, was Sie von uns als Zeitung erwarten." Hier in Österreich scheint die Sachlage eher v. v., der Leser muss sich diese Frage stellen.

Samsara
01
28.10.2010, 10:40

http://www.mapinc.org/drugnews/... 4/a06.html

... these are minor, personal matters that do not really count in the big picture of a man's life. If the latter is the case, then the rationale for a bloody, costly and futile war against drugs simply disappears. .... Using present tactics, the war on drugs is being lost; it is long past time to reassess a failed policy.

ungefragt.com
00
28.10.2010, 10:34
Ergänzung zu einem vor einigen Seiten geposteten ausgezeichneten Link zum Thema:

Irgendwo in den Tiefen dieses Threads wurde der Link zu einem Artikel im "The Independent" gepostet der, mMn, den Nagel recht präzise auf den Kopf trifft.

Auch wenn ich persönlich mit Drogen nicht besonders viel anfangen kann (es ist schon ohne dem Zeug schwer genug einen klaren Kopf zu behalten) fand ich den Denkansatz und die Argumente ausgezeichnet und habe daher den original-Link, samt einer Übersetzung ins Deutsche in meinem Blog gepostet.

Ich finde wir können uns NICHT IMMER beklagen, dass die PAFs nicht tun was WIR wollen, sondern wir müssen verstärkt und vermehrt beginnen denen unmissverständlich zu sagen WAS wir wollen - erst wenn dann nix passiert, darf man sie "dögeln".

http://ungefragt.com/?p=349

ungefragt.com
00
28.10.2010, 10:43
Nachsatz zur Erklärung: "PAFs" sind: "Politclowns Aller Fraktionen" :-)

Roter Baron
20
28.10.2010, 09:46
lustige spielzeug kannonen

ich glaub da wird einiges falsch dargestellt

roter baron

DerKanzleirat
01
28.10.2010, 12:39

Ganz im Gegenteil! Ein Narco der es zu "etwas" gebracht hat lässt sich seine "cuerno de chivo" (etwa "Horn des Ziegenbocks", ein Synonym für die AK 47 in narcocorridos) vergolden. Ein seltsames Statusobjekt, ja, lustige spielzeug kannonen (sic!) wohl eher nicht.

Horst Holzinger
46
28.10.2010, 05:32
Solange die USA den Bedarf an Drogen im Land nicht reduzieren (können/wollen)

solange werden die südlichen Nachbarländer mit den Konsequenzen zu leben haben.

Dazu passt dann noch der unkontrollierte Waffenverkauf in vielen US-Bundesstaaten, als deren Folge ganz Lateinamerika mit Waffen überschwemmt wird. Mexiko hat ähnlich strenge Regeln zu Schusswaffen wie Österreich oder Deutschland, nur nützt es nichts, solange man im Nachbarland (USA) die problemlos, bis hin zu halbautomatischen Gewehren, kaufen kann.

Die USA vergiften (wieder einmal) die ganze Hemisphäre.

Fink Lowrider
00
29.10.2010, 06:44
MIt Waffenbesitz geht man in Mexico sofort in den Knast

man hat versucht der Schlange den Kopf abzuschlagen und es sind 5 neue Köpfe gewachsen, die jetzt noch mehr anrichten.
Ich denke eine Absprache mit den Kartellen wäre das beste, zum Wohle der mex. Bürger - eine Art Zustand vor Calderon.

Selfdefense
30
28.10.2010, 12:23
Illegale Schußwaffen

werden abgezweigt lange, bevor sie die Geschäfte erreichen, in denen legale Waffenbesitzer einkaufen. Kein Waffengesetz der Welt hält einen Drogenkriminellen davon ab, eine Waffe zu besitzen, mit sich herumzutragen und auch einzusetzen. Das Waffenrecht ist ein Ordnungsrecht und erreicht nur den gesetzestreuen Bürger.

Samsara
01
28.10.2010, 12:47

Das ist auch gut so, wo wäre sonst der Witz ???

Roter Baron
04
28.10.2010, 09:50

ja aber dafür brauchen doch die amis all ihr waffen
um sich
gegen den englischen könig,
gegen drogenhändler,
gegen unbeteiligte passanten
verteidigen zu können
und um amok laufen zu können.

roter baron

robert king
05
27.10.2010, 22:08
mich würde interessieren, was passiert

wenn alle kiffer von wien sich vor dem parlament oder in schönbrunn treffen würden und öffentlich einen joint rauchen. soviele beamte könnte man wohl gar nicht abstellen, um auch nur die personalien aufzunehmen. und die gerichte würde unter der überlastung kollabieren. mich selbst betriffts zwar nicht, aber eine legalisierung muss kommen, hoffentlich bald.

in mexico scheint allerdings hopfen und malz verloren, ist wohl unter failed state einzuordnen.

hochachtung vor diesem blogger, er sollte - wenn auch anonym - jeden erdenklichen journalismuspreis verliehen bekommen.

Roter Baron
01
28.10.2010, 09:53

hast du eine ahnung
wieviele kiwarer es in österreich gibt....

roter baron

B.Kiddo
514
27.10.2010, 20:38
Radikallösung

Legalisierung und geregelter Verkauf aller Drogen!

In der ersten Generation mag es vielleicht mehr Drogentote geben - aber es gibt keine Drogenmafia mehr! Dann können sie ihre "Geschäfte" legal führen, ohne AK-47, und Steuer zahlen, wie andere für Tabak- u. Alkoholhandel!

Sapere aude!

pfau
81
28.10.2010, 09:13
das glauben sie doch nicht wirklich....

dass der verkauf von heroin, kokain, metaampphetamin...etc irgendwann legal sein wird.... damit würde man die substanzen 1. verharmlosen und 2. würde die zahl der DROGENABHÄNGIGEN mehr als drastisch steigen.

außerdem profitieren sehr viele politiker und auch die exekutive vom illegalen verkauf.

ich bin weiters GEGEN die legalisierung von cannabis, da dieser schritt auch jene mehr als gefährliche droge und einstiegsdroge verharmnlosen würde......

außerdem jeder ders rauchen will kanns selbst anbauen (wird rechtlich auch nicht mehr so strikt gehandhabt wenns nur zu eigenkonsum hergestellt wird), das zubehör ist überall erhältlich und das ist wohl eine mehr als faire lösung.

solong.

Lichtfreak
01
28.10.2010, 10:18
einstiegsdroge

nur weil harte und weiche Drogen manchmal von denselben Dealern angeboten werden!

pfau
10
28.10.2010, 13:21
eher,

weils einfach ein reiz ist zuerst mal alles ausprobiert zu haben, dann auch alles schon mal in kombination miteinander probiert zu haben .... usw
mischkonsum halt...

stopatall
17
28.10.2010, 09:55
wake up pfau!

1. cannabis einstiegsdroge? dann müssten mehr als 50% aller Studenten sich bald am karlsplatz wiederfinden.

2. drogenkonsum steigt bei legalisierung? das system in den niederlanden hat klar gezeigt, dass das nicht stimmt.

ich möchte sie hier nicht persönlich angreifen, aber mich ärgern solche posts ein bischen.

Fink Lowrider
00
31.10.2010, 06:34
sorry ein post und weg ist der pfau von seite 1

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