Schlafen wie die Biene Maja

17. Oktober 2010, 16:44
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Manche vermuten im Kapselhotel ein wiederauferstehendes Hotelkonzept aus Japan. Robert Haidinger schaute in die Röhre des "9 hour"-Hotels in Kioto

Keine Ahnung, wie Tyler Brûlé in seine Röhre kroch. Mit Stativ für Innenraumaufnahmen vermutlich nicht. Denn der einstige Wallpaper-Boss, mittlerweile Chef von Monocle, reist gerne mit leichtem Gepäck, schickt sein Team lieber voraus. In Kioto kann das nicht schaden. Die Straßen sind mitunter eng hier, die Hotelzimmer auch. Vor allem jene des "9 hours", wo Tyler ein paar Wochen zuvor abgestiegen war. Oder sagen wir lieber: aufgestiegen. Über die spacige Leiter, die ein wenig im Stile von futuristischem Yacht-Design in die Kojen der oberen Ebene führt, bevor man die paar Zentimeter weiterrobbt, es sich im heißesten Kapselhotel der Designgegenwart zwangsläufig gemütlich macht.

Etwas anderes kann man hier nämlich auch gar nicht tun. Am Control Panel fummeln vielleicht, das sich am Kopfende und in elegantem Auf- und Ab wie ein digitaler Schnurrbart am Ende des Sleeping-Pods erstreckt. Knöpfe für das Licht finden sich hier. Auch die Steckdosen-Schlitze haben locker Platz, und neben ihnen die Druckknöpfe für die Timer-Einstellung. Was in der Space-Kapsel sonst noch Platz hat: die angewinkelten Ellenbogen und durchgestreckte Knie. Die im Preis inkludierte Halbliterflasche Wasser. Natürlich die weiche Unterlage und das halbmondförmige Pölsterchen, das die Rundung des Raumes soeben wie ein breites, freundliches Grinsen nachzeichnet.

Denn immerhin handelt es sich um ein geräumiges Kapselhotel, eines auf der Höhe seiner Zeit. Daher auch das raffinierte Panasonic-Wecksystem. Es arbeitet lautlos mit Licht, verschont die anderen Schläfer vom Schrillen und weckt alle anderen mit der richtigen Farbtemperatur, die sich in vier Stufen am Tageslichtverlauf orientiert. Und das wären bloß Details des optischen Gesamteindrucks, der die Handschrift hochkarätiger Profis verträgt.

Da wäre etwa Fumie Shibata San, eine mit dem Red Dot Award ausgezeichnete Industriedesignerin. Sie hat viele der Feinheiten in und um die Schlafkoje entwickelt, die jetzt unter dem Menüpunkt "Equipment" konfigurieren: Von Fumie San stammt zum Beispiel das in sechs (!) Relax-Zonen unterteilte Smiley-Pölsterchen, während bei der Matratze wieder Panasonic Electric Works am Zug war - und das supersaug- und lüftungsfähige Material "Breath Air" entwickelte. Ebenfalls essenziell im Team: Kommunikationsdesigner Masaaki Hiromura San, als Silber-Preisträger des New York Art Directors Club auch kein Blindgänger. Von ihm stammt das elaborierte grafische Leitsystem des ungewöhnlichen Hotels: Logos von Slippers und Handtüchern, von Zahnbürste und atmungsaktiven Pyjamas, die an allen möglichen Stellen des konsequent weiß gehaltenen Hauses verraten, wie und wo es für die Gäste weitergeht. Denn das "9 hours" ist weit mehr als ein Capsula-Update. Es erfindet das Thema Hotel neu, weil es statt Raum Funktion anbietet: 1 shower + 7 sleep + 1 rest = 9h.

Spätestens an dieser Stelle sollten auch hartgesottene Capsula-Probanden und faule Willis ihre HiTech-Wabe verlassen, das festgehakte Kunststoff-Rollo, das hier tumbe Zimmertüren ersetzt, wieder lösen, etwaigen Albtraum-Äther und Stanley-Kubrick-Déjà-vus verscheuchen. Die Dekonstruktion von Raum und Funktion, das vom Hotel konsequent umgesetzte Prinzip der Elimination, das gleichzeitig die Optimierung der verbliebenen essenziellen Elemente fördert - all das basiert ja auch auf kultureller Einbettung.

Japan kennt keine Hausnummern, und die braucht es auch im Falle des "9 hours" nicht. Das vor einigen Monaten hier gelandete Hotel-Ufo kennt jeder im Kiotoer Shimogyo-Viertel. Blitzweiß strahlt es auf die Gasse hinaus. Radikal antiseptisch, als ob man gerade das lichtgeflutete Stage-Set für Vademecum-Commercials oder einen anderen TV-Zahnpasta-Spot betreten hätte. Manche zucken beim Durchschreiten der Glasfront zusammen und blicken verloren auf die andere Straßenseite zurück, wo ein Soba-Nudel-Stand und ein Shinto-Schrein für traditionelle Bodenhaftung sorgen. Aber das kommt zu spät. Schon saugt das "Transit stay"-System: Schuhe aus-, weiße Patschen überziehen. Reisepass vorweisen. Bedienungsanleitung studieren, die einem das freundliche Staff gemeinsam mit einem Schlüssel in die Hand drückt: für den Spind, der sich vor den Duschen befindet. Auch hier so eine lange, weiße Reihe. Mit Fächern für Handtücher, Shampoo-Beutelchen, die Einheitspyjamas. Dahinter: Hansgrohe-Armaturen und Reisende aus Kobe, Perth und Frankfurt, die seriell Zähne putzen. Wer barfuß geht, fällt auf.

125 Sleeping-Hubs auf 1000 Quadratmetern, die sich über neun Stockwerke und längs eines Grundrisses in der Form einer Makkaroni verteilen. Frauen und Männer nach Etagen getrennt. Die Laptops indessen unisex, eine Flotte, die in weißen Kunststoff-Buchten des Wi-Fi-Archipels gleich im Erdgeschoß auf Trockendock liegt.

Keisuke Yui San, CEO von Cubic Corporation und damit Capsula-Impresario, zuckt zu solchen Ansagen nur unjapanisch die Achseln. Ja, klar. Weiß ist die Folie, die enge Räume weitet und auf der Dreck am schnellsten sichtbar wird. Dreck wollte er im "9 hours" am allerwenigsten haben.

Fragt man Passanten, ob sie schon mal im Kapselhotel schliefen, fühlt man Widerstand hinter der freundlich lächelnden Verneinung, vielleicht sogar einen Hauch von Empörung über die indiskrete Frage. Keisuke Yui kennt diese Reaktion gut, und fast hat man das Gefühl, er arbeite mit seinem Anliegen, eine Art Capsula 2.0 zu etablieren, dem Genre zu einem Neustart samt Design-Lorbeer zu verhelfen, eine ganz persönlich Geschichte ab.

Sie beginnt nicht in Kioto Shimogyo, sondern in Tokio Akihabara, wo der Vater von Herrn Yui einst ein Capsula-Hotel leitete und sein Sohn ein solches eher erlitt. Das an sich geniale Konzept der späten 1970er, in dichten Ballungszentren und auf engem Raum kostengünstige Schlafgelegenheiten zu etablieren, hatte zu diesem Zeitpunkt nämlich längst seine Tiefen ausgelotet: Salarymen, wie Japans Büromenschen heißen, hatten das Capsula als notwendigen Karierrezwischenschritt entdeckt. Oder als Ausnüchterungszelle, und in der Regel als beides. Überstunden, Late-Nite-Sake, Capsula, speiben, zurück ins Büro. In dieser oder ähnlicher Reihenfolge machte auch das Capsula Karriere. Allerdings in entgegengesetzter Richtung.

"I hate Capsula Hotels." Keisuke Yui sagt das sonderbar emotionslos, das leichte Stottern mag genauso gut von der Angst herrühren, schlecht Englisch zu reden. "Nine hours, like water, like air." Es geht um Reinheit, die hier Regeln ersetzt, so wie Höflichkeit den territorialen Reflex. Doch zugleich stehen die coolen Röhren für all die Trend-Nasen, bei denen das "9 hours" schnell die Runde machte, in den Startlöchern.

Zurzeit prüft Keisuke die Expansion Richtung Westen. London vielleicht, oder Berlin. Der Zeitpunkt dafür scheint gut. Dass die Hotelbranche reif für neue Konzepte ist, bewies zuletzt ja auch das Echo, das Pod-Hotels - innovative Budget-Design-Hotelketten - wie Qbic oder Yotel in Amsterdam, London oder New York auslösten.Auch das "9 hours" ist ein Gesamtkonzept für solch eine neu entstandene urbane Klientel. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Rondo/15.10.2010)

  • Jedem seine Wabe, in der er auf das Sandmännchen warten und auf gute Nachbarschaft hoffen kann.
    foto: 9 hours

    Jedem seine Wabe, in der er auf das Sandmännchen warten und auf gute Nachbarschaft hoffen kann.

  • Kommen, duschen, schlafen, waschen, gehen - so lautet die Gebrauchsanweisung auf der Homepage.
    foto: 9 hours

    Kommen, duschen, schlafen, waschen, gehen - so lautet die Gebrauchsanweisung auf der Homepage.

  • Platz für Krimskrams ohne Schnörkel.
    foto: 9 hours

    Platz für Krimskrams ohne Schnörkel.

  • Und ab in die Röhre.
    foto: 9 hours

    Und ab in die Röhre.

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