Den Dreck räumen immer die Ärmsten auf

14. Oktober 2010, 17:09
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Die Unterbringung auf einer aufgelassenen US-Militärbasis 1991 hat für Vulkanausbruchsopfer auf der philippinischen Insel Luzon bis heute fatale Folgen. Dokumentarist John Gianvito hat sich bei ihnen umgesehen.

Der Luftwaffenstützpunkt Clark Air Base auf der philippinischen Insel Luzon war zu seiner Zeit die größte amerikanische Militärbasis außerhalb der USA. Von hier aus wurden viele Einsätze nach Vietnam geflogen, auch der Diktator Marcos konnte sich angesichts dieser geballten Macht ein wenig mehr in Sicherheit wiegen. Die von ihm geknechtete Bevölkerung sah ihn ohnehin als eine Marionette der westlichen Supermacht. 1991 brach unweit der Basis der Vulkan Pinatubo aus, wenige Monate später verlängerte der philippinische Senat das Abkommen zur Verpachtung des Geländes nicht, die Amerikaner zogen mit ihren Waffen und Geräten ab.

Stattdessen kamen Menschen auf die ehemalige Clark Base, die durch die Naturkatastrophe ihre Lebensgrundlagen verloren hatten. Über 300.000 Bewohner hatte das improvisierte Lager zeitweise, die Menschen tranken aus eilends gebohrten Brunnen, und mit dem Wasser tranken sie Giftstoffe, die die Amerikaner nicht ordnungsgemäß entsorgt hatten.

Imperialistisches Erbe

Von diesem Vermächtnis berichtet John Gianvito in seinem viereinhalbstündigen Dokumentarfilm "Vapor Trail (Clark)", der zugleich eine kleine Geschichte des amerikanischen Imperialismus seit der Wende zum 20. Jahrhundert ist. Aus Beständen der Firma Edison ist ein kurzer Film von 1898 überliefert, auf dem US-Soldaten zu sehen sind, die sich gerade einschiffen, um auf den Philippinen den Krieg gegen die spanische Kolonialmacht und - wie sich bald herausstellte - auch gegen die einheimische Unabhängigkeitsbewegung zu führen.

"Ten million niggers" - aus dieser rassistischen Formulierung über die Bevölkerung der Philippinen geht sehr gut hervor, in welchem Kontext die US-Regierung ihre Politik damals sah. Es ging um neue Märkte, denn vor allem die "Schließung" des Wilden Westens hatten die Bonanza-Ökonomie des 19. Jahrhunderts schwer in die Krise stürzen lassen.

Gianvito, dem die Viennale 2008 einen Tribute widmete, hat sich für "Vapor Trail (Clark)" mit ein paar engagierten Menschen auf den Philippinen zusammengetan, deren Gespräche mit Kranken und Angehörigen mitgefilmt. Durch verseuchtes Wasser stiegen die Todesfälle durch Leukämie extrem, auch andere Leiden häuften sich, und viele Mütter brachten missgestaltete oder gar nicht lebensfähige Kinder zur Welt.

Gianvito filmt geduldig die Erzählungen dieser Leute, später lässt er ihnen dann häufig eine Frage stellen: Ob sie denn wüssten oder ob die Kinder in der Schule gelernt hätten, dass es zwischen den USA und den Philippinen einmal einen Krieg gegeben hatte, bevor sich die Nation im 20. Jahrhundert in das Schicksal eines Vasallenstaats fügte?

Er muss feststellen, dass der historische Kontext den meisten Menschen vollständig fehlt - ein Indiz für die niedrige Qualität der Schulbildung, durch die Armut perpetuiert wird. Das indigene Volk der Aeta/Negritos (Balugas) wurde vom Ausbruch des Pinatubo besonders stark betroffen (der vielleicht beste Film von Brillante Mendoza spielt übrigens ebenfalls unter den Aeta: "Manoro / The Teacher"), war immer schon ein Spielball der Behörden, sofern es ihnen nicht gelang, abgeschieden ihr eigenes Leben zu leben. In "Vapor Trail (Clark)" geht es nicht zuletzt um die Dokumentation der mühseligen Arbeit der lokalen Bürgerbewegung, die in langen Gesprächen erst einmal den Schaden ermitteln muss, um das Versagen der amtlichen Stellen genau benennen zu können.

Besonders beeindruckend sind schließlich die langen Erzählungen von Myrla Baldonado, die schon unter Marcos als "Subversive" galt und für die lange Geschichte des linken Polit-Engagements auf den Philippinen steht. Sie ist Gesicht und Stimme der Bewegung, die sich mit den "post basis issues" befasst - sie ist eine tragische Heldin, denn sie setzte sich eine Weile vor allem dafür ein, dass Menschen auf dem Gelände der Basis eine Heimstatt bekamen. Erst allmählich wurde klar, dass dort alles vergiftet war. Die Bilder von den Menschen, die mit der Harke den verseuchten Boden bearbeiten, um verwertbaren Müll zu finden, zählen zu den eindringlichsten der letzten Zeit: Den Dreck des Imperialismus räumen wie immer die Ärmsten auf. (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2010)

 

1. 11., Stadtkino, 20.30

  • Werbebotschaftsidyllen auf der philippinischen Insel Luzon, die im Zusammenhang von John Gianvitos Dokumentarfilm "Vapor Trail (Clark)" eher zynisch wirken.
    foto: viennale

    Werbebotschaftsidyllen auf der philippinischen Insel Luzon, die im Zusammenhang von John Gianvitos Dokumentarfilm "Vapor Trail (Clark)" eher zynisch wirken.

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