Teure Sehnsucht nach Sicherheit

14. Oktober 2010, 13:44
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Lebensversicherungen sind intransparent, unflexibel und teuer - und trotzdem nicht umzubringen

Was verbindet 10,4 Millionen Österreicher, gilt als Versorgungsform Nummer eins ob eines plötzlichen Ablebens für die Hinterbliebenen und nimmt in seiner Beliebtheit quasi stündlich zu? Wem hier als Antwort die Lebensversicherung einfällt, liegt goldrichtig. Im Schnitt besitzt jeder Österreicher 1,3 Verträge des Klassikers unter den Vorsorgeprodukten. 69 Prozent davon wollen laut einer aktuellen Umfrage des Vereins für Konsumentenschutz (VKI) ihren Angehörigen im eigenen Todesfall einen Geldpolster hinterlassen. Können so viele Menschen irren? Sie können, so Gabi Kreindl vom VKI. Grund dafür sei ein von den Versicherern bewusst in Kauf genommener Irrglaube. Kreindl: "Die klassische Lebensversicherung, wie sie in Österreich boomt, ist ein Mischprodukt. Der Verbraucher zahlt in eine Erlebens- und Ablebensversicherung ein, und das über Jahrzehnte." Was tatsächlich bei Ablauf des Vertrages herausschaut, wisse der Konsument nicht. Trotzdem sei in den letzten Jahren eine ständig steigende Nachfrage zu beobachten.

Böse, versteckte Kosten

Ganz will der VKI nicht den Stab über den Lebensversicherungen brechen. Walter Hager vom Bereich Untersuchungen: "Das Produkt an sich wäre gar nicht schlecht. Wären da nicht die Kosten und die Intransparenz." Denn genau hier spießt es sich. Über die tatsächlichen Kosten, die eine Lebensversicherung in sich birgt, erfährt der Kunde so gut wie nichts. Erstmals ist es dem VKI gelungen, in diese - anhand von anonym-Anfragen bei verschiedenen Versicherern - etwas Licht zu bringen. Hager: "Ausgangspunkt war die Annahme, der Verbraucher zahlt zwanzig Jahre lang monatlich den Betrag von 100 Euro ein, da sollten bei Ablauf des Vertrages 24.000 Euro herausschauen. Doch nach dieser Zeit folgt das böse Erwachen."

Laut Erkenntnissen des VKI werden in obigem Beispiel nämlich lediglich 19.200 Euro ausbezahlt. Der Wurm steckt - wie so oft - im versteckten Detail: 850 Euro fressen einmalige Abschlusskosten, 510 Euro die jährlichen Abschlusskosten, 400 Euro die Verwaltungskosten, 960 Euro die Stückkosten, 380 Euro die Risikoprämie, 920 Euro die Versicherungssteuer und schließlich 960 Euro ein hier angenommener Unterjährigkeitszuschlag. Hager wünscht sich mehr Aufklärung: "Mit jedem Bausparer fährt man in diesem Fall günstiger." Der VKI kritisiert aufs Schärfste, dass der Konsument mit keinem Wort über die versteckten Kosten informiert wird. In den letzten fünf Jahren seien etwa 5.000 Verträge nachträglich geprüft worden. Chancen, etwas von seinem Geld zurückzubekommen, gäbe es so gut wie nicht. Hager: "Die Versicherer sichern sich mittlerweile mit dem Sternchen am Ende des Vertrags oder mit dem bekannten Kleingedruckten ab."

Mit anderen Worten: Veranlagt werden nicht die vom Versicherten gewähnten 100 Euro, sondern lediglich 79 Euro, ohne dass der Verbraucher es bemerkt.

Kreindl fügt dem hinzu: "Die genannten Kosten werden gleich zu Beginn des Vertrags fällig, sprich in den ersten fünf Jahren. Auch der Vertragsvermittler erhält seine gesamte Provision mit Vertragsabschluss. Die Provision entspricht ungefähr einer Jahresprämie." Für den Verbraucher heißt das zudem, dass ein vorzeitiger Vertragsausstieg nicht nur ein Nullsummenspiel ist, schlimmer noch, er steigt mit einem Verlust aus. Als Faustregel gilt: Zur Hälfte der Laufzeit springt weniger heraus, als man eingezahlt hat.

Vom Regen in die Traufe

Besonders tückisch wird es, ändern sich beispielsweise die Lebensumstände des Versicherten. Kann er die Prämie nicht mehr zahlen und reduziert sie, was prinzipiell möglich ist, hat er die Kosten auf Basis der ursprünglich vereinbarten höheren Prämie zu tragen. Wechselt er gar den Anbieter und geht zu einer anderen Versicherung, gerät er unwillkürlich in einen Teufelskreis. Kreindl: "Wieder fallen Kosten an, wieder ist der Verbraucher über Jahrzehnte gebunden, um überhaupt sein Geld zu sehen. Wir raten daher strikt von einem Wechsel ab und - das wird leider immer verschwiegen - empfehlen zu jährlichen Zahlungen. Das bringt eine Ersparnis von circa sechs Prozent." Dennoch - laut VKI lösen rund 70 Prozent ihre Lebensversicherung vorzeitig auf.

Warum sich die klassische Lebensversicherung dennoch ungebrochener Beliebtheit erfreut, ist Hager "ein Rätsel". Lagen die Zinsen vor einigen Jahren noch bei sieben, acht Prozent, ist die gesetzliche Mindestverzinsung mittlerweile auf zwei Prozent gesunken und gilt ab kommendem Jahr für neu abgeschlossene Verträge.

Die zurzeit vorgesehene Umsetzung der Solvency-II-Regeln könnte das Ende der heutigen regulierten Altersvorsorge über Lebensversicherer bedeuten und Versicherer zu einem Umdenken zwingen. Hager: "Solvency II wird in der klassischen Lebensversicherung aufgrund der umfangreichen Garantien zu deutlich steigendem Eigenkapital-Erfordernis führen. Daher werden einzelne Anbieter überlegen, entweder Produkte ohne solche Garantien oder möglicherweise gar keine klassischen Lebenspolizzen mehr anzubieten." Wer seine Lieben in der Zwischenzeit noch absichern will, dem rät Kreindl zur Risikoablebensvorsorge: "Bei einer Prämie von beispielsweise 70 Euro im Monat und einer Vertragsvereinbarung von, sagen wir 200.000 Euro könnte der Versicherte am nächsten Tag sterben - und seine Angehörigen bekommen auch tatsächlich die vereinbarte Summe ausbezahlt." (Sigrid Schamall)

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    Lebensversicherungen als Absicherung für Hinterbliebene erweisen sich häufig...

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    ...als Schnäppchen mit Haken.

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