Richtig explosive Kinounterhaltung

14. Oktober 2010, 17:08
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Kluge Exploitation: Robert Rodriguez' "Machete" bereitet großes Vergnügen

Robert Rodriguez läuft immer dann zu Hochform auf, wenn er seine Liebe zum Exploitation-Kino mit einer entfesselten, popkulturell überreizten "mexicanidad" verschmilzt. Rodriguez selbst ist US-Amerikaner, er kam 1968 in Texas als Kind mexikanischer Einwanderer zur Welt. Seit er 1992 sein Debüt El Mariachi vorstellte, ist ihm Mexiko Geschichtenlieferant und Inspirationsquelle. Sein jüngstes Spektakel Machete, das er gemeinsam mit Koregisseur Ethan Maniquis drehte, steht in dieser Tradition. Hervorgegangen ist es aus einem Fake-Trailer, der vor drei Jahren Rodriguez' und Quentin Tarantinos Grindhouse-Double-Feature aus Death Proof und Planet Terror punktierte.

Der Film hält sich an eine alte Hollywood-Regel: Man beginne mit einer Explosion und steigere sich dann. Die Explosion besteht aus einem Gemetzel in einer Hütte irgendwo im Grenzgebiet von Mexiko und Texas, bei dem die Machete die zahlreich vertretenen, großkalibrigen Schusswaffen im Wortsinn aussticht - bis zu einer unerwarteten, für den von Danny Trejo (einem Cousin Rodriguez') gespielten Helden lebensbedrohlichen Wendung.

Der Mann mit dem eindrucksvoll zerfurchten Gesicht heißt wie seine liebste Waffe, Machete, ist Polizist in Ciudad Juárez, der kriminellsten Stadt der Welt, und muss nun nach Texas fliehen, weil er sich im Gemetzel mit einem Drogenboss angelegt hat. Jenseits der Grenze verdingt er sich zunächst als Tagelöhner und nimmt dann den Auftrag an, den reaktionären Senator McLaughlin (Robert De Niro) zu erschießen. Viel zu spät entdeckt Machete, dass er damit in eine Falle gegangen ist; das Attentat ist eine Inszenierung, um McLaughlin die Gunst der Wähler zu sichern.

Der Plot bietet viel Raum für fantasievoll in Szene gesetzte Schlägereien, Schießereien und Messerstechereien. Rodriguez hat keine Furcht vor schlechtem Geschmack, deshalb kann man sichergehen, dass, sobald ein Korkenzieher im Close-up erscheint, dieser Korkenzieher bald in einem Auge stecken wird. Wenn sich zwei Figuren über die Länge des menschlichen Darms unterhalten, dann folgt recht bald eine Szene, in der sich Machete an den Eingeweiden eines Widersachers aus einem Fenster abseilt. Und auch vor einem Wimmelbild mit hunderttausend Kakerlaken scheut Rodriguez nicht zurück. Er verwendet es, um den Rassismus des Senators auf die Spitze zu treiben.

Rodriguez hat ein tolles Gespür dafür, Topoi der Chicano-Kultur - Messer, Chilischoten, Revolutionsromantik, Musik, Flirtrituale, Lowrider - in den Kosmos des Exploitation-Kinos einzuspeisen. Er versteht sich außerdem wunderbar darauf, die politische Schieflage, den Rassismus, die Ausgrenzung und die Ausbeutung der Einwanderer aus Mexiko und Mittelamerika zu verhandeln, ohne dabei moralisch oder einfältig zu werden. Machete ist große, derbe Unterhaltung mit radikalem, politischen Anspruch und nicht zuletzt deshalb ein so großes Vergnügen, weil die Frauenfiguren Luz (Michelle Rodriguez) und Agent Sartana (Jessica Alba) in bester Siebziger-Jahre-Exploitation-Tradition eine Menge schlagkräftige Auftritte haben. (Cristina Nord/ DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2010)

 

24. 10., Gartenbau, 01.15; 26. 10., Urania, 16.00

  • Heißt wie seine Lieblingswaffe: Danny Trejo in "Machete".
    foto: viennale

    Heißt wie seine Lieblingswaffe: Danny Trejo in "Machete".

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