Amok laufender Kleinbürger mit narzisstischer Störung

14. Oktober 2010, 19:05
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Das aktuelle Buch: Die psychologische Aufarbeitung der Biografie Goebbels'

Bei allem unbestrittenen Intellekt war der 'Doktor' für mich immer ein Amok laufender Kleinbürger, der über herkommensmäßige Hürden springen, der brillieren, blenden und herrschen wollte." Für Auguste Behrend, Joseph Goebbels großbürgerliche Schwiegermutter, war klar, woher der Geltungsdrang des NS-Propagandaministers kam. Die psychologische Aufarbeitung der Biografie Goebbels' des Wiener Psychiaters Peter Gathmann und der Autorin Martina Paul zeigen, dass der Motivationskomplex, der Goebbels antrieb, weit über den einfachen Willen zum sozialen Aufstieg hinausging. Sie attestieren ihm eine "schwere narzisstischen Störung" samt "ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex".

Ein Ausgangspunkt für die Ich-Bezogenheit Goebbels liegt in einer Knochenmarksentzündung im Kindesalter, die einen Klumpfuß zurücklässt. Die überkompensatorische Reaktion auf die körperliche Behinderung und auf die Erfahrungen der Ablehnung in der Schule, beim Militär, als Schriftsteller und Journalist stärken die Sucht nach Anerkennung, die er später als Propagandaminister im Dritten Reich findet. Seine narzisstische Motivation treiben radikalen Judenhass, Kontrollsucht und kaltblütige Manipulation an die Spitze. Seine Lügenpropaganda, etwa der antisemitische Film Jud Süß stützt den Mord an Millionen Menschen. (Der aktuelle Kinofilm Jud Süß thematisiert die Entstehung des NS-Propagandafilms, Moritz Bleibtreu verkörpert Goebbels.) Sein rhetorisches Talent, aus dem er tiefe narzisstische Befriedigung bezieht, lässt an den "totalen Krieg" glauben, als die Sache bereits verloren ist. Durch sein nahes Verhältnis zu Hitler fühlt er sich erhöht. Ihm opfert er nicht nur seinen Intellekt, sondern auch seine große Liebe Lida Baarova. Der Nationalsozialismus tritt an die Stelle seines früheren katholischen Glaubens. Das deutsche Volk ist trotzdem nur für seine Selbstbestätigung da. Insgeheim hält er für "unfassbar, was die Leute alles gläubig hinnehmen".

Mit seinen zahlreichen Affären protzt er gerne, was auch in der Partei nicht gut ankommt. In seinem Tagebuch vermerkt er sogar die Anzahl der Geschlechtsakte pro Liaison. Auch seine Kinder betrachtet er lediglich als Eigentum, das er skrupellos mit in den Tod nimmt.

Goebbels war und ist nicht der einzige Mensch, der den Spiegel des Narziss ein Leben lang putzt, anstatt ihn zu zerschlagen. Am falschen Ort zur falschen Zeit war dieser Makel aber an der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts mit schuld. Das Buch gewährt guten Einblick, wie es dazu kommen konnte. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. Oktober 2010)


Publikation
P. Gathmann, M. Paul: "Narziss Goebbels".
Böhlau, Wien 2010.
299 S., 24,90 €.
ISBN 978-3-205-78411-1

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