Selbstmordanschlag in Tel Aviv

30. April 2003, 21:34
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Vier Todesopfer und 55 Verletzte - Hamas und Al-Aksa-Brigaden bekennen sich zu Attentat - Attentäter angeblich britischer Staatsbürger

Tel Aviv/Genf - Nur wenige Stunden nach der Bestätigung des neuen palästinensischen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas (Abu Mazen) durch das Parlament in Ramallah hat ein Selbstmordattentäter in Tel Aviv drei Menschen mit in den Tod gerissen. Wie Polizei und Rettungskräfte Mittwoch früh mitteilten, wurden 55 Personen verletzt, sechs von ihnen schwer. Der Mann sprengte sich vor einer gut besuchten Bar an der Strandpromenade unweit der US-Botschaft in die Luft. Die "Al-Aksa-Märtyrerbrigaden" und der bewaffnete Arm der Hamas-Bewegung, "Brigaden Ezzedin el Kassam", übernahmen die Verantwortung für den Anschlag.

Angeblich britischer Staatsbürger

Bei dem Attentäter handelt es sich nach Angaben der israelischen Polizei um einen britischen Staatsbürger. Ein zweiter mutmaßlicher Täter, ebenfalls Brite, sei geflohen, nachdem sein Sprengsatz nicht detoniert sei, sagte ein Polizeisprecher.

Die beiden Männer seien mehrere Tage vor dem Anschlag vom Gazastreifen aus nach Israel gelangt. Das Außenministerium in London konnte die Angaben zunächst nicht bestätigen. Sollte der Selbstmordattentäter tatsächlich britischer Staatsbürger sein, wäre er der erste Europäer, der sich seit Beginn der Intifada Ende September 2000 in die Luft gesprengt hätte.

Abbas hatte vor seiner Bestätigung am Dienstagabend angekündigt, er wolle die militanten Gruppen unter Kontrolle bringen und alle illegalen Waffen konfiszieren lassen. Terrorismus nütze der Sache der Palästinenser nichts, sondern zerstöre sie nur. Hamas-Sprecher Abdelaziz Rantizi hatte daraufhin erklärt, die Forderung des Ministerpräsidenten sei undurchführbar; Hamas werde die Angriffe auf Israel nicht einzustellen.

Vergeltung und Botschaft an Abbas

Ein Sprecher der Al-Aksa-Brigaden, die aus radikalen Elementen der Fatah-Bewegung von Präsident Yasser Arafat und Abbas zusammengesetzt sind und sich der Kontrolle durch die Fatah-Führung entziehen, teilte mit, die Hamas und seine Gruppe hätten den aus Tulkarem im besetzten Westjordanland stammenden Selbstmordattentäter nach Tel Aviv geschickt. Der Anschlag habe zwei Ziele gehabt: Vergeltung für die Tötung ihrer Mitglieder durch Israel und eine Botschaft an Abbas, das "niemand die Widerstandsbewegungen ohne eine politische Lösung entwaffnen kann".

Der Anschlag ereignete sich gegen ein Uhr vor der vor allem von jungen Leuten besuchten Bar "Mike's Place". Die Fassade des Nachtclubs wurde zerstört. "Der Attentäter sprengte sich am Eingang in die Luft", berichtete Polizeichef Yossi Sedbon. "Es wäre viel schlimmer gekommen, wenn er es geschafft hätte, ins Gebäude zu gelangen." Augenzeugen erklärten, ein Türsteher habe dem Mann den Zutritt zu der Bar verwehrt.

350 Todesopfer seit Beginn der Intifada

In unmittelbarer Nähe hatte sich vor knapp zwei Jahren ein Selbstmordattentäter in einer Discothek in die Luft gesprengt. 21 Menschen, vor allem Teenager, wurden damals getötet. Bei inzwischen 89 Selbstmordanschlägen seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000 wurden rund 350 Menschen mit in den Tod gerissen.

Das Büro des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon erklärte, der jüngste Anschlag sei ein Beweis dafür, dass "dem palästinensischen Terrorismus kein Einhalt geboten wurde". Die neue palästinensische Regierung müsse umgehend solche Angriffe stoppen.

Das US-Außenministerium verurteilte den Anschlag scharf. Für die Gewalt und die Terrorattacken gegen die israelische Bevölkerung gebe es keine Entschuldigung, sagte Sprecherin Nancy Beck.

UN-Menschenrechtskommissar verurteilt jüngsten Anschlag in Tel Aviv

UN-Menschenrechtskommissar Sergio Vieira de Mello hat den jüngsten palästinensischen Selbstmordanschlag in Tel Aviv, bei dem drei Menschen getötet und 50 weitere verletzt wurden, scharf verurteilt. "Solche Verbrechen sind ein Affront gegen die grundlegendsten Menschenrechte. Sie stellen einen direkten Angriff auf die derzeitigen Bestrebungen dar, eine stabile und sichere Zukunft für Israelis und Palästinenser zu gewährleisten", sagte Vieira de Mello am Mittwoch in Genf. Den Feinden des Friedens dürfe es nicht erlaubt werden, ihre Ziele zu erreichen, fügte der Brasilianer hinzu.

Der UN-Menschenrechtskommissar rief erneut alle Konfliktparteien dazu auf, ihr Möglichstes zu tun, um den Kreis der Gewalt zu durchbrechen und den Frieden so schnell wie möglich zu garantieren. (APA/dpa/AP)

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    Kurz nach Mitternacht zündete der Suicide-Bomber am Eingang zu "Mike's Place" den Strengsatz und tötete vier Menschen

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