"Eine Uhr mit dem Hammer reparieren"

14. Oktober 2010, 17:05
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"Aurora" ist das dreistündige, verstörende Porträt eines Mannes, der aus der Gesellschaft ausschert und zum Mörder wird - Cristi Puiu im Interview

Mit dem Regisseur und Hauptdarsteller unterhielt sich Dominik Kamalzadeh.

Standard: Es wäre verlockend, mit einer Frage über den Mord zu beginnen, schließlich geht es in "Aurora" um eine Art Amoklauf. Aber der Mord steht nicht im Mittelpunkt. Sie interessieren sich mehr für die Umstände im Leben eines Mannes, der eine seltsame Malaise durchlebt. Was hat sie zu diesem langsamen Anfang der Geschichte motiviert?

Puiu: Es gibt Dinge, die man leicht erklären kann, und solche, wo das nicht geht. Wenn ich an die Genesis dieses Projekts denke, fällt es mir schwer, einen Ursprung zu finden: Ich könnte von TV-Shows sprechen, in denen Menschen, die eine kriminelle Handlung verübt haben, unfähig sind, eine klare Aussage zu machen. Wahrscheinlich reicht mein Interesse an Verbrechen und Tätern, die sich nicht selbst erklären, viel länger zurück und begann mit Dostojewski, Camus und Kafka. Mit Schriftstellern, die von Menschen schrieben, die in einer Welt von Worten gefangen sind und keine Erklärung für ihre Handlungen haben.

Standard: Existenzialistische Helden, die aus der Welt gefallen sind.

Puiu: Ja, auch der Held versteht nicht, was um ihn herum passiert, durchlebt eine existenzielle Krise. Ich habe mich für das Verhalten eines Menschen interessiert, der eine wichtige Entscheidung trifft. Diese Tat ändert alles. Das war auch der Grund, warum ich den Film "Aurora" nannte, weil es der Beginn von etwas Neuem ist. Nicht Tag, nicht Nacht, sondern ein transitorischer Moment. Natürlich gab es auch den Bezug zu Murnaus Film "Sunrise", der auch von Liebe und Hass erzählt. Bei Murnau geht am Ende alles gut aus. Murnaus Film ist mehr eine Arbeit über seine Hoffnungen. Ich wollte einen Helden, der nicht kommunizieren kann - der aus seinem eigenen Kopf nicht herausfindet. Es gab einen Satz im Drehbuch, den ich wieder herausnahm, weil ich ihn als zu explizit empfunden haben: Wir leben alle in unseren Köpfen.

Standard: Also eher ein Film über die Unmöglichkeit, das Psychogramm eines Mörders zu entwerfen - der handelt ja im Stillen, wirkt rätselhaft, aber auch konzentriert und sehr genau.

Puiu: Das stimmt. Ich habe in gewisser Weise versucht, meine eigene Position einzunehmen. Ich habe niemals jemanden getötet, ich bin niemals nach Australien gefahren. Es geht darum, über etwas zu sprechen, das man nicht kennt. Ich habe Bilder von Australien gesehen, kenne also die Klischees. Über Verbrechen haben ich Bücher, Zeitschriftenartikel gelesen, Dokumentarfilme gesehen. Ich habe versucht, nun meine eigene Sichtweise einzunehmen, wie ein Betrachter einer horriblen Show. Das betrifft auch den Stil, denn ich wollte die Kamera so benützen, als wäre sie Zeuge von etwas. Manche Dinge sieht man, andere nicht, weil die Konstruktion der mise-en-scène es nicht zulässt. Es ist kein leicht zugänglicher Film.

Standard: Sie widersetzen sich auch gängigen Identifikationsmustern. Warum?

Puiu: Wir müssen den Dingen immer Namen geben, sie zuordnen. Das Verhältnis, das wir zu Mördern haben, ist allerdings pure Fiktion. Gelenkt von Artikeln, Büchern, dem Fernsehen und natürlich dem Kino. Reale Fiktionen, wenn man so will. Ich habe den Charakter aus mir heraus geschaffen, deswegen war auch klar, dass ich ihn selbst spielen musste. Ich habe mich selbst dazu eingeladen, den Kriminellen in mir zu entdecken. Wir verstecken uns gerne vor dem Faktum, dass wir unter bestimmten Umständen im Leben selbst zu Kriminellen werden können. Wenn es einen Krieg gibt, werden wir töten. Dann haben wir eine Erklärung. Alle Kriminellen haben eine Erklärung, aber die Gesellschaft akzeptiert sie in der Regel nicht. Sie sind eine Bedrohung für unsere Sicherheit, deshalb werden sie weggesperrt. Und das nennt man dann Gerechtigkeit: Sie schützt die Gesellschaft, aber sie dient nicht der Wahrheitsfindung.

Standard: Können Sie ein wenig über den fast unheimlichen Stellenwert des Alltäglichen in "Aurora" erzählen?

Puiu: Das musste so sein. Mir ging es darum, die Morde so zu zeigen, als würde man eine Uhr mit dem Hammer reparieren. Etwas im Leben des Helden ist zerbrochen; nun will er die Sache mit einer Waffe lösen. Natürlich kennt er sich damit nicht aus. Es musste daher ungeschickt sein. Was die Dauer betrifft: Schon bei "Der Tod des Herrn Lazarescu" haben sich viele über die zeitliche Dimension der Geschichte beschwert. Weil sie auf das Krankenhaus gewartet haben. In Wahrheit geht es aber gar nicht darum. Auch hier geht es nicht ums Verbrechen - gerade in der ersten Stunde entdecken die Zuschauer jedes Mal etwas anderes. Dies ist ein Mann, der Aufmerksamkeit einfordert. Es wäre regelrecht vulgär gewesen, mit dem Verbrechen zu beginnen. Ich wollte eine Geschichte eines Mannes erzählen, die sich über Gesten, Rhythmen und Tempo entwickelt. Wie er seine Jacke trägt, ist genauso wichtig wie seine Handlungen.

Standard: Und wo er sich aufhält? Viele Szenen spielen an Türen. Sein eigenes Zimmer schließt der Mann notorisch ab.

Puiu: Es geht darum, Dinge zu verstecken, oder: ihn vor sich selbst zu verstecken. Es ist ein bisschen wie ein Schicksalsspiel: Die Dinge geschehen, und es stellt sich heraus, sie sind auf der falschen Seite der Tür passiert.

Standard: Der Film ist Teil Ihres Zyklus "Sechs Geschichten über die Peripherie Bukarests". Auf welche Weise ist der Held repräsentativ für die rumänische Gegenwart?

Puiu: Nicht nur in Rumänien werden die meisten Verbrechen von Menschen an jenen verübt, die ihnen nahestehen. Viele werden aufgrund von Drogen- oder Alkoholkonsum begangen, aber es sind dennoch Verbrechen aus Leidenschaft. Ich dachte, das ist eine Antwort - denn was bedeutet das? All das sind Menschen, die nach Aufmerksamkeit schreien. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2010)

 

28. 10., 17.00, Gartenbau; 29. 10., 10.00 Metro

  • Ein Mann, der sein Unbehagen mit der Waffe bekämpft: Regisseur Cristi Puiu übernahm die Hauptrolle in seinem Film "Aurora" selbst, "weil ich die Figur aus mir heraus geschaffen habe".
    foto: viennale

    Ein Mann, der sein Unbehagen mit der Waffe bekämpft: Regisseur Cristi Puiu übernahm die Hauptrolle in seinem Film "Aurora" selbst, "weil ich die Figur aus mir heraus geschaffen habe".

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    Cristi Puiu (43) wurde in Bukarest geboren und studierte Malerei und Regie in Genf. Er drehte Kurz- und Dokumentarfilme, 2001 folgt sein Spielfilmdebüt "Marfa si Banii". Mit "Der Tod des Herrn Lazarescu" dreht er einen maßgeblichen Film des neuen rumänischen Kinos.

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