300 Jahre frischer Fisch

28. Juni 2004, 11:00
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Am Hamburger Fischmarkt bekommt man seit 1703 sonntags alles, was den Elb-Fischern in die Netze geht

"Aale-Dieter" kennt keine Gnade mit seinen Kunden. "Kinners, seht ihr den Unterschied? Bei meinem Lachs findet ihr keine Fettablagerung, das ist anders als bei euch!". Das Publikum grölt, immer dichter wird die Menge vor dem Stand. Der Mann in Jeans und roten Hosenträgern über dem Fischerhemd gehört zu den stimmgewaltigen Verkaufskanonen, die jeden Sonntag auf dem Hamburger Fischmarkt ihre Waren unter das Volk bringen. Der weit über die Hansestadt hinaus bekannte Wochenmarkt, der im Mai seinen 300. Geburtstag feierte, ist ein Muss für jeden Hamburg-Besucher.

Das besondere Flair auf dem traditionsreichsten Markt direkt an der Elbe und unweit der Amüsiermeile Reeperbahn wirkt auf Touristen und Schnäppchenjäger noch immer wie ein Magnet. An jedem Sonntag bietet sich in den frühen Morgenstunden das gleiche Bild: Ab 5.00 Uhr strömen die Besucher aus den U-Bahnen oder den zahlreichen Reisebussen aus ganz Deutschland und ziehen die Hafenstraße entlang. Spätestens am Fischmarkt ist die bunte Mischung perfekt - unter die noch verschlafenen Frühaufsteher haben sich die Nachtschwärmer vom Kiez gemischt, die sich nach durchzechter St. Pauli-Tour erst einmal ein Fischbrötchen zum frisch gezapften Bier genehmigen. Rund 120.000 Besucher sollen hier an besonders umsatzfreundlichen Tagen gezählt worden sein.

Bunt zusammengewürfelt wie das Publikum ist inzwischen auch das Angebot auf dem Fischmarkt. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird an den Mann gebracht: Neben frischem Fisch, Obst und Gemüse finden sich Kleider, Kitsch und Trödel. "Leider sind in den vergangenen Jahren viele Ramsch-Händler dazugekommen", bedauert "Käse-Tommi", dessen Familie seit den sechziger Jahren zur Fischmarkt- Gemeinde gehört. "Doch das liegt einfach auch daran, dass immer weniger junge Leute die Tradition ihrer Vorfahren fortsetzen wollen." Fisch-Verkäuferin Marion, deren Vater Paul Müller seit 40 Jahren seine Waren auf dem Markt feilbietet, nimmt es positiv: "Die bunte Mischung macht ja für viele Menschen erst den Reiz aus."

Begonnen aber hat alles mit den Fischern. Urkundlich erwähnt wurde der Markt erstmals in der Ratsverordnung der Stadt Altona vom 2. Mai 1703. Die Magistratsverordnung segnete den Wochenmarkt am heiligen Sonntag ab und erlaubte fortan, dass es den "Fischern hinkünftig frey stehe, des Sonntags morgens bis die Glocken halb neun leuten zu verkaufen". Die Geburtsstunde des Fischmarktes, die Ende Mai drei Tage lang in Hamburg gefeiert wird, hatte geschlagen. Von nun an war es den Elb-Fischern möglich, ihre leicht verderbliche Ware noch vor Beginn des Gottesdienstes am Landungsplatz zu verkaufen.

Heute bauen etwa 700 Händler ihre Stände auf einer 21.000 Quadratmeter großen Fläche auf und preisen ihre Waren an - mehr oder weniger lautstark, mit witzigen und oft auch derben Sprüchen. "Wer den Spargel nicht kauft, der geht auch bei rot über die Ampel!", tönt es an einem Stand. "Komm her und probier das jetzt, oder geh weiter und lass andere ran!", schreit es ein paar Meter weiter. Die meisten Besucher scheinen den herben Charme der Marktschreier zu lieben und bleiben dort stehen, wo die gröbsten Unverschämtheiten auf sie niederprasseln. Und während die ersten Besucher schwer beladen den Markt verlassen, ziehen Partygänger zum Weiterfeiern noch in die einstige Fischauktionshalle.(apa/red)

  • Artikelbild
    reuter/jeff j mitchell
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