von Linda Reiter

30. April 2003, 14:09
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Frau Petra klagt: "Ich kann nachts oft nicht schlafen. Eine Freundin meinte, mein Biorhythmus sei durcheinander. Was halten Sie davon?"

Liebe Frau Petra, Ihre Freundin hat wahrscheinlich Recht. Nur halte ich deren Bemerkung nicht für die Diagnose, sondern für das Symptom. - Frau Petra antwortet: "Ich habe noch ganz andere Symptome, wenn ich wach im Bett liege. So ein Gefühl, als ob der ganze Körper aus Nerven bestünde." - Werte Frau Petra, ich fürchte, der ganze Körper besteht tatsächlich aus Nerven. Meistens arbeiten sie unauffällig. Manchmal wollen sie uns zeigen, dass sie omnipräsent sind. Das ist ähnlich wie mit dem Herzen. Kennen Sie das: Egal, wie man sich hinlegt, überall pocht ein Herz? Im Arm, im Ohr, im Hinterkopf, manchmal sogar im Polster.

Frau Petra: "Und wie hat es bei Ihnen begonnen?" - Zuerst konnte ich nicht schlafen, weil ich Kleinkinder hatte, die nie einschlafen wollten. Später konnte ich nicht schlafen, weil ich größere Kinder hatte, die nie heimkommen wollten. Und irgendwann hatte ich es verlernt. - "Und was machen Sie dagegen?" - Nichts. Gegen Schlaflosigkeit kann man nichts machen, weil "machen" das Gegenteil von schlafen ist. - "Aber irgendein Rezept muss es doch geben?" - Ja. Nicht daran denken. Denn was uns am sichersten vom erholsamen Schlafen abhält, ist der Vorsatz, erholsam zu schlafen. Letzteres wollen wir, um am nächsten Tag fit zu sein. Denn es erwartet uns die wichtige Konferenz mit X. Und die heikle Besprechung mit Y. Während wir verbissen Schäfchen zählen, erholen sich X und Y wahrscheinlich in seligem Schlummer. Seit Stunden. Seit vielen Stunden. Allein dieser Gedanke hält uns wach. Das sind die Nächte, in denen wir vom Schlafen nur träumen können.
Freundlichst, Linda.Reiter (Der Standard/rondo/02/05/2003)

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