"Jeder von ihnen hat eine traumatische Geschichte"

30. April 2003, 11:41
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Staatspräsidenten Polens und Israels mit rund 2500 jungen Juden auf dem "Marsch der Lebenden"

Kat Oswiecim - Die Staatspräsidenten Polens und Israels haben am Dienstag zusammen mit rund 2500 jungen Juden aus Israel und aller Welt auf dem "Marsch der Lebenden" der Opfer des Holocaust gedacht. "Von hier aus ist das jüdische Volk aus der Asche vieler Vernichtungslager wieder geboren worden", sagte Israels Präsident Moshe Katzav am Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus im ehemaligen deutschen Vernichtungslager Birkenau. "Von hier sind wir in unsere Heimat zurückgekehrt und haben einen unabhängigen Staat gegründet." Sein polnischer Amtskollege Amtskollege Aleksander Kwasniewski rief die Jugendlichen auf, die "Welt zu einem besseren Ort zu machen als die Welt, die in die Geschichte eingegangen ist."

Die Namen der Opfer

Der Schweigemarsch begann in den Mittagstunden am berüchtigten Lagertor von Auschwitz. Von dem schmiedeeisernen Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" folgten die Jugendlichen dem Weg vieler Häftlinge in das drei Kilometer entfernte Lager Birkenau, wo sie den Kaddisch, das jüdische Totengebet, für die Ermordeten sprachen. Viele trugen israelische Fahnen, um ihre Verbundenheit mit dem Staat Israel auszudrücken.

Während sie an der Rampe von Birkenau entlangzogen, an der die SS arbeitsfähige Häftlinge von denjenigen trennten, die sofort in den Gaskammern ermordet wurden, wurden über Lautsprecher Namen, Alter und Herkunftsländer von Holocaust-Opfern verlesen. Auch mehrere hundert junge Polen nahmen an dem Marsch teil.

"Bittere Ironie

"Es ist schwer, über die bittere Ironie des Schicksals nachzudenken", sagte Kwasniewski. Die polnische Erde, Heimat so vieler Juden, wurde zum größten Friedhof dieses Volkes auf der Welt." Katzav wandte sich besonders an die ehemaligen Lagerinsassen, die die Jugendlichen auf dem Marsch begleiteten. "Jeder von ihnen hat eine traumatische Geschichte", sagte er. Der 83-jährige Szyjek Gilbert, ein ehemaliger Lagerhäftling, sagte: "Ich habe meine gesamte Familie in einer Nacht verloren, 63 Menschen." Er habe als einziger überlebt.

Während des Zweiten Weltkriegs ermordeten die Nationalsozialisten in Auschwitz-Birkenau mindestens 1,1 Millionen Menschen. Die meisten der Opfer waren Juden aus Polen und den von Deutschland besetzten Staaten Europas.

Gedenken in Israel

In ganz Israel heulten am Dienstagmorgen in Erinnerung an die während der Nazi-Zeit ermordeten sechs Millionen Juden zwei Minuten lang die Sirenen. Im Parlament wurden stundenlang die Namen der Opfer verlesen. Die Gedenkfeiern zum Holocaust-Tag hatten am Montagabend mit einer Zeremonie in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem begonnen. Ministerpräsident Ariel Sharon sagte, die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten habe gezeigt, dass die Juden ihre Sicherheit nur durch Stärke gewinnen könnten. "Nie wieder werden Juden wehrlos sein.. ., nie wieder werden wir unsere Sicherheit anderen anvertrauen", versicherte der israelische Regierungschef.

Die Feierlichkeiten konzentrieren sich besonders auf den jüdischen Widerstand und den 60. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto.(APA/dpa)

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