Der Hackler

30. April 2003, 14:44
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Er hackelt und hackelt - oft bis zum Umfallen - die Regelung für ihn ist bis 2006 verlängert worden

Woher er seinen Namen hat, ist strittig: Der Sprachforscher Siegmund Wolf meinte 1956, man könne die Bezeichnung "Hackn" für Arbeit auf die hebräische Wurzel "hogun" (=ehrbar) zurückführen. Peter Wehle widersprach dem in seinem Buch "Sprechen Sie Wienerisch?" 1980 heftig: Hackn, Hackler und hackeln sei auf den Brauch zurückzuführen, dass ein Landstreicher, der um Essen bettelte, erst einmal Holz hacken musste. Und der Sozialgeschichtler Roman Sandgruber meinte am Dienstag, "hackeln" sei ein im Weinland Ostösterreichs um 1800 entstandener Begriff für die schwere Arbeit im Weingarten - der Hackler wäre demnach dem Weinhauer (der mit der Hacke den Boden lockert) verwandt.

Arbeiten tut er, so zumindest die gängige Vorstellung, am Bau. Nicht unbedingt die allerschwerste Arbeit (die tut im Wienerischen der Baraberer, vom tschechischen poroba = Knechtschaft), dafür aber stetig und von früher Jugend an.

So kam der Hackler in die politische Terminologie - weil das weniger sperrig klingt als "Frühpension wegen langer Versicherungsdauer". Wer 45 Jahre gehackelt hat, der soll in Pension gehen können, egal wie alt er ist. Man muss sich das vorstellen: Ein Mann, der zwei Jahre vor Kriegsende geboren wurde und seine Schulpflicht Ende der Fünfzigerjahre beendet hat, arbeitete in den baufreudigen Sechzigerjahren als Ziegelschupfer, werkte an den Großprojekten der Siebzigerjahre (Donauinsel, UNO-City, Zwentendorf) und ist heute mit 60 immer noch am Bau tätig. Nein, der soll nicht mehr auf ein Gerüst steigen müssen (falls er überhaupt noch kann).

Aber das muss er womöglich doch: Denn gerade die Bauarbeiter haben typischerweise keine ununterbrochenen Laufbahnen, gerade ihnen fällt es schwer, zum 60. Geburtstag 45 Beitragsjahre in der Sozialversicherung vorzuweisen und in den verdienten Ruhestand zu gehen. Es reicht, einmal im Leben ar- beitslos oder länger krank gewesen zu sein, und die Hacklerregelung greift nicht mehr.

So kommt es, dass jemand, der sein Lebtag in einem Büro oder als Verkäufer bei immer demselben Arbeitgeber "gehackelt" hat, eher unter die Hacklerregelung fällt als diejenigen, die harte manuelle Tätigkeiten geleistet haben. Seit dem Jahr 2000 haben nur 3117 Arbeiter (und 2428 Angestellte) von der Hacklerregelung Gebrauch machen können.

Andere müssen sprichwörtlich bis zum Umfallen hackeln. Oder bis zur Arbeitslosigkeit. Denn immer häufiger sind es gerade die schlecht qualifizierten älteren Arbeitnehmer, die die letzte Phase ihres Arbeitslebens nicht in Brot und Arbeit, sondern in der Arbeitslosigkeit verbringen. "Hackenstad" zu sein ist für viele Hackler realistischer als die Hacklerregelung, die nun bis 2006 verlängert wird.(Conrad Seidl/DER STANDARD, Printausgabe, 30.4./1.5.2003)

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