Lob des Drehschwindels

1. Mai 2003, 18:48
posten

Abschussrampe für coole Kunst: "HALLO BAWAG" - Marcus Geiger und Peter Kogler in der Bawag Foundation in Wien

Mit der Schau "HALLO BAWAG" in der Wiener Bawag-Foundation bauen die beiden Künstler Marcus Geiger und Peter Kogler eine Abschussrampe für coole Kunst.


Wien - Schön, wenn man schon ein erkleckliches Werk vorzuweisen hat, da macht das Recycling erst so richtig Spaß. Altes, in dem Fall Postpunk-Rotzigkeiten, Neo-Geo-Handwerk und Einübungen in die Moderne, konterkariert Frischproduziertes. Wenn dann noch mit dem Raum ordentlich dekonstruiert werden kann wie im eigenwilligen der Bawag Foundation, dann gilt die Chose als gelungen.

Keine schlechte Idee, Marcus Geiger und Peter Kogler, im Grunde grundverschiedene Künstler, für eine Ausstellung zusammenzuspannen. In der vorjährigen Gemeinschaftsschau "Hallo Wels" klebten die beiden vergrößerte "Hallo"-Anreden in und auf den Ausstellungspavillon.

In "HALLO BAWAG" klebt nichts an den Wänden, höchstens zwei Videoprojektionen Koglers, wovon eine die Stammgäste des Lokals Mavo (1987) zeigt: roh und simpel. Damals entwickelte er sein von der Zeichentheorie aus konzipiertes grafisches Vernetzungssystem von Röhren, Gehirnen und/oder Ameisen, das seitdem kein öffentliches Stiegenhaus mehr verschont.

Geiger ist weniger festzulegen, obwohl er "der mit dem Frottee" ist. Ob Frotteepizza oder frotteeüberzogenes Auto-Inneres: ein Werkstoff als Skulptur, Malerei, Kleidung. 1998 dagegen: Geiger tauchte zum 100-Jahre-Jubiläum der Secession deren Fassaden in trashiges "rouge vulgaire".

Im Zweigespann zeigt Kogler, dass er auch anders kann, etwa mit einem schlauchartigen "Tornado", der beide Ausstellungsebenen miteinander verbindet. Oben Retrospektive in einem von Geiger konzipierten Modulsystem, unten im Keller auf pop-artigem, schrägem und bis zur Decke reichendem Nadelfilzteppich eine Art Disco-Erlebnislandschaft mit Plastikkübelsäulen und einer Hirn-Drehscheibe.

So deutlich den Finger in die Architekturwunde der Foundation hat noch kein dort präsentierter Künstler gelegt. Geiger hat den verwinkelten, leicht ansteigenden Raumschlauch durch Einsetzen verschiedener Fußbodenhölzer nahezu pervertiert. Auf eine Rampe kam eine Doppelreihe Fernseher, in dem acht Videos die instabile Lage noch einmal betonen. Nach außen hin wird getarnt: Bunte, Anfang der 90er entworfene filzfreie Frotteeanzüge simulieren das etwas andere Kleidergeschäft.

So ist ein hochprofessionelles, dennoch spielerisches Gesamtkunstwerk entstanden, das zeigt, dass ein geschleckter White Cube mit Blockbuster-Inhalt weniger wert ist als diese windschiefe Bawag-Abschussrampe für coole Ausstellungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2003)

Von Doris Krumpl

Service

"Hallo Bawag",
Marcus Geiger und Peter Kogler, Bawag Foundation, 1010 Wien, Tuchlauben 7a,
1. 5. - 29. 6.,
tgl. 10 - 18 Uhr,
Tel: 53453-0

Link

Bawag-Foundation.a

  • Closeups auf zwei titellose Objekte von Marcus Geiger und Peter Kogler
    foto: bawag foundation

    Closeups auf zwei titellose Objekte von Marcus Geiger und Peter Kogler

Share if you care.