Von Mördern, Monstern, Doppelgängern

14. Oktober 2010, 17:03
1 Posting

US-B-Movie-Meister und Festival-Gast Larry Cohen blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück - und ist trotzdem für viele ein Unbekannter

Die Viennale richtet ihm ein Tribute aus, um dies zu ändern.

Man muss sich nicht schämen, wenn man auch als passionierter Kinogänger den Namen Larry Cohen nicht kennt. Einfach deshalb, weil man dort heute nur höchst selten auf seinen Namen stößt.

Auf der Leinwand in einem Vorspann hat man ihn im deutschen Sprachraum zuletzt 2005 lesen können, als Autor von Final Call - Wenn er auflegt, muss sie sterben. Das war, wie aus dem Titelzusatz des im Original schlicht Cellular benannten Werkes hervorgeht, ein kleiner, feiner B-Film mit einer originellen Grundidee. Damit ist Cohen gleich doppelt verortet: als jemand, der im Bereich des B-Films, des Genrefilms arbeitet, und als einer, der in einem so hohen Ausmaß Ideen produziert, dass er sie selber gar nicht alle umsetzen kann. Das muss er meist anderen überlassen, die das unterschiedlich gut hinkriegen.

So hat er übrigens auch angefangen, 1958, als der damals 17-Jährige eine Idee ans Fernsehen verkaufen konnte. Später hat er Episoden für Fernsehserien (wie Columbo) geschrieben, Serien entwickelt (wie Invasion von der Wega) und Drehbücher fürs Kino gefertigt (wie Die Rückkehr der Glorreichen Sieben).

Cohens letzte Regiearbeit datiert aus 2006: Pick Me Up, den Cohen, was selten ist, nicht selber geschrieben hat, ist ein Beitrag der TV-Anthologie Masters of Horror, die Cohen in Gesellschaft von Genreveteranen wie John Landis, Joe Dante und Dario Argento sah. Trotz der geteilten Urheberschaft finden sich in dem 58-minütigen Werk Eigenheiten aus früheren Cohen-Arbeiten wieder.

Pick Me Up handelt von der Konfrontation zweier Serial Killer, der eine findet seine Opfer, indem er als Anhalter unterwegs ist, der andere, ein Truckdriver, indem er Anhalter mitnimmt. Der "Walker" und der "Wheeler" umkreisen sich, schließlich sitzen sie im Truck des Wheelers, zwischen ihnen eine gefesselte junge Frau - bevor die Geschichte ein ebenso überraschendes wie originelles Ende findet.

Ruhe vor dem Schrecken

Zwischen dem Schrecken hat der Film auch immer wieder komische Momente, Ruhepausen, auch das ist typisch für Cohen, der hier den "Wheeler" nicht nur zum Meister sarkastischer Bemerkungen macht, sondern einmal in einer Raststätte sogar ein Lied am Klavier anstimmen lässt. Dass das funktioniert, dafür garantiert schon der Darsteller Michael Moriarty, der hier zum fünften Mal in einem Cohen-Film zu sehen ist.

Auch das ist ein Merkmal von Cohens Arbeiten, dass er aus seinen Darstellern mehr herausholt, als man gemeinhin in neueren Exploitation-Filmen erwarten kann. Dabei gibt er nicht nur dem Nachwuchs (wie Moriarty) eine Chance, sondern zeigt auch seine Verbundenheit mit der Geschichte des Kinos: In Tanz der Hexen (1988) stand Bette Davis zum letzten Mal vor der Kamera, in God told me to (1976) zeigt sich Sylvia Sidney noch ganz auf der Höhe ihrer Schauspielkunst. The Private Files of J. Edgar Hoover (1976) beispielsweise ist geradezu ein Veteranentreffen und gibt Broderick Crawford in der Titelrolle des berüchtigten FBI-Chefs, 26 Jahre nach Der Mann, der herrschen wollte, noch einmal die Gelegenheit, einen rücksichtslosen Machtmenschen zu verkörpern.

Michael Moriarty wirkte wie dessen jüngeres Ebenbild, höchst smart als Industriespion in The Stuff (einer sarkastischen Attacke auf die Konsumkultur) und sich selbst überschätzend als viel quasselnder Juwelendieb in Q - The Winged Serpent (1982). Q, das ist in diesem Film nämlich nicht nur das Monster Quetzalcoatl, sondern eben auch der Kleinkriminelle Jimmy Quinn, der dessen Versteck entdeckt und beschließt, sich das zunutze zu machen.

Auf die Spitze treibt Cohen das klassische Horrormotiv des Doppelgängers in God told me to, der mit Amok laufenden New Yorkern beginnt, die auf die Frage nach dem Warum immer wieder antworten: "God told me to." Am Ende wird der Ermittler mit einem höchst eigenwilligen Monster konfrontiert (man muss es gesehen haben, um es zu glauben) und in seinem katholischen Glauben schwer erschüttert.

Später umgetitelt in Demon, war dieser Film nicht leicht zu kategorisieren, das trifft auch auf Cohens Regiedebüt zu, weshalb Bone (1972) später auch als Housewife, White Meat, Black Bone, Beverly Hills Nightmare und Dial Rat for Terror herausgebracht wurde. Ein klassisches Kammerspiel, die Konfrontation eines gutbürgerlichen weißen Ehepaare in ihrem Beverly-Hills-Luxusanwesen mit einem schwarzen Eindringling, der gleich zu Beginn die Harmonie des Paares beschädigt.

Dass der Film mit keinem der Titel und keiner der unterschiedlichsten Werbekampagnen ein Kassenerfolg wurde, mag Cohen dazu veranlasst hat, fortan in etablierten Genres zu arbeiten. Das zahlte sich aus: 1974 gelang ihm mit It's Alive der Sprung an die Spitze der amerikanischen Box-Office-Charts. Die Geschichte vom mörderischen Nachwuchs, der zu Beginn einen Kreißsaal voller Leichen zurücklässt, bewegte sich in Gesellschaft zahlreicher Horrorfilme, die die Angst vor dem Nachwuchs formulierten und zwei Jahre später mit Das Omen sogar ein Studio-Franchise etablierten.

Produktiv auf Film und VHS

Als Regisseur waren die Jahre 1972 bis 1990 Cohens produktivste Phase, seine Filme wurden von etablierten B-Firmen wie American International Pictures (bei denen zwanzig Jahre zuvor schon Roger Corman begonnen hatte) oder New World (nachdem Corman dort ausgestiegen war) in die Kinos gebracht und bedienten später den boomenden Videomarkt, der in den Achtzigerjahren auch die einzige Chance bot, Cohens Filme hierzulande zu sehen: Auf vier Kinostarts kamen zwischen 1973 (Black Caesar) und 1996 (Original Gangstas) zwölf Videopremieren. Es ist spät, aber noch nicht zu spät, das Werk dieses Mavericks kennenzulernen. (Frank Arnold / DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2010)

 

  • Klassischer Gangsterfilm trifft auf Blaxploitation: Fred Williamson (Mi. ) in "Black Caesar" aus dem Jahr 1973 als Junge aus dem Ghetto, der nicht nur Geld und Macht, sondern auch Rache will.
 
    foto: viennale


    Klassischer Gangsterfilm trifft auf Blaxploitation: Fred Williamson (Mi. ) in "Black Caesar" aus dem Jahr 1973 als Junge aus dem Ghetto, der nicht nur Geld und Macht, sondern auch Rache will.

     

  • Larry Cohen unter Monsterpuppen: Zur Viennale wird der "Master of Horror" und B-Movie-Profi auch als Gast in Wien erwartet, etwa zur Gala im Gartenbau am 26. 10. um 20.30.
 
    foto: viennale


    Larry Cohen unter Monsterpuppen: Zur Viennale wird der "Master of Horror" und B-Movie-Profi auch als Gast in Wien erwartet, etwa zur Gala im Gartenbau am 26. 10. um 20.30.

     

Share if you care.