"Mein Film ist ein abstraktes Musical"

14. Oktober 2010, 17:04
posten

Athina Rachel Tsangaris "Attenberg" ist eine eigenwillig erzählte Geschichte von Abschied und Neuanfang - die griechische Regisseurin im Interview

Sven von Reden sprach mit der Newcomerin über die Naturfilme von Sir David Attenborough, griechische Kultur und ihren Lieblingssketch.

Standard: Bei der Weltpremiere von "Attenberg" in Venedig schien eine Hälfte des Publikums begeistert, die andere befremdet. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Tsangari: Ich habe schon immer versucht, eine eigene Filmsprache zu finden, die nie wirklich an der Realität orientiert ist. Ich mache keine Experimentalfilme, arbeite aber auch nicht naturalistisch. Stattdessen versuche ich durch beide Welten zu tänzeln, ohne es mir irgendwo gemütlich zu machen - eine schwierige Kombination. Eine Hälfte des Publikums findet offenbar, das funktioniert, die andere nicht. Diese Form ist nicht Ergebnis einer bewussten Entscheidung, sie entsteht beim Proben mit den Schauspielern.

Standard: Vielleicht verwirrt die Zuschauer auch, dass die Figuren so ungewöhnlich sind?

Tsangari: Mich interessieren Prototypen: der Prototyp des Vaters, der Tochter, des Liebhabers, der besten Freundin. Diese Prototypen bilden einen Kreis. Ich will das Klischee brechen, wie eine Familie zu sein hat und eine Alternative vorschlagen. Für mich ist "Attenberg" ein Dokumentarfilm über eine andere Art von Familie im Stil eines Tierfilms.

Standard: Sie sind die Wissenschafterin, die diese Lebensform beobachtet?

Tsangari: In gewisser Weise ja. Daher war der britische Naturfilmer Sir David Attenborough so wichtig bei der Entwicklung des Projekts und bei den Proben. Jeder der Schauspieler hat bestimmte Tiere zugewiesen bekommen, mit denen er oder sie sich vertraut machen sollte. Das sieht man nicht direkt, außer in den Szenen, in denen die Darsteller diese Tiere wirklich nachahmen, aber es hatte Einfluss darauf, wie sie sprechen, wie sie sich angucken, wie sie sitzen - besonders das Sitzen ist wichtig. Der Film ist sehr streng choreografiert. Wir haben viel geübt, etwa die Blickwinkel. Da ich mich den Figuren nicht über ihren Hintergrund, ihre Geschichte nähere, geht es mehr um Bewegungen und Sprache.

Standard: Physis statt Psychologie?

Tsangari: Ja. Wir haben in den Proben alles immer und immer wiederholt. Dadurch wurden die Sprache und die Bewegungen sehr mechanisch, aber die Ermüdung führte auch dazu, dass die Charaktere und Gefühle durchkamen. Wichtig war mir, dass man die richtige Distanz bewahrt, die Zuschauer sollten die Emotionen nicht mit dem Löffel verabreicht werden.

Standard: Dazu passt die gleichzeitig kühle und leidenschaftliche Musik der New Yorker Prä-Punks Suicide auf dem Soundtrack.

Tsangari: Suicide sind sehr beliebt in Griechenland, weil die griechische Kultur tief im Innern ähnlich fatalistisch und pessimistisch ist, aber auch sehr melodramatisch. Das passt perfekt zur Monomanie meiner Hauptfigur Marina, die ein sehr minimalistisches Leben führt: Sie hört nur eine Band, schaut im Fernsehen nur Dokumentationen von Sir David Attenborough und kümmert sich um ihren kranken Vater.

Standard: Inwiefern wurde Ihr Film davon beeinflusst, dass Sie Performance-Art in New York studiert haben?

Tsangari: Wir haben dort ganz alltägliche Bewegungen untersucht, als seien sie eine Art Performance. Für mich ist also alles eine Choreografie. Außerdem bin ich ein begeisterter Voyeur und Menschenbeobachter. Pina Bausch ist ein Vorbild, außerdem habe ich mit den Schauspielern viel Monty Python geschaut und danach mit ihnen improvisiert.

Standard: Mehrere Szenen in "Attenberg" erinnern an den berühmten Monty-Python-Sketch "Ministry of Silly Walks".

Tsangari: Das ist einer meiner absoluten Favoriten. Ich schaue ihn mir alle paar Tage an, nur um gute Laune zu bekommen. Für mich ist es sehr wichtig, dass man sich im Kino über sich selber lustig machen kann.

Standard: Die Tänze im Film wirken auch wie ein Kommentar.

Tsangari: Ja, wir haben sie eingesetzt wie den klassischen griechischen Chor. Aufgebaut ist der Film ein bisschen wie ein Musical - die griechische Tragödie war durch ihren Einfluss auf die Oper ein Musical-Vorläufer. Attenberg ist eine Art abstraktes Musical, das in unseren Köpfen stattfindet.

Standard: Der von Ihnen koproduzierte "Dogtooth" von Giorgos Lanthimos holte 2009 in Cannes einen Preis. Lanthimos hat "Attenberg" koproduziert. Gibt es eine Art Renaissance griechischen Filmemachens in Zeiten des Staatsbankrotts?

Tsangari: Es scheint so. Die Technik erlaubt es, flexibler zu arbeiten. Man kann arm sein und trotzdem Filme machen. Wir drehen ohne große staatliche Förderung und helfen uns dafür gegenseitig. Wir schreiben füreinander, kochen bei den Drehs der anderen, machen Botengänge - alles, was nötig ist. Ich mag dieses "homemade cinema". Aber ich weiß nicht, ob man schon von einer neuen griechischen Welle sprechen kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2010)

 

29. 10., Gartenbau, 18.00; 30. 10., Metro, 13.30

  • "Vielleicht sind meine Figuren ja Aliens": Evangelia Randou (li.) und die dafür beim Festival in Venedig ausgezeichnete Ariane Labed (re.) vollführen in "Attenberg" eigentümliche Handlungen.
    foto: viennale

    "Vielleicht sind meine Figuren ja Aliens": Evangelia Randou (li.) und die dafür beim Festival in Venedig ausgezeichnete Ariane Labed (re.) vollführen in "Attenberg" eigentümliche Handlungen.

  • Pina-Bausch- und Monty-Python-Fan: Athina R. Tsangari.
Zur Person: Athina Rachel Tsangari studierte Literatur, Kunst und Film in Thessaloniki, New York und Austin und realisierte 1994 ihren ersten Kurzfilm.
    foto: viennale

    Pina-Bausch- und Monty-Python-Fan: Athina R. Tsangari.

    Zur Person:
    Athina Rachel Tsangari studierte Literatur, Kunst und Film in Thessaloniki, New York und Austin und realisierte 1994 ihren ersten Kurzfilm.

Share if you care.