Zwei Moderne-Verstärker

30. April 2003, 12:35
posten

Die neuen Experten des Dorotheums, Petra Schäpers und Franz von Rassler, im Interview

Am 20. Mai versteigert das Dorotheum "Klassische Moderne und Zeitgenössische Kunst" – ein Segment, das forciert werden soll. Auch mithilfe der neuen deutschen Experten Petra Schäpers und Franz von Rassler. Ein Gespräch mit Doris Krumpl.

Wien – Eines der erklärten Ziele der neuen Dorotheum-Geschäftsführung liegt in der Stärkung und Etablierung des Bereiches Moderne und zeitgenössische Kunst auf internationaler Ebene. Deutschland spielt hier eine besonders große Rolle. Hier verankert das Auktionshaus zwei neue Fachleute: Die (auch) in Wien ausgebildete Kunsthistorikerin Petra Schäpers, zuvor beschäftigt beim Kölner Auktionshaus Van Ham, eröffnete zu Beginn dieses Jahres die Dependance in Düsseldorf. Diplombetriebswirt Franz von Rassler wird als Experte und Repräsentant voraussichtlich ab Ende des Jahres, spätestens aber ab dem Frühjahr 2004 von München aus agieren.

Beide Experten verfügen über Galerienerfahrung. Schäpers werkte zwei Jahre bei Carsten Greve, Rassler kümmerte sich viereinhalb Jahre um die International Sales bei Larry Gagosian, New York.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das Segment 20. Jahrhundert im Vergleich zu anderen Sparten bezüglich Preisentwicklung und Verfügbarkeit von Material?

Schäpers: Im Bereich 20. Jahrhundert liegt ein sehr großes Potenzial. Was die Moderne betrifft, da ist natürlich viel Material da im Rheinland. Wir – und ich spreche hier für das Dorotheum – wollen den Bereich definitiv internationalisieren.

STANDARD: Inwiefern hat sich die aktuelle Wirtschaftslage in Deutschland auf die Einbringer- oder Käuferseite ausgewirkt?

Schäpers: Die Einbringungen für unsere kommende Auktion "Klassische Moderne und Zeitgenössische Kunst" am 20. Mai sind sehr gut. Wie sie sich verkauft, werden wir sehen.

Rassler: Ich habe den Eindruck, dass die Käuferseite schon etwas vorsichtiger geworden ist.

STANDARD: Es heißt ja, dass sich Qualität, die naturgemäß teurer ist, immer verkaufen lässt. Solche Kunden scheinen Konjunkturschwankungen nicht zu stören. Was meist in solchen Zeiten liegen bleibt, ist die Mittelware. Stimmen Sie dem zu?

Rassler: Ich habe eben von der "Tefaf Maastricht" gehört, dass sich die ganz großen Stücke nicht verkaufen ließen, sondern hauptsächlich Kunstwerke bis ca. 250.000 Dollar.

Schäpers: Dieser Preis ist schon relativ hoch. Was sich künftig auf Auktionen schwer tun wird, sind niedrigpreisige Dinge wie Grafiken. Dieser Markt bricht über kurz oder lang zusammen.

STANDARD: Das ist doch immer die typische Sammeleinstiegskunst gewesen.

Schäpers: Nicht nur für Einsteiger, sondern auch für Leute, die nicht so viel verdienen und das Bisschen in kleine Kunstwerke investiert haben. Diese Menschen haben angesichts der angespannten Wirtschaftslage nicht mehr so viel übrig. Hier merkt man, dass weniger Bewegung herrscht.
STANDARD: Gilt nicht zudem die Fotografie als perfekte neue Einsteiger-Kunst?

Schäpers: Stimmt, vor allem bei den Jungen hat die Fotografie die Grafik abgelöst.

STANDARD: Was unternehmen Sie, um neue Käufer zu "fangen"?

Schäpers: Unsere Düsseldorf-Repräsentanz ist ein von der Straße einsehbarer Galerieraum. Hier werde ich Ausstellungen zeitgenössischer Kunst organisieren.

STANDARD: Oft kommt der Vorwurf von zeitgenössischen Galerien: Wir bauen Künstler auf, investieren, und die Auktionshäuser schöpfen den Rahm ab – oder machen sie kaputt.

Schäpers: Es ist ein ganz anderer Markt – ich sehe es eher so, dass sie einander ergänzen. Die Galeristen kaufen auf Auktionen, liefern ein – heißt: sie bedienen den Auktionsmarkt -, und sie leben davon. Das ist ein wichtiger Austausch.

STANDARD: Noch vor wenigen Jahren hörte "contemporary" bei der Kunst der 60er-Jahre auf. Heute scheint das Öl auf der Leinwand kaum getrocknet zu sein, so schnell geht manches zur Auktion. Welche Ursachen sehen Sie für diese Entwicklung?

Schäpers: Weil der Auktionsmarkt eine neue Bedeutung erlangt hat. Es gibt immer mehr Leute, die es spannend finden, bei Auktionen zu kaufen. Es ist "hip" geworden – ein neues Publikum ist entstanden. Die Leute kennen sich sehr gut aus, auch mithilfe des Internets – was die Händler oft nicht so freut. Es ist nun genau nachvollziehbar, wann und wo das Werk durchgefallen ist und zu welchen Preisen.

Rassler: Und das ist auch neu, dass derart neues Material so wahnsinnig hohe Preise erzielt, wie das jetzt bei Fotografien von Andreas Gursky der Fall ist – wo es passieren kann, dass die Summe sogar über den Galeriepreis hinausgeht. Das war ein Hype – die Internetmillionäre haben da einfach zugeschlagen.

STANDARD: Die ganze Welt kann per Internet zuschauen. Es wurde binnen kurzer Zeit alles sehr transparent.

Rassler: Um Preisstürze jüngerer Künstler zu vermeiden, lassen Galerien wirklich "heiße" Künstler – wie etwa Neo Rauch – nur von bestimmten Leuten kaufen. Sammler, von denen sie wissen, dass sie ihre Werke nicht gleich auf den Markt werfen.

Schäpers: Man kann jemanden gleich vom Start weg zerstören oder auch pushen. Gurskys Preise gingen erst hoch, nachdem er bei einer Auktion in New York war. Dann sind die Preise etabliert.

Rassler: Wenn sie dann wieder fallen, dann ist schon eine Ecke angekratzt. Obwohl keiner bedenkt, dass sie vorher auf einer irrwitzigen und nicht zu rechtfertigenden Höhe waren. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.4./1.5.2003)

  • Spitzenlos bei der kommenden Moderne-Auktion: Félix Vallottons (1865-1925) Ölgemälde "Coquetterie", 1911 entstanden, geschätzt auf 160.000 bis 180.000 Euro (Ausschnitt)
    foto: dorotheum

    Spitzenlos bei der kommenden Moderne-Auktion: Félix Vallottons (1865-1925) Ölgemälde "Coquetterie", 1911 entstanden, geschätzt auf 160.000 bis 180.000 Euro (Ausschnitt)

  • Düsseldorf und München in Wien: Moderne- und Zeitgenossen- Experten Petra Schäpers ...
    foto: standard/cremer

    Düsseldorf und München in Wien: Moderne- und Zeitgenossen- Experten Petra Schäpers ...

  • ... und Franz von Rassler
    foto: standard/cremer

    ... und Franz von Rassler

Share if you care.