Die Parameter eines Quizgottes

5. Mai 2003, 22:27
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2.5.2003 - Seit Christlichsoziale im Allgemeinen und Elisabeth Gehrer im Besonderen den Anspruch auf Zuständigkeit für Unterricht und ...

e... Bildung erheben, fokussiert sich Österreichs Geistesleben zunehmend um die von dem ehemaligen Skirennfahrer Armin Assinger im ORF abgezogene "Millionenshow". Mit zähnebewehrtem Charme und subtilem Mienenspiel trägt er nicht wenig zur Verunsicherung seiner geldgierigen Delinquenten bei, wobei er sich - wie die Bildungsexpertin Arabella Kiesbauer in "tv-media" feststellte - von der Unterrichtsministerin dadurch besonders sympathisch unterscheidet, dass er seine Wissenslücken offen zugibt und sich nicht als allwissender Quizgott aufspielt. "Tatort"-Kommissar Harald Krassnitzer traf den Nagel wohl auf den Kopf, als er ebendort meinte, Assinger pflegt keinen gekünstelten Intellektualismus, weshalb er es bisher leicht vermeiden konnte, als carinthischer Quizalcoatl in die Geistesriesengeschichte des ORF einzugehen.

Dennoch hat er sich dort einen Ehrenplatz gesichert, weil er österreichische Quizfans, die zu Günther Jauchs RTL-Quiz ,Wer wird Millionär?' abwanderten, zurückholt. Es handle sich dabei um ein Husarenstück, das ihn in die Moderatoren-Meisterklasse hob, was aber insoweit relativiert werden muss, als in einem Land, in dem der Bauernkalender Playboy-Qualitäten aufweist, der deutsche Konkurrent schon aufgrund seines Namens benachteiligt ist, während in einem Land der Bauernschnapser der Begriff Assinger zum Inbegriff geistiger Höchstleistungen wird. Höchste Zeit also, dem Husaren im Medium für zeitgeistige Kulturpolitik wieder einmal mehr Platz einzuräumen.

Obwohl die deutsche Konkurrenz nicht schläft, entlockt "tv-media" dem Assinger Assingers Erfolgsrezept, über das sich Assinger aber selber nicht ganz klar ist. Dezidiert kann ich mir das nicht erklären, aber eine Vermutung hat er: Ich geh auf jeden offen zu - ob Maurer oder Rechtsanwalt, Kellner oder Universitätsprofessor - und genau diese meine Art wende ich auch in der Show an. So viel Vorurteilslosigkeit macht es leichter, den Kandidaten die Nervosität zu nehmen, damit sie die bestmöglichen Leistungen bringen können. Denn wenn einer auch "nur" 10.000 Euro gewinnt, dann sind das immerhin 140.000 Schilling auf einen "Klescher"! Denk einmal nach, wie lang man sparen muss, bis man so viel Geld beisammen hat! Das wird vor allem davon abhängen, ob einer Maurer oder Rechtsanwalt, Kellner oder Universitätsprofessor ist.

Nur wenige Promis üben Kritik, wo "tv-media" lobt. Lediglich Erwin Steinhauer entpuppte sich als ein Abgrund von Landesverrat. "Die Millionenshow gefällt mir wahnsinnig gut, aber Assinger ist absolut humorfrei, und das Kärntnerische geht mir furchtbar auf die Nerven. Ich schau mir lieber den Herrn Jauch an, der kann auch englische Worte lesen." Das ist typisch für diese entwurzelten Intellektuellen - Englisch ja, Kärntnerisch nein. Dabei kennt sich Assinger in Fremdworten tadellos aus. Der Vergänglichkeit seines Tuns bewusst, stellt er fest, dass niemand weiß, wie lange dich das Publikum sehen will. Da gelten andere Parameter als bei der Gendarmerie. Dort wäre es möglich gewesen zu sagen: Irgendwann will ich Bezirkskommandant werden. Der Mann ist zu bescheiden. Warum sollte es nach den Parametern, die derzeit im ORF gelten, nicht möglich sein zu sagen: Irgendwann will ich Generaldirektor werden?

Das wäre ohne Zweifel ein aufregenderer Start in eine neue Ära der Kommunikation als der, den Boris Nemsic, dunkelwangiger Chef von mobilkom austria, in "tv-media" versprach. Der mobilkom austria ist es als erstem Unternehmen Europas gelungen, ein UMTS-Handynetz zu bauen und den Kunden zu übergeben - mit Services, die mit den beiden Buchstaben "3G" abgekürzt werden.

Selbst nach mehrmaligem Durchforsten des Alphabets ist es mir nicht gelungen, darin auf den Buchstaben 3 zu stoßen. Möglicherweise gibt es ja eine Ziffer G, wer kennt sich schon aus bei den vielen irrationalen Zahlen? Aber von einem irrationalen Buchstaben 3 kündet kein Abecedarium und kein Duden. Es stimmt also nicht, wenn Herr Nemsic verkündet: Die mobile Zukunft bedeutet daher ein Weniger an Stress, ein Mehr an Zeit und Lebensqualität.

Was habe ich davon, wenn es schon bald für uns selbstverständlich sein wird, Filmtrailer nicht nur im Kino zu sehen, sondern per Handy zu bekommen, ich aber nicht weiß, ob der Buchstabe 3 zwischen b und c oder vielleicht doch zwischen Vogelvau und W kommt und ob es nicht auch einen Buchstaben 7 gibt? Nur eine Meldung in "tv-media" hat noch mehr Stress erzeugt - Karl Moiks Fluch: "Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Musikantenstadl nicht zum billigen Kasperltheater verkommt."


(DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2003)

Von Günter Traxler
  • Artikelbild
    foto: orf/dieter nagl
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