Pressestimmen: "US-Truppen heizen Feindseligkeiten an"

30. April 2003, 09:06
9 Postings

Ablehnung der "Besatzerdemokratie"

München/Frankfurt/Düsseldorf - Das von US-Truppen in der irakischen Stadt Falluja angerichtete Blutbad ist am Mittwoch Gegenstand von Pressekommentaren.

"Süddeutsche Zeitung":

"Jetzt wird gestritten, wer denn die Schuld trägt für das Blutbad im irakischen Städtchen Falluja. Klar ist, dass es wie Hohn klingt, wenn sich die US-Soldaten nun auf ein Recht zur Selbstverteidigung berufen, nachdem sie offenkundig wahllos in eine Menschenmenge gefeuert haben und Augenzeugen zufolge auch Kinder unter den Opfern sind. (...) Falluja ist nur ein Glied in einer ganzen Kette von Überreaktionen mit tödlichen Folgen. Der Vorfall fügt sich ein, zum Beispiel, in den Beschuss eines Autos mit Frauen und Kindern an einem Checkpoint oder in den Kanonenangriff auf das Journalisten-Hotel in Bagdad. Ermittlungen? Fehlanzeige. Entschuldigungen? Mit keinem Wort. Wer auf solche Art für Ordnung sorgen will, der heizt die Feindseligkeit selbst an, die es dann zu bekämpfen gilt."

"Frankfurter Rundschau":

"Der Bush-Regierung ist es nicht so sehr um Massenvernichtungswaffen im Irak gegangen; andere Diktatoren streben auch danach. Es ging auch nicht so sehr um die Befreiung des Volkes von einem Despoten; mit anderen Despoten bleiben die USA im friedlichen Geschäft. (...) Die Demokratie sichtbar zu machen, misslingt aber von Tag zu Tag deutlicher. Die Schüsse, die einem guten Dutzend Irakis in Falluja nach dem Nachtgebet und während einer offenbar recht friedlichen Kundgebung gegen die US-Präsenz den Tod brachten, widerlegen die demokratischen Argumente. Jene Irakis, die ihr Land eher besetzt als befreit sehen, finden sich bestätigt. Ihre Ablehnung gegen die Besatzersoldaten schlägt um in Ablehnung der Besatzerdemokratie. (...) Bush verliert den Frieden so leicht, wie Rumsfeld den Krieg gewonnen hat."

"Handelsblatt":

"Die Amerikaner werden in Wahrheit noch viele Monate, wenn nicht Jahre gebraucht, um den Irak zu stabilisieren. Solange die Überreste des Baath-Regimes nicht vollständig ausgerottet sind, würde das Land ohne die Besatzungsmacht wahrscheinlich in eine neue Form der Despotie taumeln. Der Krieg würde seine wichtigste moralische Berechtigung im Nachhinein verlieren, würden sich die USA mit der Errichtung eines Gottesstaates oder einer anderen Schreckensherrschaft abfinden. (...) Nach Jahrzehnten der Abschottung und Propaganda sollte man sich nicht wundern, dass viele Iraker die Amerikaner als Besatzer und nicht als Befreier empfinden. Auch das war (1945) in Deutschland genauso. Der chronische Realitätsverlust, den Diktatoren ihren Völkern verordnen, verschwindet nicht schnell - und er verschwindet nicht von selbst. In einem Klima von Hass und religiösen Ressentiments, von Verschwörungstheorien und Ohnmachtsphantasien gelingt kein Wiederaufbau." (APA/dpa)

Share if you care.