Liebeslieder aus Styropor

1. Mai 2003, 18:44
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Ein Meisterwerk zwischen Folk, Country, Rock und Pop: "Silver Lake" des 39-jährigen US-Songwriter Vic Chesnutt

Der 39-jährige US-Songwriter Vic Chesnutt zählt seit über einem Jahrzehnt zu den ganz Großen des Genres. Zwischen Folk, Country, Rock und Pop entstehen immer wieder Meisterwerke wie jetzt "Silver Lake".


Zu seinen Bewunderern zählen nicht nur Musikerkollegen wie Michael Stipe von R.E.M., der ihn am Anfang seiner Karriere daheim in Athens, Georgia, förderte. Auf dem Tributalbum Sweet Relief Two aus 1996 wurden seine spektakulär unspektakulären Songs auch von Größen wie den Smashing Pumpkins, R.E.M. und Madonna (!) interpretiert. Trotzdem ist Vic Chesnutt bis dato ein großer Unbedankter im Geschäft zwischen Folk, Rock, cowboylosem Country und zarten Pop-Anklängen geblieben.

Nach seinen ersten Soloalben Little aus 1990, West Of Rome und vor allem den anschließenden Arbeiten Drunk und Is The Actor Happy? winkte zwar kurzfristig ein Vertrag mit einem großen Unterhaltungskonzern. Die Veröffentlichung seiner bis dato reifsten Alben, About To Choke und das gemeinsam mit den New-Country-Stars Lambchop aufgenommene The Salesman And Bernadette, die von der Kritik von der Qualität her in dieselbe Liga wie Bob Dylan, Neil Young oder Kevin Coyne gelobt wurden, konnten jedoch eines nicht verhindern: Der Erfolg ist Vic Chesnutt bis heute versagt geblieben. Das verdankt sich zum einen der konsequenten Weigerung des Eigenbrötlers, für so etwas Ähnliches wie Kontinuität in seinem Auftreten zu sorgen.

Immerhin wirft Chesnutt nebenher auch immer wieder ausschließlich Insidern vorbehaltene, mehr dem klassischen Rockformat als seinen fragilen Songwriting-Künsten verpflichtete Tonträger unter dem Pseudonym Brute oder mit der Band Widespread Panic auf den eng gesteckten Markt. Andererseits lässt sich der Mann wegen seiner seit einem alkoholisierten Autounfall bestehenden Querschnittlähmung ("Dieser Unfall hat mir das Leben gerettet!") selbst im grundsätzlich "offeneren" Alternative Rock-Markt nur schwer verkaufen. Da gibt es nichts zu deuteln. Abgesehen vom rein äußerlichen Diktat der Jugend: Chesnutt, der sich zu zerbrechlich-sanfter bis altersweise-gebrechlicher Balladenmusik in seinen textlichen Rollenspielen mehr auf die Südstaatenliteratur einer Flannery O'Connor beruft als auf den imaginären Südstaatenrock eines Neil Young, lässt den Misanthropen schon auch recht bewusst raushängen. Trotz aller Beseeltheit, mit schattseitigen "Hymnen" wie Free Of Hope kann man ein jugendliches Publikum verschrecken, wenn man nicht gerade wie Nick Cave aussieht.

Nachdem es in den vergangenen Jahren etwas sehr still um Chesnutt geworden war, meldet er sich nun mit einem herzergreifenden neuen Album zurück, Silver Lake. Dieses leitet nach den teilweise doch recht verhuschten Low-Fi-Produktionen der Vergangenheit nicht nur im Klangbild ein neues Kapitel ein. Unter der Regie von Mark Howard, der unter anderem auch schon für Bob Dylan arbeitete, kommt auch die brüchige, mehr auf sich selbst bezogene als nach außen dringende nasale Knödelstimme von Chesnutt erstmals wirklich zur Geltung. Neben Chesnutts nach wie vor "unkonzentrierter" Gitarrenhandhabung (siehe auch: Bob Dylan) und dem obligaten Beserlschlagzeug lässt Mark Howard den Songs bisher nicht gekannten Raum, um zu atmen. Das macht sich vor allem im Opener I'm Through bemerkbar. Aber auch der in einem Irrenhaus spielende Schmachtfetzen Fa-La-La, das Neil Young verpflichtete 2nd Floor oder die bizarre Geschichte eines Eunuchen in Sultan, So Mighty kommen so erst richtig zum Tragen. Die seit langem schönste Definition von Liebe liefert Chesnutt schließlich auch noch mit: "Sharing breakfast from one plate, holding hands over loved ones graves. Do you think you deserve it? I say yes. In my way yes." (DER STANDARD, Printausgabe, 2.5.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Vic Chesnutt  Silver Lake
(Blue Rose/Hoanzl)
    foto: blue rose

    Vic Chesnutt
    Silver Lake
    (Blue Rose/Hoanzl)

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