Kabelbrand in der Nervenleitung

  • Multiple Sklerose ist wie ein Kabelbrand. Die schützende Myelinschicht um die Nerven wird durch Entzündungen zerstört, die Fasern werden geschädigt, Nerven liegen blank.
Foto: Bernd Boscolo / pixelio.de
    foto: bernd boscolo / pixelio.de

    Multiple Sklerose ist wie ein Kabelbrand. Die schützende Myelinschicht um die Nerven wird durch Entzündungen zerstört, die Fasern werden geschädigt, Nerven liegen blank.

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Multiple Sklerose ist nicht heilbar, aber zunehmend besser behandelbar. Experten diskutierten auf dem MS-Kongress in Göteborg über neue Therapien und höchst zweifelhafte Methoden

Göteborg - Die meisten Krankheiten des Menschen tauchen auch in der Weltliteratur auf. Ein Fall von multipler Sklerose (MS) ist in einer nordischen Sage aus dem 13. Jahrhundert überliefert. In der Island Saga von Saint Thorlac wird die Wikinger-Frau Hala von regelmäßigen Anfällen wie Blindheit, Sprachstörungen und Lähmungen heimgesucht, die allesamt nach einiger Zeit wieder verschwinden. 800 Jahre später, ebenfalls im skandinavischen Norden, trafen sich von 13. bis 16. Oktober die weltweit führenden MS-Spezialisten zum Ectrims (European Committee for Treatment and Research in MS), um ihre Erkenntnisse auszutauschen. So viel vorneweg: Über die Ursachen der Entstehung von MS gibt es nach wie vor nur Hypothesen, auch die Hoffnung, dass sich die vielen unterschiedlich verlaufenden Formen der Erkrankung durch spezielle Biomarker vorhersagen lassen, hat sich trotz intensiver Forschung nicht erfüllt.

Therapie-Fortschritte

Dafür wurde eine Reihe von therapierelevanten Neuigkeiten in Göteborg diskutiert. "Die Erwartungshaltung an die Medikamente ist bei MS sehr hoch. Heute geht es neben dem Verhindern von Schüben und damit dem Stoppen des nervenzerstörenden Verlaufs bereits auch um ein Wiederherstellen verlorengegangener Funktionen", sagt Neurologe Thomas Berger, Leiter der MS-Ambulanz an der Med-Uni Innbruck. Sein Kollege Bernd Kieseier von der Universität Düsseldorf nennt MS deshalb ein überaus "dynamisches Feld" und meint die effizienten therapeutischen Optionen, die in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt wurden: Interferone kamen in den 90er-Jahren auf den Markt, Glatirameracetat 2001 und der erste monoklonale Antikörper Natalizumab wurde 2006 zugelassen - zuvor gab es für MS-Patienten kaum Therapien. Und welcher Patient mit welchen Symptomen und welcher MR-Diagnostik des Gehirns nun welche Substanz bekommt und warum, war zentrales Diskussionsthema und wurde in ausgebuchten Workshops mit dem Titel "MS-Management" nach allen Richtungen hin durchdekliniert.

Worüber Einigkeit herrscht: Ein möglichst früher Behandlungsbeginn verbessert den Krankheitsverlauf (siehe Wissen) entscheidend, bescheinigte auch die Cochrane Collaboration in einer großen Metastudie. Entzündung bekämpfen und damit auch die schleichende Zerstörung der Myelinschicht rund um die Nerven im Körper verhindern hat deshalb alleroberste Priorität. Ist die Diagnose MS erst einmal zweifelsfrei gestellt, beginnt die Behandlung etablier- terweise mit Interferonen oder dem nahezu gleichwertigen Glatirameracetat. "Es kommt darauf an, was besser vertragen wird", sagt Berger, sein Kollege Karl Vass von der Med-Uni Wien macht es auch von Lebensstilfaktoren abhängig, Glatirameracetat muss täglich, Interferon nur zwischen ein- und dreimal die Woche gespritzt werden, "es kommt darauf an, wie gut sich Patienten diese Prozedur im Alltag einrichten können", so Vass.

Therapie-Risiko

Bei 30 Prozent aller MS-Patienten gehen die Schübe aber trotzdem weiter. Für sie ist der monoklonale Antikörper Natalizumab, einmal alle vier Wochen als Infusion verabreicht, die nächste Option. Das Risiko dabei: In Studien trat in einem von 1000 Fällen eine progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML), eine gefährliche Gehirnentzündung, ausgelöst durch das JC-Virus, auf. In Österreich ist ein PML-Fall bekannt, in einem eigens für Natalizumab eingerichteten Register werden alle Nebenwirkungen penibel verzeichnet. "Aus Sicherheitsgründen", sagt Berger, der Natalizumab-Patienten vor der Therapie ausführlich über PML-Symptome aufklärt, um etwaige Infektionen frühzeitig zu erkennen und handeln zu können. Da die therapeutischen Resultate von Natalizumab, was den Schub-Stopp, aber auch die Linderung bestehender Beschwerden betrifft, positiv sind, nehme man das Risiko in Kauf, vor allem auch, weil es für Betroffene mit schweren Verläufen ja auch keine Alternative gibt.

"Je effektiver eine Therapie, umso höher ist die Akzeptanz der Patienten hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen", kann Berger aus der täglichen Erfahrung berichten. Trotzdem mahnt er stets zur genauen Abwägung des Risikoprofils. "Bewährte und erfahrungsgemäß sichere Therapien durch Neues zu ersetzen braucht immer eine gute Begründung", sagt er. Das gelte aktuell auch für die neuen MS-Medikamente in Tablettenform. Konkret geht es um das Präparat Fingolimod, das eine Alternative zur Interferon/Glatirameracetat-Therapie - beides muss gespritzt werden - gedacht ist. In den USA ist Fingolimod bereits zugelassen, in Europa soll das Anfang 2011 der Fall sein. Die Zulassung einer zweiten MS-Tablette namens Cladribin wird allerdings noch dauern: Trotz guter Therapieresultate, was die MS-Schubeindämmung betrifft, hat die europäische Arzneimittelbehörde EMA vor kurzem die Zulassung abgelehnt. Die Begründung: das zwar sehr seltene, aber schwerwiegende erhöhte Krebsrisiko.

Körperliche Verbesserung

Worum es mittelfristig bei der MS-Therapie aber auch gehen wird, ist, nicht nur Behinderungen so lange wie möglich hinauszuzögern, sondern auch bestehende körperliche Beeinträchtigungen wieder zu verbessern. Expanded Disability Status Scale (EDSS) heißt eine zehnteilige Nomenklatur, die den Grad der körperlichen Beeinträchtigung misst. "Wiederherstellen von verlorener Funktionalitäten durch Medikamente ist ein neuer Abschnitt in der MS-Therapie, vor 20 Jahren glaubte niemand, dass sich Nerven regenerieren können", postuliert Berger eine neue Ära in der MS-Behandlung. Bei 54 Prozent aller MS-Patienten unter Natalizumab-Therapie würden bestehende Beeinträchtigungen besser werden.

Große Hoffnungen werden in MS-Expertenkreisen aber auch in das neue Medikament Fampridine gesetzt, eine Tablette, die motorisch neuronale Funktionen beeinflusst und somit für MS-Patienten mit Gehbehinderung eine Option zur Verbesserung der Lebensqualität sein könnte. Unabhängig davon sind insgesamt allerdings noch ein knappes Dutzend weiterer neuer Wirkstoffe in klinischen Studien zwischen Phase 2 und 3 - bis zur Zulassung werden noch ein paar Jahre vergehen.

Kontroversiell diskutiert wurde in Göteborg aber auch die Hypothese des italienischen Gefäßchirurgen Paolo Zamboni, der eine chronische zerebrospinale Venen-Insuffizienz (CCSVI) - eine Art Abflussproblem des Blutes aus dem Gehirn - für MS verantwortlich macht. Forscher wie der Berliner Florian Doepp oder Omar Khan von der Wayne State University in Detroit brachten eindrückliche Beweise, dass diese Theorie, der zufolge sich vermehrt Eisen im Gehirn sammelt und oxidativen Stress verursacht, nicht haltbar ist und Zamboni in erster Linie kommerzielle Interessen durch eine von ihm entwickelte Operationsmethode verfolge.

Der MS-Forscher Elliot Frohman von der University of Texas stellt in seiner MS-Managementpräsentation aber auch sanfte Bewegungsformen wie etwa Yoga oder Pilates auf denselben Rang wie medikamentöse therapeutische Maßnahmen. Klinische Studien dazu wird es mangels Investoren in diesem Bereich wohl aber auch am nächsten Ectrims in Amsterdam nicht geben, "die Stimulation der Nerven bleibt auch für schwer behinderte MS-Patietenten weiterhin wichtig", ist auch Berger überzeugt. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 18.10.2010)

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