Die geraubte Wunschfigur

5. Mai 2003, 21:50
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Das WTO-Abkommen TRIPS ermöglicht den Raub von traditionellem Wissen - und verunmöglicht billige Medikamente gegen AIDS - Ein ATTAC-Kommentar von Corinna Milborn

Rechtzeitig zur Bikinizeit geistert ein neues Wundermittel für die Traumfigur durch die Medien: Hergestellt aus einem südafrikanischen Kaktus namens Hoodia soll es Hungergefühle ausradieren. Das Volk der San aus der Wüste Namibia verwendet diesen Kaktus seit jeher, um auf Jagden ohne Essen auszukommen. Und das müssen sie auch weiterhin: Denn der Löwenanteil der Gewinne aus dem Mittel, das sie gefunden und entwickelt haben, geht nicht an sie. Sondern an den US-Pharma-Riesen Pfizer, der die Rechte am Wirkstoff hält. Kämen die San nun auf die Idee, ihr Schlankheitsmittel selbst zu vermarkten, wäre das nicht möglich: Das darf nur Pfizer: weltweit - dank des Abkommens der Welthandelsorganisation WTO über geistige Eigentumsrechte TRIPS (Trade Related Intellectual Property Rights).

Die Vorgeschichte: Die britische Pharmafirma Phytopharm sicherte sich die Rechte an dem Wirkstoff, indem sie sie einem Institut der südafrikanischen Regierung abkaufte. Die informierte die San nicht einmal. Phytopharm verkaufte die Rechte um bis zu 32 Millionen Dollar an Pfizer, der nun das Medikament entwickelt. Die San sahen wieder nichts von dem Geld. Windige Begründung von Phytopharm: „Wir dachten, dieses Volk sei ausgestorben.“ Erst nach massiven Protesten internationaler Organisationen wie Action Aid wurde nun ein Abkommen mit den San geschlossen: Sie sollen sechs Prozent des Geldes bekommen, das Phytopharm als Lizenzhalter an die Regierung zahlt.

Ein winziger Bruchteil der Gewinne, die Pfizer machen wird. Und ein freiwilliger Akt: Denn das TRIPS-Abkommen sichert die Rechte der Pharma-Multis nach dem Vorbild des US-Patentrechtes weltweit - aber nicht die der traditionellen Gemeinschaften, die ihre Mittel nicht patentieren sonder als gemeinsame Tradition betrachten.

Befürworter des TRIPS-Abkommens argumentieren, dass nur weltweite Patente medizinische Forschung gewährleisten. Südafrika wird dies wenig nützen: Die Menschen dort leiden weniger an Übergewicht denn an AIDS. Und sterben daran zu Tausenden, denn Therapien sind zu teuer, obwohl etwa in Indien billige AIDS-Medikamente produziert werden. Doch das TRIPS-Abkommen verbietet, sie zu importieren: Südafrika muss die teuren Original-Medikamente kaufen - Preisdifferenz: Bis zu 12.000 Dollar statt 350 Dollar pro Krankem und Jahr. Für die WTO zählt eben das Recht auf geistiges Eigentum mehr als die Gesundheit von Millionen Menschen. Solange es sich um das geistige Eigentum eines Multis handelt - und nicht eines südafrikanischen Wüsten-Volkes.

Nachlese

--> Haftung für Diktaturen
--> Wege aus der Schuldenkrise
--> Synergien für Renditejäger
--> Bankgeheimnis und Globalisierung
--> Das schwarze und das blaue Gold
--> Lokal denken, global handeln – zur Kriegslogik der USA
--> GATS oder der Angriff auf die armen Länder

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen. Unter dem Motto "Globalisierung braucht Gestaltung" schreibt ein Team von ATTAC Austria ab sofort jeden Montag einen Kommentar.

"ATTAC ist ein globales Netzwerk von Globalisierungs- kritikerInnen, das 1998 in Frankreich entstanden und seither in 40 Ländern weltweit aktiv geworden ist. In dieser Kolumne nimmt ATTAC Stellung zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen und stellt Alternativen zur neoliberalen Globalisierung vor."

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ATTAC Austria

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