Mit Federboas auf der "Titanic"

8. August 2003, 21:41
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... auf der 71. Unglaubwürdigen Reise

Die Quittung des Stewards James Wittors belegt, dass sein Lohn bis zu dem Augenblick ausbezahlt wurde, als der Atlantik sich über der "Titanic" wieder beruhigte. Die üblichen Würdenträger waren zum Start geladen worden. Eine Apothekerin aus Cowen etwa, ein Marinefotograf knipste sie. Sie sieht würdig genug aus, von den vier Schornsteinen ist nur der letzte Attrappe.

Bis zur Kollision hatte es wenig Probleme gegeben, nur der Lese-und Schreibraum schien zu groß, er sollte weiteren Suiten Platz machen.

38 Federboas

Eine Passagierin der Ersten Klasse wie Mrs. Charlotte Cardoza führte schließlich vierzehn Schiffskoffer mit siebzig Kleidern und achtunddreißig Federboas mit sich. Auch die Räume auf dem B-Deck mit Heizgeräten und elektrischen Bettdecken und angrenzenden, nach innen gelegten Kabinen für einen persönlichen Bediensteten ließen alles andere vermuten als die Annahme des Direktors von Harvard, Wolff, der Kapitän Smith mathematisch nachwies, dass die "Titanic" sinken würde.

Der fünfte Offizier, Harold Godrey Lome, ein junger, temperamentvoller Waliser, kam zur ersten Reise über den Atlantik ziemlich spät an Deck und verschlief die Kollision. Beim ersten Anzeichen schoss er aus dem Bett und erklärte dem US-Senator Smith: "Sie müssen wissen, dass wir nicht gerade viel Schlaf kriegen und deshalb wie die Toten schlafen."

Auch der zweite Offizier, Charles Herbert Lightaller, kam zu spät an Deck, er schlief ebenfalls tief. Er hatte die Nacht dienstfrei, ließ sich von der Beunruhigung nicht anstecken und stieg wieder ins Bett, hier konnte man ihn leicht finden. Vom ersten Offizier Boxhall bekam er um Mitternacht zu hören: "Wissen Sie, dass wir mit einem Eisberg kollidiert sind? Das Wasser steht bis zum Postbüro."

"Ist das Schiff wirklich unsinkbar?", fragte Mrs. Caldwell. - "Ja, meine Dame, nicht einmal Gott selbst könnte es versenken." Deshalb hatte es keinen gestört, dass 2207 Personen an Bord waren und die Rettungsboote insgesamt nur 1178 aufnehmen konnten.

Als in der Nacht zum 15. April 1912 Frauen und Kinder zu den Rettungsbooten gerufen wurden, war ihre Reaktion nicht enthusiastisch. Niemand wollte das helle Deck gegen die kühle Finsternis eintauschen. Mrs. Constance Willand lehnte es rundheraus ab, ins Boot zu steigen. "Wenn sie nicht will, soll sie bleiben, wo sie ist."

Zur Beruhigung gab es Musik, Ragtime. Man hatte alles dazu getan, dass die "Titanic" die beste Ragtime-Band auf dem Atlantik bekam. "Keine Zeit mehr zu verlieren", beschwor mittlerweile Präsident Ismay den dritten Offizier. "Ich warte auf die Befehle meines Vorgesetzten", antwortete dieser und stieg hinunter.

Inzwischen wurden Mrs. Catherine Crucaby und ihre Tochter schon ins Boot gestoßen. Der erste Offizier hatte Schwierigkeiten, das Boot zu füllen. Nach längerem Zögern sprang Dorothee Gibson, ein Filmstar, ins Boot, gefolgt von ihrer Mutter. Auch ihre Bridgepartner vom Vorabend stiegen mit ein. Fast jeder glaubte, noch nach New York zu kommen.

Ein bisschen Wärme

Mr. und Mrs. Lucien Smith und Mr. und Mrs. Sleeper Harper saßen noch ruhig plaudernd im Turnsaal neben dem Bootsdeck; das mechanische Pferd hatte keinen Reiter mehr. Der Raum, ringsum mit gleißendem Linoleum ausgelegt und mit gemütlichen Korbstühlen bestückt, war so viel gemütlicher als das Bootsdeck. Und viel wärmer. Der Schmierer Thomas Randolph schaltete schon die elektrischen Ventilatoren aus. Der Elektriker Alfred White, der seinerseits die Dynamos bediente, kochte Kaffee.

Die Legenden wucherten schon Stunden später. Mr. Smith rief vom sinkenden Schiff her Mrs. Smith auf dem Rettungsboot zu: "Steck die Hände in die Taschen, es wird kühl." (DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2003)

Material:

Walter Lord: Die Titanic-Katastrophe (1956);

Die nächste "Reise" wird, trotz heutigen Sinkens, wie gewohnt kommenden Freitag angetreten.

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