Regisseur Bryan Singer im Interview

23. Juli 2004, 10:44
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Gestaltwandler und andere Mutationen. Mit "X-Men 2" startet eine neue Runde im Kräftemessen zwischen Menschen und Mutanten

Auch in den österreichischen Kinos halten derzeit altbewährte Superhelden mit neuen Abenteuern Einzug: Mit Bryan Singers "X-Men 2" geht das Kräftemessen zwischen Menschen und Mutanten, das auf den legendären Marvel-Comics basiert, in die nächste Runde.


Wien - Alarm im Weißen Haus: Ein flinkes Wesen, das aussieht wie ein kleiner blauer Teufel, hat die Sicherheitskontrollen ausgetrickst und ist dabei, dem US-Präsidenten persönlich zu Leibe zu rücken. Nur luftige schwarze Rauchkringel bleiben, wo der Eindringling eben noch war. Vernebeln den Bodyguards die Sicht und sorgen für Bilder, die selbst im Kontext des Special-Effect-Kinos wie noch nie gesehen erscheinen.

Der Anfang von X-Men 2, Bryan Singers Fortsetzung seiner ersten Marvel-Comic-Adaption X-Men (2000) hat alle Qualitäten einer Graphic Novel. Wie ein Comic betont er immer wieder die visuelle Wirkung von Einzelbildern, versetzt hintergründige Detailansichten, die hier US-Geschichte atmen, mit rasanten aktionistischen Sequenzen.

Auf den atemberaubenden Auftakt folgt gleich ein weiterer Höhepunkt: Im Naturkundemuseum ist die "Family of Men" in verschiedenen Entwicklungsstufen versammelt. Die Steinzeitsippe in lebloser Nachempfindung, dazwischen flanieren ihre menschlichen Nachfahren und "das nächste Glied in der Evolutionskette": Mutanten, X-Men, humanoide Wesen, die über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen - Gedanken lesen, Feuer werfen, durch Wände gehen oder jede Gestalt annehmen können.

Plötzlich verschieben sich die Differenzen. Die Zeit steht still, die Szenerie gefriert zu einem gigantischen Tableau vivant, und der Film weidet sich an diesem Szenario, stellt es aus und markiert damit den Verlauf einer unsichtbaren Trennlinie: Nur die X-Men können sich noch zwischen den Figurinen bewegen.

Diese Dichte, die Platzierung viel sagender Details ist über 125 Minuten Dauer nicht zu halten. Wiewohl sich das Special-Effects-Department etwa bei der Inszenierung einer Flugzeugverfolgungsjagd im Slalom zwischen bedrohlichen Sturmwirbeln einiges hat einfallen lassen. Außerdem braucht jeder Actionfilm - so kurz vorm Matrix-Start - auch seine Martial Arts, seine Schwebe- und Hebefiguren im schwarzen Leder-Catsuit ...

Dafür ist X-Men 2 dramaturgisch gestraffter als sein Vorgänger. Wir erinnern uns: Manchen ihrer menschlichen Mitbewohner gibt die Existenz der Mutanten Anlass zu Diskriminierung, zu Feindseligkeit und dem Ruf nach strengen Kontrollmaßnahmen. Auch die X-Men sind in zwei Fraktionen aufgesplittet: Magneto (Ian McKellen) setzt auf Angriff als beste Verteidigung. Prof. Xavier (Patrick Stewart) dagegen ist ein Verfechter der friedlichen Koexistenz.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht diesmal der Kampf zwischen Captain Stryker (Brian Cox), der die Tötung aller Mutanten plant, und den X-Men - eine zeitweilige Allianz zwischen Xavier und Magneto ist die Folge.

Die eher melodramatisch gefärbte, tragische Kehrseite der Superheldenexistenz - in Teil 1 rund um Rogue (Anna Paquin) betörend ausgespielt - bleibt in Teil 2 vergleichsweise unterentwickelt: Wolverine (Hugh Jackman), den immer noch die Ungewissheit über seine Herkunft antreibt, findet in Stryker einen fragwürdigen "Vater". Magneto rekrutiert einen neuen zornigen jungen Gefolgsmann. Und der Neuzugang Kurt Wagner alias Nightcrawler (Alan Cumming) darf auf die seelische Verwundbarkeit der Hochbegabten verweisen.

Damit jedenfalls die gegenwärtige Erdbevölkerung möglichst gleichzeitig in den Genuss des neuesten Abenteuers gelangt, bricht X-Men 2 schon mit dem Start Rekorde und wird dieser Tage gleich in 93 Ländern in die Kinos kommen. 100 Millionen Dollar Produktionskosten verlangen eben auch übermenschliche Vermarktungsstrategien.
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2003)

Von Isabella Reicher

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